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Romina Maidel

Romina Maidel

Service Designer & Senior Design Researcher, Kaiser X Labs

Wir sprechen heute mit der Researcherin und Service Designerin Romina Maidel. Romina hat – wie wir – Kommunikationsdesign an der HTWG Konstanz studiert. Während ihres Masters war sie unter anderem Gast am MIT im Kurs Systemvisualisierung und in Harvard an den Departments für Soziologie und Komparatistik (vergleichende Literaturwissenschaft).

Seit 2017 arbeitet Romina als Senior Researcherin und Service Designerin bei Kaiser X Labs in München. In einem multidisziplinären Team beschäftigt sie sich dort mit den Dienstleistungen und Kundenerlebnissen der Allianz Gruppe.

Das Gespräch führte Niklas Münchbach am 19.12.19 remote.

Designbegriff

Steigen wir mit der einfachsten Frage ein: Was ist Design für dich?

Kreatives Problemlösen. Design hat erst mal nichts mit Visuellem zu tun, sondern kann die Gestaltung von allem sein – immer mit dem Ziel, etwas besser, einfacher und schöner zu machen. Das kann von Prozessen über Apps bis hin zum Formular im Bürgerbüro alles betreffen. Es ist völlig egal, um was es geht. Design versucht in einer kreativen oder innovativen Weise und mit den Möglichkeiten, die zur Verfügung stehen, eine Situation zu verbessern.

Dein Designbegriff ist also nicht an Medien gebunden oder feststehend, sondern fluide?

Absolut.

Kann der Begriff jemals final formuliert werden?

Ich frage mich vielmehr, ob das sinnvoll wäre. Warum sollte man das wollen? Ich glaube nicht, dass es hilft, den Designbegriff in Stein zu meißeln. In meinen Augen ist es gut, dass er keine klaren Grenzen hat.

Theorie & Praxis

Im aktuellen Diskurs wird intensiv über das Verhältnis zwischen Theorie und Praxis im Design verhandelt. Wie siehst du dieses Verhältnis aus der Perspektive einer Service Designerin?

Ehrlicherweise glaube ich, dass wenig Austausch stattfindet. In meinem Alltag informiert sich die Praxis sehr stark aus der Praxis und die Weiterentwicklung der Disziplin findet im Austausch mit anderen PraktikerInnen statt. Man nimmt das, was man gelernt hat, und verbessert es. Man geht zu Meetups oder Talks und besucht Trainings oder Schulungen, bei denen andere PraktikerInnen von ihren Erfahrungen berichten. Mit Theorie habe ich in meinem Job dagegen sehr wenig zu tun. Wenn es Berührungspunkte gibt, dann aus privatem Interesse. Nach meinem Empfinden sollte aber sowohl der Einfluss der Theorie auf die Praxis stärker sein, als auch der Einfluss der Praxis auf die Theorie. Beide Seiten schotten sich voneinander ab, augenscheinlich, weil sie Angst davor haben, dass die andere Seite etwas kaputt machen könnte – und vielleicht weil beide Seiten denken, dass sie es besser wissen. Ich glaube aber nicht daran, dass es eine Seite besser weiß. Konkret könnte der Einfluss von Theorie auf die Praxis auch bedeuten, dass man sich in Richtung Psychologie informiert, um dort Dinge wie Interviewführung zu lernen oder um Einblicke in das Verhalten von Menschen in bestimmten Umgebungen zu erhalten. Das ist theoretisches Wissen, das in der Praxis helfen kann. Leider haben aber viele PraktikerInnen ein falsches Bild von Theorie, und wohl auch viele TheoretikerInnen ein falsches Bild von der Praxis. Mehr Austausch wäre also definitiv sinnvoll.

Wie bewertest du die Situation des Service Designs im Moment?

Ich empfinde sie als sehr spannend. Bevor ich in Service Design eingestiegen bin, habe ich als reine Researcherin gearbeitet – zwar mit Design-Fokus, aber eben nicht offiziell als Service Designerin. Zu der Zeit gab es bei Kaiser X Labs generell kein Service Design. Ich war, mit meiner Kollegin Karolina Kohler, die Erste, die in diesem Bereich angefangen hat. Entsprechend habe ich versucht zu definieren, wie wir Service Design betreiben. Und seitdem wir vor Kunden kommunizieren, dass wir auch Service Design anbieten, haben wir sehr viele Anfragen. Vor einem Jahr wusste gefühlt niemand, was Service Design überhaupt ist. Heute wollen sie es in jedem Projekt dabeihaben, wissen aber teilweise noch nicht wirklich, was es ist. Service Design war in den letzten Jahren zwar immer schon ein bisschen hip, aktuell explodiert es aber. Man hört ständig von Meetups oder Konferenzen, und kürzlich wurde sogar das Service Design der perfekten Weihnachtsfeiertage beschrieben. Es geht so sehr durch die Decke, dass es sogar in großen Konzernstrukturen angekommen ist. Dort ist man teilweise der Meinung, dass Service Design die Lösung aller Probleme sei. Das kommt wohl daher, dass UX Design als sehr spitz wahrgenommen und für Dinge wie Formulare oder Online-Anträge verantwortlich gezeichnet wird, wohingegen Service Design als etwas Größeres wahrgenommen wird. Egal mit welchem überwältigenden Problem Projektleiter konfrontiert werden, viele schätzen es mittlerweile als durch Service Design lösbar ein … Als Service Designerin würde ich das natürlich sofort unterschreiben – selbstverständlich können wir ALLE Probleme lösen! (lacht)

Gibt es Vorurteile gegenüber Service Design, mit denen du gerne aufräumen würdest?

Oh, ja. Ein Vorurteil ist, dass Service DesignerInnen EntertainerInnen sind. Manche Menschen gehen davon aus, dass Service Design in einer Handvoll Sessions passiert und dann abgeschlossen ist. Ähnliche Vorurteile gibt es gegenüber dem Design Thinking. Diese Idee, dass die Arbeit in drei Workshops mit jeweils zehn Leuten stattfindet, ist falsch. Workshops sind wichtig, aber sie machen vielleicht fünf Prozent der gesamten Arbeit aus. Ein anderes Vorurteil ist, dass Service Design ohne Research auskommt. Damit musste auch ich bereits kämpfen, als ich die Jobbeschreibung für Service DesignerInnen aufgesetzt habe. Ich hatte formuliert, dass er oder sie auch ResearcherIn sein müsse. Darüber entfachte eine heftige Diskussion. Manche waren der Meinung, es reiche aus, wenn er oder sie mit ResearcherInnen und UX DesignerInnen zusammenarbeite. Das funktioniert aber nicht, weil Service DesignerInnen die komplette Bandbreite abdecken müssen, um zu wissen, an welchen Stellen sie ExpertInnen dazuholen müssen. Service Design ist schon per Definition immer research-based, folglich müssen Service DesignerInnen auch ResearcherInnen sein. Und das wird ganz oft übersehen.

Research-based klingt nicht nach einer klassischen Designtätigkeit …

Es ist nicht der klassische Designbegriff, wie man ihn beispielsweise im Bachelorstudium mitbekommt, das stimmt. Es ist viel weiter gefasst – daran musste ich mich auch erst gewöhnen. Wenn man Design allerdings als Problemlösungsdisziplin betrachtet, dann muss man Design so leben und dort Einfluss nehmen. Denn anders kann man viele Probleme gar nicht lösen.

Welche Chancen und Risiken ergeben sich aus der von dir beschriebenen Lage des Service Designs?

Die Chance ist natürlich, dass man als Service DesignerIn wahnsinnig viel Einfluss nehmen kann und superinteressante Projekte bekommt. Auf der anderen Seite steht das Risiko, dass die sehr hohen Erwartungshaltungen niemals eingehalten werden können. Ich arbeite beispielsweise gerade an einem Projekt, in dem es um die Optimierung interner Supportprozesse in einem großen, internationalen Unternehmen geht. Zur Erklärung: Wenn ich als MitarbeiterIn im Unternehmen X momentan ein IT-Problem habe, muss ich ein Ticket erstellen, das über verschiedene Wege an verschiedene Stellen geleitet wird – und irgendwann geht mein Laptop hoffentlich wieder. Durchdringt man die Strukturen, die hinter den Wegen stecken, entdeckt man Redundanzen, unnötige Umwege und Sackgassen. Entsprechend groß war die Hoffnung in uns. Aber natürlich können wir mit unserem dreimonatigen Service-Design-Projekt nicht die Supportprozesse eines ganzen Unternehmens umstrukturieren, so etwas dauert länger und involviert viele andere Parteien. Wir kommen aber als DesignerInnen jetzt in solche Prozesse rein: Wir gestalten nicht mehr nur das Frontend des Ticketsystems, sondern haben Einfluss darauf, dass das Ticket im Hintergrund nicht mehr über 25 Stellen geht, sondern dass es idealerweise statt sechs Wochen nur noch drei Tage braucht. Es geht also darum, den gesamten Prozess zu gestalten. Das ist ein ganz anderer Designbegriff, aber ein Schritt in Richtung einer nachhaltigen Verbesserung der Situation. Ich sehe im Service Design also eine riesige Chance, weil der Designbegriff ganz anders wahrgenommen wird. Dabei ist es aber sehr wichtig, dass man Erwartungsmanagement betreibt. Ich habe im Projekt also von Beginn an betont, dass wir helfen können, diese Prozesse zu optimieren – dazu aber die Vorstände im Rücken brauchen. Schließlich haben wir kein Mandat zu sagen, dass wir ein System abschalten. Wenn man sich dessen bewusst ist, kann man dem auch durch entsprechendes Erwartungsmanagement begegnen. Manchmal ist Service Design nicht der Heilige Gral, als der es gesehen wird, bzw. stark abhängig von UnterstützerInnen.

Mittel & Methoden

Gibt es neben dem Erwartungsmanagement noch andere Mittel und Methoden, um möglichen Risiken der Disziplin zu begegnen?

Der Vollständigkeit halber muss man zuvor noch ein anderes Risiko erwähnen: Die Menschen, die nicht verstehen, warum es sinnvoll ist, mit Endnutzern zu sprechen. Auch die darf man nicht vergessen. Im Bereich derer, die unsere Arbeit aber unterstützen, hilft maximale Transparenz. Kunden haben immer ein bisschen Angst, weil sie zwar wissen, dass unsere Arbeit irgendwo cool ist und dass sie irgendwie hilft, aber nicht im Detail verstehen, was wir tun. Vielleicht haben sie noch nie qualitativen Research betrieben oder gar ein Service-Design-Projekt gemacht. Entsprechend schwierig ist die Situation, wenn wir zu ihnen kommen und ihnen Projektplan und Kosten vorlegen. Den meisten geht dann erst mal die Düse. Trotzdem sind wir lange Zeit ganz genau so an Projekte herangegangen. Oft hat es funktioniert, oft aber auch nicht. Manchen Kunden waren die Kosten zu hoch, andere haben dem Prozess nicht vertraut. Im letzten Projekt habe ich nun versucht, den Kunden und sein Team von Beginn an viel stärker einzubinden. In dem angesprochenen IT-Projekt saß ich beispielsweise im gleichen Raum wie das Team und mein gesamter Research hing dort an der Wand. Ich war bei den Daily Stand-ups dabei und ich habe jede Woche einen Debrief gemacht. Wir haben also jede Woche darüber gesprochen, was passiert ist, mit wem wir gesprochen haben und was wir gelernt haben. Wir haben gemeinsam entschieden, mit wem wir noch sprechen und wen wir noch ins Boot holen müssen. Wir haben offene Fragen gesammelt und versucht, sie im Team zu klären. Durch diesen Austausch war ich nicht mehr der Dienstleister, der am Ende einen Report über die Probleme des Kunden abgibt, sondern ein Teil des Teams, das gemeinsam die Probleme erarbeitet. Damit kamen die Ergebnisse am Ende nicht mehr aus dem Nirgendwo. Das Team hat sich den Ergebnissen stärker verbunden gefühlt, weil ich es viel stärker mitgenommen habe. Teilweise habe ich Leute aus dem Team sogar mit zu den Interviews genommen, damit sie die Situation kennenlernen und aus erster Hand erfahren, wie frustrierend das IT-System für seine Nutzer ist. Das war ein sehr wirksames Mittel. Ironischerweise hatten wir für unsere Research-Prozesse lange Zeit ein Waterfall-Prinzip. Wir hatten deswegen sehr lange Probleme damit, einen klaren Plan zu kommunizieren. Die Kunden wollten von Anfang an ganz detailliert wissen, was sie für ihr Geld bekommen – also zum Beispiel 18 Interviews von jeweils 40 Minuten. Nun ist es aber so, dass ich manchmal gar nicht weiß, wie viele Interviews ich brauche. Manchmal merke ich während der Interviews, mit wem ich noch sprechen muss. Im IT-Projekt hatte ich das Glück, dass der PO mir sehr schnell vertraut hat und wir immer erst kurzfristig geplant haben, mit wem wir nächste Woche sprechen – ohne überhaupt zu wissen, wie viele Interviews wir insgesamt machen. Am Ende haben wir in sechs Wochen 32 Interviews geführt und genau an dem Punkt aufgehört, an dem wir gemerkt haben, dass wir nichts Neues mehr lernen. Wir haben also einen iterativen Ansatz verfolgt und konnten somit die Forschungsfrage immer wieder schärfen und an das Bedürfnis anpassen. Es wäre im Vorhinein unmöglich gewesen, die richtige Anzahl der Interviews zu benennen – schon alleine, weil wir viele relevante Abteilungen gar nicht kannten. Dieser iterative Ansatz war aber nicht nur für den Research gut, sondern auch für den PO und das Team. Sie konnten jede Woche Einfluss auf den Prozess nehmen. Es gab kein zu Beginn fixiertes Budget, sondern es wurde von Woche zu Woche geplant. Das hat ihnen ein Gefühl von Kontrolle über das Projekt gegeben. Und in Kombination mit meiner Anwesenheit und dem wöchentlichen Share-out hat es sich für sie wie ihr eigenes Projekt angefühlt. Teilhabe und Iterationen helfen also extrem, die Erwartungshaltungen zu managen und den Kunden mit auf die Reise zu nehmen.

Welche Rolle spielen dabei Trans- und Interdisziplinarität?

Eine riesengroße Rolle. In einem Service-Design-Projekt sitzen zwar viele Leute, aber nur ein oder zwei davon sind Service DesignerInnen. Und an Service-Design-Aktivitäten nehmen nicht nur die Service DesignerInnen teil. Das ist ein ganz wichtiger Punkt, anders würde der Prozess nicht funktionieren. Idealerweise haben die Service DesignerInnen den Gesamtprozess im Blick. Sie wissen, wann was getan werden muss und haben die Kompetenz, zu entscheiden, in welche Richtung sich der Prozess entwickeln soll. Aber sie haben vor allem die Aufgabe, das Wissen und die Kompetenzen von allen Projektbeteiligten zu integrieren und ihnen die Arbeit zu ermöglichen. Wenn wir in diesem Kontext also von Facilitation sprechen, dann hat das nichts damit zu tun, dass wir in Ideation-Workshops für drei Stunden den Entertainer geben. Vielmehr geht es darum, dass Service DesignerInnen den Projektbeteiligten jeden Tag ermöglichen, ihre Kreativität zu entwickeln, sich zu artikulieren und zu verstehen, wer welche Kompetenzen in den Prozess einbringen kann, damit eine ideale Kombination geschaffen wird. Dabei ist es sehr wichtig, dass alle Gewerke zusammenkommen – vom Developer über den UX Designer bis hin zum Endnutzer. Als Service DesignerIn kann ich nicht alle Fachkompetenzen haben, aber ich muss genug wissen, um zu erkennen, wann ich welche Kompetenz reinholen muss. Service DesignerInnen sind damit so etwas wie Projektleads, OrganisatorInnen und Facilitators. Es ist ganz entscheidend, dass unterschiedliche Disziplinen zusammenkommen – und zwar nicht nur Leute, die das Produkt umsetzen. Bei der Allianz gibt es zum Beispiel auch VersicherungsmathematikerInnen. Deren Fachwissen kann ich niemals erreichen, aber sie sind auch so tief in ihrer Thematik, dass sie beispielsweise die Brücke zum Sachbearbeiter, der mit den Endkunden arbeitet, nicht schlagen können. In dem Moment muss ich als Service Designer von beiden Rollen gerade so viel verstehen, dass ich weiß, wann ich die beiden Silos zusammenbringen muss. Das ist eigentlich meine Hauptaufgabe: Dafür zu sorgen, dass sich die ExpertInnen an den richtigen Stellen austauschen, damit das Projekt weitergehen kann.

Sollte die umrissene Transdisziplinarität entsprechend eine größere Rolle in der Designlehre spielen?

Ja, unbedingt! In meiner Ausbildung hatten wir viele Gruppenprojekte, aber das Interdisziplinärste war gemeinsam mit ArchitektInnen. Mit diesem Horizont fällst du aus dem Studium, sitzt in der Praxis auf einmal DeveloperInnen gegenüber und musst erst mal lernen, die gleiche Sprache zu sprechen. Das ist nicht sinnvoll. Und selbst DeveloperInnen sind im Vergleich zu VersicherungsmathematikerInnen noch sehr nah an dem, was wir DesignerInnen machen. Die Lehre muss also auf jeden Fall interdisziplinärer werden. DesignerInnen brauchen eine Brückenbildungskompetenz. Wir lernen, mit Komplexität und einem unklaren Outcome klarzukommen, wir lernen, mit qualitativen Daten umzugehen, wir lernen, ohne Zahlen und ohne einen ganz genauen Projektplan zu arbeiten. Wir rennen los und wissen nicht, was passiert. Das machen wir täglich und völlig ohne Angst. Wir erkennen es aber solange nicht als Stärke, bis wir rausgehen und merken, dass andere damit nicht klarkommen. Diese Stärke müssen wir ausspielen, indem wir anderen die Angst vor dieser Ungewissheit nehmen. Und dafür müssen wir viel stärker in eine Kommunikatorenrolle kommen.

Kompetenzen

Kannst du beschreiben, welche Komponenten hinter dieser Brückenbildungskompetenz stecken?

Zum einen die Fähigkeit, sich immer wieder in neue Themen hineinzuversetzen und sich wirklich auf sie einzulassen. Man muss ein Gefühl dafür entwickeln, wie viel man verstehen muss, um kommunikationsfähig zu sein. Und daran anschließend muss man abschätzen können, ab wann es sinnvoll ist, ExpertInnen hinzuzuziehen. Es ist also wichtig, sich mit jedem neuen Projekt neues Fachwissen anzueignen – wohlwissend, dass es über das Projekt hinaus vielleicht nicht mehr relevant sein wird. Trotzdem muss man immer wieder bis zu einem gewissen Punkt eintauchen. Außerdem muss man gut kommunizieren können und sein Team wirklich kennenlernen, um zu erkennen, wer welches Wissen besitzt. Im Team ist Transparenz über das eigene Arbeiten absolut unerlässlich, wöchentliche Share-outs sind von zentraler Bedeutung. Dieses Offenlegen der Arbeit bietet aber auch eine große Angriffsfläche. Service DesignerInnen sind teilweise die Einzigen, die in Meetings etwas auf den Tisch legen – in der Gefahr, dass es zerrissen wird. Und trotzdem bringt es den Prozess weiter. Damit muss man klarkommen: Nur, wenn man etwas Kritisierbares auf den Tisch legt, bewegt man sich vorwärts. Das ist anfangs sicherlich nicht einfach. Man muss also lernen, die Kritik nicht persönlich zu nehmen und seine Arbeit zu verargumentieren. Dazu kommt, dass man anderen Mut machen muss, sich zu beteiligen, und man muss ihnen die Angst nehmen, etwas Falsches zu sagen. Alle im Team müssen an den Punkt gebracht werden, ebenfalls Dinge auf den Tisch zu legen, selbst wenn sie noch nicht perfekt sind. Es ist eine Balance zwischen Empathie und Sozialkompetenz, und man muss für seine Arbeit einstehen können, ohne Kritik persönlich zu nehmen.

Was wären die Voraussetzungen für eine derartige Transdisziplinarität in der Lehre?

Ich glaube, dass wir im Designstudium bereits mehr über Interdisziplinarität lernen als viele andere. Viele kommen aus dem Studium, ohne überhaupt in Gruppenarbeiten involviert gewesen zu sein. So gesehen sind wir schon mal einen Schritt weiter, weil wir uns auch mal mit drei anderen DesignerInnen rumschlagen müssen. Natürlich wäre es aber besser, wenn es nicht nur DesignerInnen wären – gerade hinsichtlich der zwischenmenschlichen Kompetenz, aber auch ob eines Verständnisses für andere Disziplinen. Schließlich tickt nicht jeder wie wir DesignerInnen. Wir sind ein bisschen anders als andere Menschen. Deswegen müssen wir uns immer erst in neue Umgebungen reinfinden und verstehen, warum die Menschen dort Sorge haben, warum sie sich nicht trauen oder was ihnen Angst macht. Wenn wir zuvor aber bereits mit anderen Disziplinen zusammengearbeitet haben, dann entwickeln wir ein Gefühl dafür. Ich habe beispielsweise anfangs nicht verstanden, warum alle nervös wurden, als ich mit der IT sprechen wollte. Später kam heraus, dass sie Angst davor hatten, dass ich die Büchse der Pandora öffne. Mir war das in dem Moment ziemlich egal, was dann wiederum sie nicht verstanden haben. Und genau da fehlt es uns: Wir verstehen diese Sorgen nicht, weil wir komplett anders ausgebildet wurden. Deswegen wäre es so wichtig, den Kreativbereich zu verlassen und mit anderen Leuten zu arbeiten. Dafür sollte man sich nicht nur innerhalb der Hochschule umschauen, sondern kann auch mal an die Universität gehen. Das wäre wahnsinnig sinnvoll.

Welche Bereiche könnten dabei spannend sein? Geisteswissenschaften zum Beispiel?

Ja, auf jeden Fall. Geisteswissenschaften bergen zwar immer die Gefahr, dass man zu sehr ins Theoretische abdriftet, aber es ist eine Richtung, die man gehen kann. Eine andere Richtung wären Studiengänge wie Maschinenbau, Agrartechnik oder ganz andere praxisorientierte Themen. Also Disziplinen, die irgendwann auch Dinge gestalten und bauen, und damit ein Designelement in ihrer Arbeit haben. Wenn am Ende etwas entsteht, das in irgendeiner Form gestaltet werden muss, kann man aus ihrem Vorgehen lernen – und umgekehrt. Für DesignerInnen wäre es in jedem Fall sinnvoll zu lernen, wie viel Kreativität in anderen Disziplinen steckt, auch wenn diese es niemals sagen würden.

Müssen wir also eher UniversalistInnen oder SpezialistInnen werden?

Ich glaube nicht, dass es eine Designlehre gibt, die für alle passt. Es muss unterschiedliche Designlehren geben. Und es wird auch immer eine Existenzberechtigung für eine Designlehre geben, die sehr stark visuell geprägt ist. Es wird immer einen Bedarf für sehr gute visuelle DesignerInnen geben, oder für sehr gute ModedesignerInnen, oder für AudiodesignerInnen – das steht außer Frage. Diese starken Spezialisierungen machen total Sinn. Aber es gibt eben genauso die andere Richtung, bei der Design sehr viel mit Prozessgestaltung und Stakeholdermanagement zu tun hat. Wenn jemand in diese Richtung möchte, dann fehlen dafür aktuell die Angebote. In dem Moment bringt die Siebdruckwerkstatt oder das Fotostudio nichts. Man muss lernen, wie man vor 20 wichtigen Menschen spricht, ohne dass man sich in die Hosen macht. Wir präsentieren im Studium zwar schon mehr als manche anderen, aber wir müssen lernen, noch mehr aus unserer Komfortzone zu kommen. Ich kann mich auch tatsächlich nicht mehr daran erinnern, wann ich das letzte Mal ein Designprogramm offen hatte. In meinem Job brauche ich das schlichtweg nicht mehr. Ich arbeite mit Google Docs, Google Slides und meinen E-Mails. Ich baue Service-Blueprints, bei denen es nicht darum geht, wie sie visuell aussehen. Ich benutze keine Designprogramme mehr, weil ich nicht mehr diese Art von Design mache. Ich designe jetzt Workshops – und das ist etwas, das ich in meinem Studium nicht gelernt habe. Mein Studium war sehr stark auf produzierendes Design fokussiert, also mehr auf Dinge und weniger auf Projektleitung, Management, Facilitation – oder auch Research, wobei Letzteres ein spezieller Fall ist. Allerdings weiß ich, dass diese Doppelkompetenz zwischen Design und Research wahnsinnig gefragt ist. Der Markt hat dafür einen großen Bedarf, weil man ResearcherInnen sucht, die die Designsprache sprechen. Wir sind auf der Suche und finden nur PsychologInnen oder MarktforscherInnen. Die ticken aber wieder ganz anders. Für Design Research braucht man jemanden, der qualitativen Research versteht und erkennt, welche Dinge einem Designteam weiterhelfen. Und deswegen glaube ich, dass mit dem Ausbau dieser Doppelkompetenz den Studierenden etwas an die Hand gegeben werden kann, mit dem sie auf dem Markt wirklich Erfolg haben – auch außerhalb der Agenturlandschaft.

Designlehre

Du formulierst damit eine ganz klare Herausforderung für die Designlehre: Wir müssen Studierenden schon aus der Lehre heraus den Einstieg in den Design Research ermöglichen?

Ja.

Siehst du weitere Herausforderungen für die Designlehre?

Ich kann natürlich nur aus meinen persönlichen Erfahrungen sprechen. Eine Herausforderung wäre für mich das Verschlafen der Tatsache, dass nur noch sehr wenige BuchgestalterInnen gebraucht werden. Professoren, die schon sehr lange aus der Praxis raus sind, halten an Dingen fest, die fast keinen Markt mehr haben. Plakatgestaltung, Buchgestaltung, Magazingestaltung … Zum einen verdient man damit nichts, zum anderen sind es sehr wenige Leute, die dafür noch gebraucht werden. Heute werden Leute gesucht, die Designsysteme gestalten – aber nicht eine Website. Im Prinzip braucht man auch kein Logo mehr, sondern nur irgendein visuelles Element, das mit Helvetica funktioniert. Denn mit dem Logo steht man am Ende nur noch auf Yelp, Instagram oder Vergleichbarem. Ich sehe also die Gefahr, dass in der Lehre sehr stark an Dingen festgehalten wird, die wir eigentlich nicht mehr brauchen. Und dass Designstudierende in einer Ecke bleiben, in der sie nicht bleiben müssten. Wir können als DesignerInnen so viel mehr machen, als zumindest mir beigebracht wurde. Es gibt natürlich auch ProfessorInnen, die über den Tellerrand schauen, aber das sind aus meiner Erfahrung heraus wenige. Mir war beispielsweise nicht klar, dass meine Ausbildung es mir irgendwann erlauben würde, einen Workshop für zwanzig FachbereichsleiterInnen eines großen Unternehmens zu designen, um dann mit ihnen zu erarbeiten, wie sie ihre Supportprozesse optimieren können. Das funktioniert, weil wir die Mittel an die Hand bekommen, um komplexe Zusammenhänge zu verstehen und um eben diese Brücken zu bauen. Wir können Prozessdesign und Stakeholdermanagement betreiben, und Teams von zwanzig Leuten anleiten, ein Produkt umzusetzen. Wir machen eben nicht nur Webseiten und Magazine, sondern können diejenigen sein, die entscheiden, welches Produkt überhaupt gebraucht wird. Ich wurde – überspitzt gesagt – als eine Art Exekutive ausgebildet, die umsetzt, was sich andere ausgedacht haben. Damit geht man raus in die Welt und stellt irgendwann fest, dass dem gar nicht so sein muss. Wir können viel früher ansetzen und die Strategen im Unternehmen sein. Das muss uns viel stärker verinnerlicht werden, und dafür fehlen in der Lehre noch viele Angebote.

Warum wird die Chance, die du beschrieben hast, in der Designlehre nicht ausgespielt?

Ich glaube, an ganz vielen Stellen fehlt schlichtweg die Kompetenz bei manchen Lehrenden. Sie kommen aus einer Zeit, in der es völlig legitim war, dass man diese Skills nicht besitzt, weil andere Skills viel wichtiger waren. Woher soll ich als ProfessorIn auch wissen, was auf dem sehr schnelllebigen freien Markt passiert, wenn ich schon lange nicht mehr darin arbeite. Es fehlt dafür der Austausch mit der Praxis, es fehlen Impulse und es fehlen vielleicht auch Lehraufträge für Alumni in neuen Feldern. Wenn die Lehre maßgeblich von Leuten gestaltet wird, die seit vielen Jahren hauptsächlich an der Hochschule unterrichten, woher sollen diese speziellen Kompetenzen auch kommen? Ich selbst habe mir viele Kompetenzen ja auch erst in den letzten drei Jahren angeeignet, weil sich das Feld eben schnell entwickelt.

Gibt es eine Möglichkeit, gerade die alteingesessenen ProfessorInnen in eine Denkweise mitzunehmen, die diesen Wandel in der Praxis angemessen abbildet?

Der in meinen Augen beste Weg wäre, wenn die Hochschulen einen engeren Kontakt zu ihren Alumni pflegen würden und dass Alumni viel präsenter werden. Sei es in Vortragsreihen, Workshops oder durch Lehraufträge. In der Gruppe der Alumni liegen ein großes Wissen und viel Fachkompetenz, die zu wenig genutzt werden.

Ethik & Moral

Wir haben festgestellt, dass sich viele Studierende stärker mit Ethik und Moral beschäftigen wollen. Wie sollte die Designlehre mit diesem Thema umgehen?

Ich denke, es wäre gut, wenn man Design so vermittelt, dass es nicht um Wachstum geht. Das Ziel sollte vielmehr sein, innerhalb der Möglichkeiten den bestmöglichen Outcome zu schaffen, ohne dabei jemandem zu schaden. Wenn ich also für ein nicht sehr tolles Unternehmen arbeite, dann sollte ich mit meiner Gestaltung nicht helfen, die Endkunden übers Ohr zu hauen. Das geht meiner Meinung nach gegen die Ethik und Moral von DesignerInnen. Genauso wenig darf das Frontend eine super Experience haben, während die Angestellten im Hintergrund überlastet sind. Wir müssen bei dem, was wir gestalten, immer das gesamte Bild im Kopf haben. Wir dürfen das von uns Gestaltete nicht isoliert sehen, sondern müssen alle Konsequenzen bedenken. Und dabei sollte das Ziel sein, dass das Gestaltete niemandem schadet.

Vielen Dank für deine Zeit und dafür, dass du uns Rede und Antwort gestanden hast!

Sehr gerne. Ich hoffe, es hilft!