Dr. Sarah Diefenbach
Professorin für Gestaltung interaktiver Technologien, LMU München
Heute sprechen wir in einem Telefoninterview mit Sarah Diefenbach. Sarah arbeitet an der Schnittstelle von Design, Psychologie und Informationstechnik und ist Universitätsprofessorin und Publizistin. Sie studierte in Darmstadt Psychologie und Informatik und war danach in interdisziplinären Arbeitsgruppen an der Folkwang Universität der Künste in Essen, der Julius-Maximilians-Universität Würzburg und der Universität Koblenz-Landau tätig.
Seit 2007 erforscht sie das Konsumentenerleben und die Gestaltung interaktiver Produkte unter psychologischen Gesichtspunkten. In mehreren BMBF-geförderten Verbundvorhaben entwickelte sie Methoden für User-Experience-Evaluation und -Gestaltung, die in Wissenschaft und Praxis eingesetzt werden. 2017 veröffentlichte sie gemeinsam mit Marc Hassenzahl das Buch „Psychologie in der nutzerzentrierten Produktgestaltung: Mensch-Technik-Interaktion-Erlebnis“.
Motivation
Was hat dich veranlasst, an dieser eher ungewöhnlichen Schnittstelle zu arbeiten?
Den klassischen Weg für PsychologInnen in dem Sinne gibt es nicht mehr. Bei mir ging es schon während des Studiums los, dass ich erste Einblicke im Feld Mensch-Technik-Interaktion hatte, Praktika gemacht habe und auch Studienarbeiten und meine Diplomarbeit sich mit diesem Thema beschäftigten. Das hat mich dann zur Gestaltung von Technik oder Produkten im Allgemeinen unter User Experience und ökonomischen Gesichtspunkten geführt. Meine Promotion in Psychologie schrieb ich an der Uni Landau bei Prof. Dr. Marc Hassenzahl. Er bekam währenddessen einen Ruf an eine Gestaltungshochschule, die Universität Folkwang. Ich bin nachgekommen und habe so einige Jahre im universitären Kontext im Design gearbeitet und gelehrt.
Das klingt sehr spannend. Bist du erst über diesen akademischen Kontakt auf den Bereich Design gestoßen?
Das Feld Mensch-Technik-Interaktion war für mich immer ein spannendes Thema. Dass dieses Thema genau zu diesem Zeitpunkt an einer Designuniversität gelehrt wurde, hat sich eher zufällig ergeben. Die Beschäftigung mit dem Feld war schon vorher da. Beispielsweise über den Berufsverband der Usability Professionals, einer interdisziplinären Gruppe aus PsychologInnen, DesignerInnen und InformatikerInnen.
Zusammenarbeit
Du hast gerade schon von disziplinübergreifender Arbeit gesprochen. Welchen Stellenwert haben Inter- und Transdisziplinarität bei deiner Arbeit?
Inter- und Transdisziplinarität hat einen sehr hohen Stellenwert bei meiner Arbeit, da ich täglich erlebe, dass man Wissen aus verschiedenen Disziplinen braucht, um gute Ergebnisse zu erhalten. Um beispielsweise eine App zu gestalten, braucht man Wissen aus der Psychologie, um sich auf konzeptioneller Ebene und über das Erleben Gedanken zu machen, man braucht Wissen aus der Informatik für die Umsetzung und Wissen aus dem Design, um die Gestaltungsebene sinnvoll miteinzubeziehen. Das gilt für ganz viele Bereiche, wenn man Personen aus allen Bereichen dabei hat, bekommt man die besten Ergebnisse. Daher sollte man nicht denken, man könne einen dieser Bereiche vernachlässigen.
Du hast gesagt, wir brauchen für die Gestaltung einer App PsychologInnen, InformatikerInnen und DesignerInnen. Gibt es noch andere Disziplinen, mit denen du zusammengearbeitet hast?
Das ist ein ziemlich breites Feld. Wir haben schon mit Philosophen, Bauingenieuren, Betriebswirten und Architekten gearbeitet. Da gibt es keine Grenzen, da es sehr viele Disziplinen gibt, die relevantes Wissen für unterschiedliche Aspekte der Gestaltung haben.
Denkst du, dass die Geisteswissenschaften – gerade Psychologie, Philosophie und Soziologie – in diesem Bezug eine besonders relevante Rolle spielen könnten?
Ich würde nicht sagen, relevanter als die anderen, aber ich würde sagen, dass die Geisteswissenschaften noch vernachlässigt werden. In Ausschreibungen vom Bundesministerium für innovative Technologien und Entwicklung kommt es erst nach und nach an. Es ist momentan dabei aber oft nicht vorgesehen, dass die Psychologie oder auch andere Geisteswissenschaften wirklich Part einer solchen Arbeit sind.
Es ist Teil deines Alltags, immer wieder transdisziplinär zu arbeiten. Was sind deiner Meinung nach die Voraussetzungen dafür, dass eine solche disziplinübergreifende Arbeit gelingen kann?
Durch die unterschiedlichen Hintergründe hat man verschiedene Konzepte, Vorstellungen und Begrifflichkeiten, das ist oft nicht einfach. Man nimmt den gleichen Begriff, meint aber was völlig anderes oder meint das Gleiche, verwendet aber nicht die gleichen Begriffe. Man stellt immer wieder mitten im Projekt fest, dass man erst mal zum Vokabelaustauschen zurückkehren müsste. Das ist eine große Herausforderung. Zudem ist es nicht leicht, sich diesen unterschiedlichen Mindsets und Modellen überhaupt bewusst zu werden. Da gibt es noch keine systematische Methode, wie man das prüfen oder die damit verbundenen Komplikationen vermeiden kann. Auch einen gemeinsamen Prozess zu finden, kann sehr herausfordernd sein.
Glaubst du, man könnte diesen Herausforderungen schon in der Lehre begegnen, beispielsweise in transdisziplinären Projekten?
Ja, auf jeden Fall. Diese Erkenntnisse schon möglichst früh zu haben, ist sehr hilfreich für die Studierenden, daher gestalte ich auch meinen eigenen Unterricht so. Die Einsicht zu haben, dass man aus anderen Disziplinen etwas mitnimmt und es sich lohnt, zusammenzuarbeiten, ist sehr wichtig. In der Lehre geschieht das in einem eher lockeren, spielerischen Kontext, in dem die Herausforderungen auch mit weniger dramatischen Konflikten verbunden sind als in wirtschaftlich relevanten Projekten.
Du hast gerade erwähnt, dass du viel in der Lehre tätig warst und mit DesignerInnen zusammengearbeitet hast. Die Schnittstelle zwischen Design, Psychologie und Informatik ist ein Schwerpunkt deiner Arbeit. Wie war es für dich, mit DesignerInnen zusammenzuarbeiten? Was lief gut, und was hat nicht so gut geklappt?
Was mir sehr gefällt, ist allgemein das Kreative. Meiner Erfahrung nach sind DesignerInnen der Psychologie gegenüber aufgeschlossen und neugierig, etwas über die Hintergründe zu lernen. Im Allgemeinen hat mir das immer sehr viel Spaß gemacht. Für uns Psychologen ist es schön zu sehen, dass unsere Konzepte, wie beispielsweise die psychologischen Bedürfnisse, sich in konkreten Produkten oder Gestaltungsvorschlägen ausformulieren. Das ist eine sehr erfüllende Sache.
Mittel & Methoden
Das klingt nach einer sehr fruchtbaren Arbeit. Es gibt also Konzepte aus der Psychologie, die DesignerInnen aufgreifen, in die Welt bringen und so weit konkretisieren, dass sie Anwendung finden. Welche Mittel und Methoden aus deiner eigenen Disziplin konntest du in diese Zusammenarbeit einbringen, die für DesignerInnen spannend sind?
Man kann das ein wenig breiter fassen. Viele der User-Research-Verfahren oder auch die psychologische Marktforschung haben ihre Basis in der Psychologie. Das geht bis hin zu Laddering-Techniken, also die Befragungen von dahinterliegenden Werten einer Person, die man für die Gestaltung nutzen kann. In der gemeinsam mit Prof. Dr. Marc Hassenzahl veröffentlichten Publikation „Psychologie in der nutzerzentrierten Gestaltung“ stellen wir ein Interaktionsvokabular vor. Dieses Set von grundlegenden Adjektiven, mit denen man Interaktion beschreiben kann, habe ich auch schon oft bei der Zusammenarbeit mit Designern genutzt. Diese Methode ist basierend auf psychologischen Überlegungen entwickelt worden. Diese Beispiele kann man noch lange so weiterführen.
Also ein breites Feld. Gibt es eine bestimmte Methode, die jede Gestalterin und jeder Gestalter verstanden haben sollte, um in die Tiefe arbeiten zu können?
Die eine Methode gibt es nicht, diese sind auch nicht das Einzige, was man von der Psychologie lernen kann. Es geht vor allem darum, die Verantwortung zu erkennen, dass man durch seine Gestaltung das Erleben von Menschen beeinflusst. Daher sollte man sich bewusst darüber Gedanken machen, was die Menschen eigentlich erleben sollen, was man begünstigen oder auch verhindern möchte. Das ist der Kern, den man verstehen muss; welche Methode man dann nutzt, um das zu realisieren, ist zweitrangig.
Wir als GestalterInnen bekommen von der Psychologie also ein allgemeines Verständnis unserer Rolle gegenüber dem User an die Hand, durch psychologische Ansätze aber auch ein anderes Verständnis der eigenen Arbeit. Denkst du, dass Teile deiner Disziplin ein Designstudium bereichern könnten?
Ich denke, wenn man diesen Grundsatz, diese Rolle und diese Verantwortung verstanden hat, liegt es nahe, sich mit dem Wissen aus der Psychologie mehr Gedanken darüber zu machen, wie das Erleben von Menschen entsteht, was für Komponenten es gibt, also grundlegende wahrnehmungspsychologische Mechanismen. Gamificationansätze und Verhaltensänderungsansätze basieren auf motivationspsychologischen Zusammenhängen und sind für Gestalter sehr spannend. Ich glaube, aus beinahe allen Grundlagenfächern der Psychologie kann man sich Aspekte rausziehen. Sozialpsychologie ist, wie einige andere Aspekte aus der Psychologie, ebenfalls sehr wichtig für Designer. Auch die psychologischen Methoden zur Befragung von Menschen, um etwas über deren Wünsche und Bedürfnisse, ihre Situation und deren Kontexte herauszufinden, können sehr hilfreich sein.
Würdest du diese Lehrinhalte eher zu Beginn oder eher am Ende des Studiums verorten?
Ich fände es sinnvoll, das zu Beginn in einer grundlegenden Form anzubringen, bei der besprochen wird, welche Verantwortlichkeiten DesignerInnen gegenüber dem Nutzer haben. Zu einem späteren Zeitpunkt, wenn die Studierenden schon Gestaltungswissen erworben haben, könnte es dann konkrete Projektarbeiten geben, beispielsweise ein Experience-Design-Seminar. Ich fände es sehr wichtig, zu Beginn ein Verständnis über die Rolle von Gestaltung gegenüber dem Nutzenden im Studium zu vermitteln, da dies die gesamte Arbeitsweise beeinflusst.
Designlehre
Psychologie kann also ein extrem spannendes Thema für DesignerInnen sein und trägt grundlegend zum Verständnis der eigenen Berufung bei. Dennoch ist der Bereich im Design unterrepräsentiert. Welche Risiken siehst du für die Designlehre, wenn sie sich nicht für die Psychologie öffnet?
Das ist ja leider der Status quo an vielen Institutionen. Ich sehe als Risiko, dass hierdurch Produkte entwickelt werden, die nicht den Bedürfnissen der Menschen entsprechen. Dies geschieht nicht, weil DesignerInnen den Menschen etwas Schlechtes wollen, sondern weil es nicht genug im Denken verankert wurde und sie zu sehr von der Sinnhaftigkeit der eigenen Ideen ausgehen. Damit möchte ich nicht sagen, dass alle DesignerInnen ein systematisches Vorgehen haben müssen, die Designintuition und ein Gefühl für Gestaltung zu haben ist auch wichtig. Gestaltet man allerdings Massenprodukte und bezieht sich dabei nur auf die Designintuition, ohne sein Handeln zu reflektieren, kann das zum Problem werden. Hierdurch können auch ungewollte negative Effekte auftreten. Je später man als DesignerIn mit diesen Gedanken und der Psychologie in Kontakt kommt, desto schwieriger wird es, das in seine Arbeit zu integrieren. Deshalb würde ich eine Beschäftigung mit dem Thema von Anfang an sinnvoll finden. Das bedeutet nicht, dass das einen riesigen Raum in der Lehre einnehmen muss, aber die Rolle sollte vermittelt werden und auch ein Bewusstsein davon, was man aus der Psychologie ziehen kann und welche Potenziale daraus für DesignerInnen entstehen.
Ist es also unethisch, ohne Kenntnisse aus der Psychologie zu gestalten, weil wir dann blindlings agieren und alles passieren kann, ohne dass wir uns der Konsequenzen für das Individuum bewusst sind?
So könnte man das auch formulieren, ja.
Du bist also der Meinung, dass die psychologische Theorie einen Einfluss auf das Design hat. Konntest du während deiner Lehrtätigkeit beobachten, dass Studierende durch deinen psychologischen Input ihre Praxis verändert haben?
Auf jeden Fall. Wir haben während des Unterrichts reflektiert, wie die Lerninhalte das Vorgehen und das Nachdenken der Studierenden verändert haben und ob das Gleiche ohne die psychologischen Methoden rausgekommen wäre. In Forschungsprojekten gibt es auch systematische Vergleiche dessen. Das hat einen Einfluss, genauso wie auch anderes Zusatzwissen inspirierend sein kann.
Die Vermittlung der Psychologie ist also die eine Ebene. Ist die Reflexion darüber ein weiteres wichtiges Moment, das stattfinden muss?
Klar, sonst könnten die PsychologInnen ja genauso gut gestalten, was sie natürlich nicht können. Es braucht die Reflexion davon, gibt aber auch immer einen Moment, der sich nicht so systematisch beschreiben lässt. Das Talent, aus dem Wissen und der eigenen Wahrnehmung ein gutes Design zu entwickeln. Das Talent der DesignerInnen wird also weiterhin gebraucht.
Das ist sehr beruhigend. Das war auch schon die letzte Frage. Ich bedanke mich recht herzlich bei dir für das tolle Interview.
Gerne.