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Bianca Herlo

Senior Researcherin fĂŒr Civic Design, Digital Sovereignty und Social Design
Design Research Lab, UDK Berlin

Kurzbeschreibung

Heute sind wir zu Gast im Design Research Lab der UdK Berlin. Die Forschungsgruppe besteht aus 20 wissenschaftlichen MitarbeiterInnen, hier werden vor allem interdisziplinĂ€re Projekte der Designforschung durchgeführt. Zielsetzung war es von Beginn an Brücken zwischen Technologien, Innovationen und realen Anforderungen der Menschen in ihrem Alltag zu schaffen. Durch das Lab entsteht hier an der UdK ein neuer Schwerpunkt, der die Potenziale in Forschung und Entwicklung durch und mit Design ins Zentrum stellt. Damit trĂ€gt die UniversitĂ€t einer internationalen Entwicklung Rechnung, die sich Design auch in seiner spezifischen Forschungskompetenz vorstellt und positionieren möchte. Aktuelle Themenbereiche sind BeitrĂ€ge zu neuen taktilen Interaktionsformen mit EndgerĂ€ten, Textiltechnologie, gentrifizierte Anforderungen an Kommunikationstechnologien, Konzepte der Nachhaltigkeit in lokalen Nachbarschaften und alternative Kommunikationsformen, die durch GebĂ€rdensprache und Gehörlose inspiriert sind. Sprechen dürfen wir heute mit Bianca Herlo. Sie ist Forscherin, Dozentin, Leiterin der Arbeitsgruppe Ungleichheit und digitale SouverĂ€nitĂ€t am Weizenbaum Institut für vernetzte Gesellschaft und stellvertretende Leiterin des Design Research Labs. Sie lehrt Design und Designtheorie an unterschiedlichen Hochschulen und ist seit 2014 auch Vorstandsmitglied der deutschen Gesellschaft für Designtheorie und Forschung.

Das GesprĂ€ch mit Bianca Herlo fĂŒhrte Niklas MĂŒnchbach am 22.10.2019 an der UDK Berlin.

Motivation

Bei der Recherche zum Lab und ihrer Person hat uns sehr beeindruckt, wie viel Sozialverantwortung Design übernehmen kann. Dementsprechend haben wir uns gefragt, ob das ihre Motivation ist, jeden Tag aufzustehen und in diesem Bereich zu arbeiten?

Ob das jeden Tag meine Motivation ist? Das wĂ€re ein bisschen übertrieben. Es ist natürlich sehr schön, innerlich zu seiner TĂ€tigkeit stehen zu können und zu versuchen, die Welt so verantwortungsvoll wie möglich zu begreifen, mitzugestalten und sich in irgendeiner Weise nützlich zu machen. Bei uns geschieht das eben nicht nur aus der Designperspektive, sondern auch aus der Designforschungsperspektive. Dennoch wĂ€re ich sehr vorsichtig mit dieser Formulierung, denn eine gute Intention heißt nicht unbedingt, ein gutes Ergebnis oder eine bessere Ausgangssituation. Für unsere AktivitĂ€ten hier am Design Research Lab ist aber durchaus relevant, dass die meisten sich als politische Menschen verstehen und dementsprechend auch eine politische Haltung in die TĂ€tigkeit hineintragen. Dementsprechend wird auch die Disziplin Design und auch die Designforschung in diese Richtung mit gelenkt. Wir stehen vor sehr vielen neuen Herausforderung in der Gesellschaft, diese beeinflussen auch das Design, als eine von vielen Arten der kulturellen Produktion.

Designbegriff

Auf jene Herausforderungen werden wir spÀter noch zu sprechen kommen. Davor steigen wir aber mit der leichtesten Frage ein, die man einer Gestalterin und Designforscherin stellen kann. Was ist ihr persönlicher Designbegriff?

Das ist wohl ironisch, dass es die leichteste Frage ist. Darüber diskutiert die Disziplin, seitdem sie sich als solche schimpft, was ist Design überhaupt und wie ist unser DesignverstĂ€ndnis. Je mehr Blicke darauf gerichtet werden, desto vielfĂ€ltiger wird dieses VerstĂ€ndnis. Persönlich beschreibe ich Design gerne als Round Table. Die Kompetenz, viele Perspektiven, viele Interessen, viele Akteure an einen Tisch zu bringen und Aushandlungen zu gestalten. Das kann produktorientiert sein, das kann prozessorientiert sein, das kann lösungsorientiert sein. Ich finde es für meine TĂ€tigkeit jedoch extrem wichtig, dass dabei nicht nur das Endprodukt im Mittelpunkt steht, sondern der Weg dahin – und alle Implikationen, die ein solcher Prozess mit sich bringt. Dieser Ansatz findet sich momentan in vielen Diskursen um Design als Disziplin.

WĂŒrden Sie im Umkehrschluss sagen, dass die Dinge, die nicht dafür sorgen, dass wir mit anderen Disziplinen an diesem Round Table sitzen, nicht zur Disziplin gehören?

Das will ich nicht ausschließen, ganz und gar nicht. Das ist lediglich der Ausschnitt, mit dem ich mich beschĂ€ftige. Design ist so vielfĂ€ltig in seinen unterschiedlichen AusprĂ€gungen, die „traditionellen“ Design-Kompetenzen sind nach wie vor extrem relevant, und sie wurden schon immer in komplexen gesellschaftlichen Kontexten, in denen sie eingebettet sind und die sie mit bespielen, betrachtet. Es geht nicht um eine Verschiebung, die dabei BewĂ€hrtes ausschließt, sondern um die Einbindung neuer DomĂ€nen, neuer Bereiche, neuer TĂ€tigkeitsfelder und dementsprechend neuer Verantwortungskontexte, die mit VerĂ€nderungen in der Gesellschaft einhergehen.

Ihr Begriff von Design kann daher nicht final formuliert werden, weil ja immer etwas Neues aus anderen Disziplin dazu kommen soll. Ist Design also fluide und entwickelt sich in einer Gesellschaft mit?

Es ist durchaus fluide und etwas, was sich immer wieder neue Beziehungen zur Wirklichkeit erschließen muss. Zentral ist im Design auch, dass sowohl die Makroperspektive (also das VerstĂ€ndnis der ZusammenhĂ€nge und das Abstrahieren von dem, was inhĂ€rent im Design enthalten ist) als auch das VerstĂ€ndnis der lokalen Kontexte auf der Mikroebene, das nicht das gesamte Bild ausmacht, aber qualitativ extrem relevant ist, zusammen gedacht werden. Diese beiden Ebenen zu verbinden ist etwas, was Design kann und tun sollte.

Gehört Kommunikationsdesign zu ihrem VerstÀndnis der Designdisziplin?

Ja selbstverstÀndlich, es ist ja ein Teil davon. Es ist eine unglaublich wichtige Kompetenz, in komplexen Prozessen das Essenzielle vermitteln, kommunizieren und abstrahieren zu können. Dabei geht es nicht nur um KomplexitÀtsreduktion, sondern auch um das Suchen und Finden einer Narration. Unser WeltverstÀndnis baut auf Geschichten und der Art und Weise, wie wir Tatsachen zusammenstellen, auf. Ein Teil dieses Prozesses obliegt dabei dem Kommunikationsdesign.

Theorie & Praxis

Wie ist es um das VerhÀltnis zwischen Theorie und Praxis aus ihrer Sicht gerade bestellt?
Das VerhĂ€ltnis von Theorie und Praxis ist nicht besonders gut, aber es Ă€ndert sich vieles. Zum Teil sind die Fronten an den Design-Hochschulen in Deutschland recht verhĂ€rtet – das lĂ€sst sich daran beobachten, dass diese Bereiche voneinander getrennt verhandelt werden. Zum Teil wird jedoch die Bedeutung von Designtheorie in der Hochschullehre neu verhandelt. Mein Wunsch ist, dass Theorie und Praxis nicht mehr separiert betrachten, sondern integrativ gedacht und in die Lehre eingeschrieben werden. Das Reflektieren über das, was man tut, was dadurch passiert und welche Implikationen und Konsequenzen damit verbunden sind, ist die tragende SĂ€ule der Designtheorie. Diese SĂ€ule vom Machen, vom Entwurf zu trennen, vom Selbsterfahren und Reflektieren im Machen, erscheint mir wenig zielführend. Die Lehrpraxis muss in der Lage sein, beide Ebenen sinnvoll zusammenzudenken. Natürlich ist es wichtig, dass man sich Schwerpunkte im Designstudium setzten darf, ob das eher hands-on oder auf einer reflexiven, wissenschaftlichen Ebene ist, kann man sich aussuchen, aber Theorie und Praxis müssten generell viel enger beieinander gedacht werden. Ich erlebe, dass Design-Theoriekurse von den Studierenden als Pflicht empfunden werden – und das Schöne sind dann die Entwurfsprojekte. Meiner Meinung nach dürfte man daher in Designtheoriekursen nicht nur Texte lesen, Referate halten und sich darüber unterhalten, was Design ist und kann, sondern die Theorie mit Projektarbeiten und Entwurfsprozessen stĂ€rker verbinden.
Das klingt zwar sehr spannend, aber wie stark sehen Sie denn gerade den Einfluss der Designtheorie auf die Praxis?
In der Designforschung – der Forschung durch Design vor allem – ist der Einfluss durch die iterativen Prozesse und in der interventionistischen Art und Weise, Prozesse und Produkte zu gestalten, sehr groß. Auch die Reflexion darüber, was etwas bewirkt und wie sich neue Kontexte und Situationen durch die Interventionen gestalten, helfen dabei, neue Modelle zu entwickeln. Um diese Modelle auszutesten, gehen wir erneut damit in die Welt. Das ist es, was die Forschung durch Design so spannend und manchmal auch sehr aufwendig macht. In der Lehre finde ich dieses Vorgehen auch sehr spannend. Das versuche ich, wenn genügend Zeit da ist, in meinen eigenen Kursen zu implementieren. Hierbei wird im ersten Schritt ein theoretisches Modell erarbeitet, daraufhin kommt es zur Anwendung durch die Entwicklung von Konzepten in Gruppenarbeit. Die Reflexion und Prüfung findet dann draußen, „im Feld“ statt, indem Menschen mit den Prototypen konfrontiert werden. Je nach Aufgabenstellung wird dann in einem letzten Schritt ein Gegenmodell entwickelt oder eine andere Theorie zurate gezogen, um zu erkennen, ob und wie das die TĂ€tigkeit und die Art, sich selbst als DesignerIn in der Welt wahrzunehmen, verĂ€ndert.
Das ist ein sehr schönes VerstĂ€ndnis vom Designprozess. Wir haben das Gefühl, dass das Design Research Lab ein Flaggschiff in Deutschland für die Designforschung ist. Stimmt das, oder wie bewerten Sie die Situation in ihrer Disziplin gerade?
Das ist wirklich eine schwere Frage. Ich kann das nicht wirklich einschĂ€tzen, allerdings haben wir auch das Gefühl, seit Jahren Pionierarbeit zu leisten. Das ist zwar das Spannende daran, macht es aber andererseits auch sehr schwierig. Wir treffen mitunter auf enormen Zuspruch, aber auch auf große WiderstĂ€nde und Widerspruch, da sich eine Kultur der Autorschaft im Design überrumpelt fühlt. Damit meine ich zum Beispiel den Mythos um die „geniale“ Gestalterpersönlichkeit, um die sich die Lehre oft bildet und die den Kult um Design vertritt. Es gibt unterschiedliche Kulturen in den unterschiedlichen Bereichen der Hochschulen, in Deutschland ist aber generell immer noch eine Abwehrhaltung gegenüber forscherischen TĂ€tigkeiten zu spüren. Bei DesignerInnen dreht sich vieles um die eigene Autorschaft, forschen und designen bedeutet aber auch Kollaboration, Partizipation, interdisziplinĂ€res Arbeiten, Austausch mit Experten des eigenen Alltags oder die intensive Auseinandersetzung mit anderen, nichtakademischen Akteuren und Expertisen. Die meisten an diesem „runden Tisch“ haben keine Designkenntnisse, müssen aber auf Augenhöhe begegnet werden, das ist ein Kulturwandel und daher schwierig durchzusetzen. Deshalb leisten DesignforscherInnen sehr viel Übersetzungs- und Überzeugungsarbeit – vor allem wenn es darum geht, Finanzierungsmöglichkeiten zu bekommen.
Wir haben gerade von einem Kulturwandel gesprochen, in dem es schwierig ist an Forschungsgelder zu kommen. Ein Kulturwandel ist gleichzeitig auch ein Indiz der VerÀnderung. Welche Chancen und Risiken ergeben sich aus diesem Wandel?
Außerhalb der universitĂ€ren, akademischen Designforschung bin ich überfragt, ich weiß tatsĂ€chlich nicht, welche Chance man heutzutage hat, wenn man im oben beschriebenen Sinne designforscherisch unterwegs sein möchte. Es gibt natürlich Unternehmen mit Forschungsabteilungen, aber das ist eine ganz andere Art des Forschens, die sich in der Regel viel stĂ€rker am Auftrag orientiert. Wenn ich aus meiner eigenen Perspektive berichte: Ich verbinde Forschung und Lehre und unterrichte Civic Design und Soziales Design, wobei ich versuche, ein starkes Bewusstsein für die gesellschaftliche Verantwortung von Design zu transportieren, neue TĂ€tigkeitsfelder im Design zu erschließen, die sich den sozialen RealitĂ€ten stellen, Studierende anzuhalten, sich politisch zu engagieren und den gesellschaftlichen Wandel mit zu führen und gemeinwohlorientiert mit zu prĂ€gen. Dafür gibt es aber, nach dem man seinen Abschluss gemacht hat, noch wenige konkrete Jobs auf dem Arbeitsmarkt. Das ist ein Dilemma, denn neue Handlungsfelder müssen erst als solche identifiziert und als designrelevant benannt werden. Da muss man also sehr genau hinschauen, wie die AbsolventInnen eigentlich auf neue Herausforderungen vorbereitet sind. Daher halte ich das ganze Thema in der Lehre auch für sehr risikobehaftet: Civic Design bereitet mitunter auf Pionierarbeit vor. Denn es erschließen sich ganz neue TĂ€tigkeitsfelder, etwa in öffentlichen Institutionen, Nichtregierungsorganisationen oder politischen Einrichtungen, die aber als Designfelder noch nicht beschrieben werden. Dort sind designerische Kompetenzen gefragt, doch weder die Institutionen selbst wissen das, noch kommen DesignerInnen auf die Idee, sich dort „einzuzecken“ und daraus einen Designforschungsbereich zu machen. Aber gerade solchen Herausforderungen kann sich Design stellen, unsere Kompetenzen und Fertigkeiten sind dort gerade sehr gefragt. Das halte ich für eine schöne Chance, gleichzeitig mit diesem kulturellen Wandel in den Designhochschulen ein neues gesellschaftliches VerstĂ€ndnis von Designern zu etablieren, das über das „Aufhübschen und besser Verkaufen“, was nach wie vor noch zur gĂ€ngigen Außensicht auf Design gehört, hinaus geht. Das wĂ€re schön, ich weiß zwar nicht, wie schnell das geht, aber ich sehe da das Potenzial.

Mittel & Methoden

Wie bekommen wir es hin uns da einzuzecken und mit welchen Mittel und Methoden können wir diesen Herausforderungen begegnen?

Es muss aus beiden Richtungen kommen, zum einen sollten in der Lehre Zukunftsperspektiven, neue TĂ€tigkeitsfelder und transformative Potenziale im Design stĂ€rker thematisiert werden. Hierbei müssen wir berücksichtigen, was im Zuge der Digitalisierung, der gesellschaftlichen VerĂ€nderungen, der großen Risiken, denen wir uns gegenübergestellt sehen, passiert und was ökologische, aber auch soziale und ökonomische Nachhaltigkeit einschließt. Auf der anderen Seite müssen wir stĂ€rker die Zusammenarbeit mit Institutionen und Organisation suchen, die die Arbeit in neuen TĂ€tigkeitsfeldern des Designs ermöglichen; und gleichzeitig an Unternehmen dieses neue VerstĂ€ndnis unserer Disziplin herantragen. Design Thinking hat in diesem Sinne schon hervorragende Arbeit geleistet, mit einem Label. Ich betrachte das allerdings sehr kritisch, da es einem Heilversprechen gleichkommt, das ad absurdum getrieben wird, indem, zugespitzt formuliert, ein Workshop und ein paar „Zettelchen“ ein ganzes Unternehmen neu denken lĂ€sst. Für uns DesignerInnen hat es nichtsdestotrotz vieles positiv beeinflusst, denn es hat sich herumgesprochen – bei den Unternehmen genauso wie bei den politischen Institutionen oder in Administrationen – dass mit Designmethoden einiges erreicht werden kann, was von uns als Türöffner genutzt wird. Das hilft uns manchmal, einen Fuß in die Tür zu bekommen und dann, wenn wir drin sind, zu erklĂ€ren, dass wir eigentlich Designforschung machen. Das funktioniert manchmal, denn Design bedeutet momentan für die meisten außerhalb der Disziplin, gute Webseiten und tolle Interaktionen, Design Thinking hingegen ist etwas, bei dem man gemeinsam entwickelt und anders, experimenteller denkt. Solche Tricks müssen wir finden. Für die Absolvierenden ist es wichtig zu wissen, dass sie Pionierarbeit leisten, aber daher auch Risiken eingehen müssen, wenn sie an solchen TĂ€tigkeitsfeldern interessiert sind. Das muss man thematisieren, darüber reflektieren, ein SelbstverstĂ€ndnis und eine eigene Positionierung wĂ€hrend des Studiums finden. Zudem halte ich es für extrem relevant, den gesellschaftlichen Impact stĂ€rker zu thematisiert und sich darüber bewusst zu werden, dass man mit allem einen Impact ausübt. Das gilt für eine Zahnbürste ebenso wie für digitale Plattformen und soziale Netzwerke, die hervorragend designt sind – so, dass sie zu einer starken AbhĂ€ngigkeit, zu Manipulation und Meinungsmache etc. führen. Und wir geben unsere Daten freizügig her, weil die Erfahrungen mit den Interaktionen sehr positiv und designerisch exzellent sind. Das hilft den Big Five dabei, viel Macht zu akkumulieren, was mitunter auch in die Verantwortung von DesignerInnen fĂ€llt, das muss man mit bedenken.

Da hĂ€ng natürlich die Frage hinten dran, wie das am besten vermittelt werden könnte. Was sind die Voraussetzung für gutes transdisziplinĂ€res oder interdisziplinĂ€res lernen?
Naja, ich glaube, das ist ziemlich einfach, man muss sich konkrete Projekte aussuchen – also keine reine Konzeptarbeit – und dann problemfindungsorientiert und nicht nur lösungsorientiert arbeiten. Meist geht man als DesignerIn mit bestimmten Vorannahmen in eine Community, es wĂ€re wichtig zu lernen, diese Annahmen zu hinterfragen. Vielleicht wurden sie medial vermittelt oder gesellschaftlich geprĂ€gt, vielleicht sind sie falsch und die eigentlichen Problemlagen, Schwierigkeiten oder Interessen dieser Community liegen ganz wo anders. Indem man sich zum Beispiel ein Semester lang mit einem realen Partner zusammensetzt und mit den Leuten nicht als Auftraggeber, sondern als Partner arbeitet, kann man ein anderes VerstĂ€ndnis im Studium implementieren.
Sind sind diese Voraussetzungen hier im Studium erfüllt?
Vor einiger Zeit gründeten wir zu fünft eine Forschungsgruppe mit dem Themenschwerpunkt „Civic Infrastructures“, dort sah ich gute Voraussetzungen dafür. Seitdem experimentiere ich mit dem Social Living Lab Konzept. Das ist ein Ansatz, der nicht nur methodologisch bei Aufgaben und Fragestellungen das Partizipatorische und Kollaborative stark befürwortet, sondern auch physisch begreift. Das heißt konkret, wir waren mit den Studierenden beispielsweise zwei Tage die Woche vor Ort am Mehringplatz in Berlin-Kreuzberg, wir haben nicht nur „mal so“, feldforschungsmĂ€ĂŸig reingeguckt, die Leute dort befragt und alles weitere in der Uni erarbeitet, sondern der Kurs hat dort stattgefunden. Dazu gehört auch mal abends mit den Leuten vor Ort ein Bier zu trinken oder 3 Stunden im CafĂ© abhĂ€ngen und mitzukriegen, was dort passiert. Hierdurch entwickelten sich ganz zufĂ€llige Begegnungen und soziale Interaktionen, vor allem aber ein VerstĂ€ndnis des lokalen Kontextes, was die Konzepte für diese Nachbarschaft stark beeinflusste.
Das heißt wir müssen raus in die Welt gehen?
Ja, das Verstehen und Konfrontieren mit den Wirklichkeiten und lokalen Kontexten ist wirklich relevant für Design.
Vorhin fiel das Wort Reflexion, brauchen wir mehr Reflexionsspielraum in der Designlehre?

Mehr Zeit, um Dinge zu reflektieren, brauchen wir immer. Ich habe noch auf Diplom studiert und empfand es als sehr bereichernd, diese Zeit zu haben bzw. mir diese Zeit nehmen zu können. Ich habe zum Beispiel ein Semester lang an einem vierminütigen Kurzfilm gearbeitet – und wĂ€hrenddessen, als Kontrast, als Cutterin einer Fernsehsendung mein Geld verdient und dabei in einem unwahrscheinlich hohen Tempo gearbeitet. Das war schön absurd in der Gegenüberstellung, aber an der Uni eben eine wirklich wertvolle Zeit für mich, in der ich 6 Monate lang an einem Kurzfilm arbeiten durfte. Mit der Aufteilung in Bachelor und Master ist alles enger getaktet, zumindest nach meiner Beobachtung der letzten Jahre. Das Studium wirkt gehetzter, das ist sehr schade, denn ich glaube, an den Hochschulen braucht man die geschützten ReflexionsrĂ€ume. Es ist eine einmalige Chance, die ich immer bevorzugen würde. Wie man allerdings einer engeren Taktung entgegenwirken kann, weiß nicht.

Kompetenzen

Welche Kompetenzen spielen heute, trotz der engeren Taktung, eine Schlüsselrolle für DesignerInnen?

Zum Beispiel andere Kontexte verstehen und diese Kontexte mitteilen können, ich nenne das Übersetzungskompetenz. Das bedeutet für mich, eine Logik in eine andere Ebene überführen zu können und sowohl für ein akademisches Publikum als auch ein nicht akademisches in der Lage zu sein, Erkenntnisse verstĂ€ndlich und angemessen zu verpacken und mitzuteilen. Auch ein interdisziplinĂ€res VerstĂ€ndnis ist für mich eine Schlüsselkompetenz, und das Einlassen auf andere, nicht nur emphatisch, sondern das Verstehen, was dem Gegenüber wichtig ist und eine gemeinsame Intention finden. Momentan wird viel über Empathie gesprochen, das ist auch wichtig – aber es ist nicht alles, denn das Verstehen der emotionalen Ebene geht weiter als ein empathisches Gefühl. Die Kompetenz des Verstehens von Interessen und ZusammenhĂ€ngen und das gemeinsame Adressieren dessen muss, wie viele andere Kompetenzen auch, erlernt werden.

Sprich, Sie würden sagen wir sollten eher Universalisten als Spezialisten werden?

Ich bin der Meinung, wir sind sowieso schon Universalisten. Am Ende
eines klassischen Designstudiums weiß man nicht wirklich, was man
eigentlich kann, im Sinne eines Spezialwissens. Es gibt viele sehr spezialisierte
Disziplinen wie das Ingenieurwesen, die Musikwissenschaft und
so weiter, Design hingegen kann, zugespitzt formuliert, ein bisschen was
von allem. Das ist also bereits vorhanden und kann auch eine StÀrke sein.
Nach dem Studium oder im Master kann man sich dann spezialisieren,
eine stĂ€rkere Öffnung ist daher sicher gut. Jeder muss einen Weg für sich
finden, wichtig an der Ausbildung ist, genau diesen Findungsprozess angemessen
zu unterstützen und zu ermöglichen. Zudem wĂ€re es wichtig,
diese StÀrke auch als solche zu kommunizieren. DesignerInnen haben die
FĂ€higkeit und das Instrumentarium, sich in Kontexte und neue Themen
schnell einzudenken und ein VerstÀndnis aufzubauen, auch wenn es davor
keine Berührungspunkte gab.

Designlehre

Wo sehen Sie gerade die grĂ¶ĂŸte Herausforderung für die Designlehre

Ich sehe die grĂ¶ĂŸte Herausforderung darin, Studierenden genügend Raum zu lassen, um herausfinden zu können, wo sie hingehören und wie sie sich wahrnehmen, um sich im Studium zu positionieren und dahingehend relevante (Neben-)FĂ€cher zu wĂ€hlen. Eine zweite große Herausforderung ist die Zusammenführung von Theorie und Praxis, also Theorie als etwas zu verstehen, was nicht absolviert werden muss, sondern Theorie als etwas zu begreifen, das grundsĂ€tzlich dabei hilft, über Prozesse nachzudenken und dazu beitrĂ€gt, ein VerstĂ€ndnis für sich und für seine Arbeit zu entwickeln. Das ist nicht einfach und für Lehrende natürlich viel aufwendiger.

Ethik & Moral

Kommen wir nun zur letzten Frage. Welche Rolle sollte Ethik und Moral in der Design Lehre spielen, wie sollten wir damit umgehen?
Ich würde von Ethik allein sprechen, Moral ist ein Regelwerk, Ethik denkt über die Regeln nach und hinterfragt diese auch, Moral bedeutet stark normierte Vorstellungen und ich glaube, das wĂ€re eher schĂ€dlich. Ich möchte niemandem vorschreiben müssen, beispielsweise ökologisch oder sozial nachhaltig zu leben oder zu designen. Ich möchte aber, dass DesignerInnen darüber nachdenken und bewusst entscheiden, ob sie das machen. Die Freiheit des Einzelnen ist immer noch sehr wichtig, aber es muss verstanden werden, in welchen Kontexten wir uns bewegen, in welcher Gesellschaft wir leben und in welcher Gesellschaft wir leben wollen. Letzteres ist die große, extrem wichtige Frage für DesignerInnen. Ich glaube, die Fragen nach der Verantwortung und damit die Fragen der Ethik in Bezug auf ein besseres Miteinander sind im Moment ein Muss in der Designlehre.
Sprich, wir müssen den ethischen Kompass der Studierenden, mit dem sie dann raus in die Welt gehen schĂ€rfen, damit sie wissen wo sie sich bewegen und wohin sie eigentlich möchten?

Genau und auch um zu verstehen, soweit wir das überhaupt begreifen können, was unser Handeln für Konsequenzen haben kann. Der Versuch sollte unternommen werden, das zu begreifen. Ob innerhalb eines Unternehmens, eines Forschungsinstituts oder eines Ministeriums, es gibt viel SpielrĂ€ume, egal, was von dir erwartet und verlangt wird. Das zu begreifen, schon im Vorfeld zu erfahren, wie viel Entscheidungsmacht wir eigentlich haben, trotz Ă€ußerer ZwĂ€nge, ist essenziell. Es gibt tausende von Gründen wie Geldnot, strenge Regulation oder Vorgesetzte, um Verantwortung abzugeben. Deshalb ist es wichtig, ein Selbstbewusstsein bei den Studierenden zu fördern, dass sie – egal, in welchem Kontext – Handlungs- und EntscheidungsspielrĂ€ume haben. Letztlich also ein politisches Bewusstsein fördern. Zu lehren, dass Design per se politisch ist, ob bewusst oder nicht, und umso bewusster, umso besser, wĂ€re ein großer Fortschritt für die Disziplin.

Das war ein schönes Schlusswort. Ich hoffe, wir können auch einen kleinen Beitrag zur Selbstwirksamkeit von Designstudierenden leisten, mit Interviews wie diesem sollte das aber klappen. Vielen Dank für ihre Zeit.