Dr. René Spitz
Professor für Designwissenschaft, Design- & Kommunikationsmanagement, Rheinische FH Köln;
Stellvertretender Vorsitzender, iF Design Foundation
Wir freuen uns, heute mit René Spitz sprechen zu dürfen. René Spitz studierte ab 1987 Geschichte, Germanistik und Kommunikationswissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München und an der Universität zu Köln und promovierte 1997 mit einer Studie zur politischen Geschichte der HfG Ulm. Danach war er mehrere Jahre in der Praxis in Werbung und Unternehmensberatung tätig, beispielsweise in der Agentur Oesterle, Spitz und Jaeger oder in Zusammenarbeit mit Otl Aicher. Seit 1994 hat er zudem zahlreiche Publikationen zu Theorie, Geschichte und Kritik des Designs veröffentlicht, aus denen sich auch seine heutigen Forschungsschwerpunkte entwickelt haben: die gesellschaftliche Verantwortung der Designer, Theorie und Praxis der HfG Ulm, Grundlagen der Gestaltung sowie die Zukunft der Designlehre.
Seit 2002 hatte er verschiedene Lehraufträge, beispielsweise in Wuppertal, Düsseldorf und Köln. 2003 wurde er in den Fachbeirat des Internationalen Forums für Gestaltung berufen, und von 2008 bis 2014 war er als Kurator an mehreren Ausstellungen beteiligt. Seit 2016 forscht er im Auftrag der iF Design Foundation international zur Zukunft der Designlehre; das Projekt läuft noch bis 2021. Selbst lehrt er seit 2015 als Professor für Designwissenschaft, Designmanagement und Kommunikationsmanagement an der Rheinischen Fachhochschule Köln, wo er seit diesem Jahr den Studiengang Media Design leitet.
Motivation
Ich würde gerne mit einer persönlichen Frage beginnen: Was motiviert Sie, sich mit Design und speziell mit der Erforschung der zukünftigen Designlehre auseinanderzusetzen?
Einer meiner Kollegen hat diesbezüglich die scharfsinnige Bemerkung gemacht, dass DesignerInnen sich wie Kraken oder Sepien verhalten. Die gelten als sehr intelligent, da sie nicht nur ein zentrales Gehirn, sondern auch in den Tentakeln ebenfalls über Gehirnfunktionen verfügen. Ihren Nachwuchs entlassen sie aber in die Welt, ohne etwas von ihrer Intelligenz und ihrem Wissen weiterzugeben, sodass sich jedes Individuum sein Wissen selber neu erarbeiten muss. Glücklicherweise sind die ziemlich klug, weshalb die das auf die Reihe bekommen. Aber das ist aus Sicht einer Population kein Fortschritt. Das ist vielleicht auch unser Glück, sonst wären wir vielleicht schon längst von Kraken beherrscht, die uns aufspießen und grillen würden. Auf jeden Fall finde ich das Bild treffend, da wir im Design immer wieder die Erfahrung machen, dass jede Generation ihre Welt für sich nicht nur erfindet, sondern auch so tut, als ob es eine vorherige Welt gar nicht gegeben hätte. Dabei gibt es schon Institutionen, in denen viel Gelerntes verankert ist, durch die man jedoch erst mal hindurch muss, um das gesammelte Wissen und die Erfahrung anzunehmen und darauf weiter aufzubauen. Das findet im Design demnach nicht statt. Deshalb gibt es durchaus Menschen, die sich dafür aussprechen, dass man da etwas machen muss, dass es nicht wahr sein kann, dass eine neue Generation an Hochschullehre stattfindet, bei der wieder bei null angefangen wird. Da entstand dann die Idee, ein Projekt zu entwickeln, in dem man im Rückgriff auf die Geschichte und im Ausblick auf die Zukunft etwas aus dem gegenwärtigen Status lernt. Das finde ich unglaublich wichtig. Deshalb motiviert mich das, mich daran zu beteiligen.
Designbegriff
Das ist ein schönes Bild und leitet zur nächsten Frage über: Welchen Designbegriff vertreten Sie?
Die Frage nach der Definition ist immer eine problematische Frage. Ich finde aber, dass es Feigheit vor dem Feind ist, wenn man sich dem deshalb nicht stellt, nach dem Motto: „Das kann man sowieso nicht definieren“. Lustigerweise gilt das für jeden Begriff, der irgendwas mit Geistes- oder Sozialwissenschaften zu tun hat. Die Frage einer grundlegenden Basis für einen Austausch über Design in der Theorie ist sozusagen, ob man einen deskriptiven oder normativen Theoriebegriff hat. Meine Beobachtung ist, dass die allermeisten Designbegriffe und -definitionen normativer Natur sind. Wenn wir jetzt an jemanden wie Dieter Rams mit seinen berühmt-berüchtigten zehn Thesen denken, ist das rein normativ, wie auch das, was Otl Aicher dazu gemacht hat. So können wir immer weitermachen, da ist sehr wenig deskriptiv. Ich vertrete einen deskriptiven Designbegriff. Damit ist gemeint, dass ich relativ randscharf zu beschreiben versuche, wie ich das Phänomen Design sehe, ohne Forderungen ableiten zu wollen, was Design zu leisten hätte oder wie es sein müsste – das ist der Unterschied zwischen deskriptiv und normativ. Da ich auch aus der Kommunikations-, Sprach- und Geschichtswissenschaft komme, ist mein Zugang eben erst mal historisch-sprachlich. Ich schaue mir also an, seit wann es den Begriff Design, so wie wir ihn verwenden, eigentlich gibt. Das hat viel mit der tatsächlichen Verwendung von Begriffen, also der Pragmatik, und nichts mit der Wortherkunft zu tun. Das lateinische designare und das italienische Disegno haben überhaupt nichts mit dem modernen Designbegriff zu tun, nicht mal in leichten Anklängen. Der Begriff Disegno (auf den man sofort stößt, wenn man in Wikipedia oder im Duden nach Design sucht) ist überhaupt nicht hilfreich, weil das ein Begriff aus der italienischen Kunsttheorie der Renaissance ist. Das hat nichts mit unserer Lebenswirklichkeit zu tun und der sogenannte Verweis auf diesen Begriff besitzt ebenso keine Aussagekraft. Der Designbegriff wurde zum ersten Mal um die Wende zum 20. Jahrhundert im angloamerikanischen Bereich (speziell in Amerika) in der Art und Weise verwendet, wie wir ihn verstehen: nämlich als Tätigkeitsbegriff und Berufsbezeichnung für jemanden, der als Spezialist sehr vielfältige, verschiedene Facetten in einer arbeitsteiligen, industriellen Wertschöpfungskette bearbeitet. Diese Bereiche wurden ab dann nicht mehr als Generalist bearbeitet, wie das bis dahin Gestalter getan haben, womit vor allen Dingen Handwerker, Ingenieure und auch Künstler gemeint waren, sondern es kam eben der Spezialist und der Spezialistenberufsbegriff Design auf, der über De Stijl, Holland und Mart Stam dann auch in den deutschen Sprachraum einzog. Mart Stam nahm den Begriff um die 20er Jahre auf, bis er Ende der 40er Jahre in Dresden an der Akademie der Künste und der Hochschule für Werkkunst Rektor wurde und ihn dort weiter verwendete. Das alles ergab nur dann Sinn, weil er davon ausgehen konnte, dass sein Publikum eine ungefähre Vorstellung davon hat, was damit gemeint sein könnte. Ansonsten wäre ein Begriff sinnlos. Zu jener Zeit hat sich dieser Designbegriff als eine Beschäftigung mit Gestaltung in der europäischen Szene kristallisiert. Design wäre aus meiner Wahrnehmung demnach das Phänomen der Gestaltung in einem arbeitsteiligen, industriellen, seriellen Kontext mit dem Ziel der Massenproduktion. Das ist meine Definition. Das enthält keinerlei Wertung oder Ethos, sondern ist aus meiner Sicht die Beschreibung eines Phänomens der Moderne. Ohne Industrie gibt es für mich kein Design. Es gibt dann zwar Gestaltung, aber kein Design. Das, was ein Steinzeitmensch mit seinem Feuerstein gemalt hat, ist sicherlich eine Form der Gestaltung, aber kein Design für mich. Wenn alles, was wir tun, Design ist, dann hat der Begriff Design keinerlei Aussagekraft und Gehalt. Das würde auch sprachwissenschaftlich keinen Sinn ergeben, weil wir von der Sprachökonomie darauf getrimmt sind, dass wir für etwas, was in allen Facetten einzigartig ist, nur einen einzelnen Begriff haben. Wenn ein neuer Begriff entsteht, ist damit immer etwas Neues verbunden. Ein Beispiel wäre der Begriff des Meinungsführers, was ein sehr alter Begriff ist, hinter dem eine Theorie von Noelle-Neumann steht. Auf einmal gibt es das neue Phänomen der Influencer, bei dem wir Wissenschaftler uns die Frage stellen, inwiefern ein Influencer ein Meinungsführer ist. Handelt es sich hierbei um dasselbe? Nein. Obwohl es sehr ähnlich ist, gibt es qualitative Änderungen durch die Rahmenbedingungen des Internets. Ich finde, das ist ein sehr schönes Beispiel für diese These (die nicht von mir stammt, aber ein schönes Beispiel ist), dass Design nur dann sinnvollerweise von Menschen als Begriff für etwas verwendet werden kann, wenn auch eine qualitative Veränderung in der Substanz damit verbunden ist. Und das ist aus meiner Wahrnehmung, wie ich das geschildert habe, die industrielle Massenproduktion, die Serienfertigung und Arbeitsteiligkeit erfordert, innerhalb derer der Designer als Spezialist in einer kommerziell getriebenen Wertschöpfungskette verankert ist. Diese vier Facetten sind eben ausschlaggebend. Jetzt kann man sich fragen: Ist das nur auf Gegenstände, wie beispielsweise Brillen und Stühle, zu beziehen und dort gültig? Nein, das gilt auch für Botschaften. Auch Medien sind Massenmedien. Klarerweise hat dieser Designbegriff Unschärfen an den Rändern. Ein Beispiel für solche Unschärfen ist die Fotografie. Fotografie ist ein Phänomen, das total spannend ist, weil der Fotoabzug selber in den ersten dreißig, vierzig Jahren irrelevant war. Die Fotografen wollten, dass ihre Bilder veröffentlicht und gedruckt werden. Der Abzug war nur das Mittel, um Fotos in den Druck geben zu können. Hier haben wir also einerseits das einzelne Unikat, aber auch die Serie, die große Massenauflage. Die Fotografie oder das Fotodesign steht also ein bisschen dazwischen. Diese Unschärfe ist mir bewusst, solche Randgebiete (wozu auch beispielsweise Service Design oder Modedesign zählen) kann man jedoch nur beschreiben, weil man diese Parameter anlegen kann. Deshalb bin ich auch der Ansicht, dass das, was zum Beispiel mit einem 3D-Drucker passiert, kein Design mehr ist. Das ist ein neues Phänomen. Und ich glaube, wir tun diesem Phänomen total unrecht, wenn wir es als Design bezeichnen, da es qualitativ komplett anders ist. Es ist nicht mehr die Industrie, es ist nicht mehr die Arbeitsteilung, es ist nicht mehr die Massenherstellung, sondern etwas, was es vorher in der Menschheitsgeschichte so noch nicht gab: Maschinen können Maschinen zum gleichen Stückpreis von einem oder tausend Exemplaren herstellen und derjenige, der das produziert, kann sich die Vorlage dazu irgendwo aus dem Internet herunterladen. All das gab es vorher nicht, deshalb bin ich der Ansicht, dass so etwas wie 3D-Design oder die ganze dazugehörige Produktion gar nicht als Design bezeichnet werden sollte. Da müsste es einen neuen Begriff dafür geben.
Theorie & Praxis
Die nächste Frage betrifft das Verhältnis zwischen Denken und Entwerfen, das Sie in der letzten Veröffentlichung der Hearings Ihrer derzeitigen Studie zur Designlehre aufgeführt haben. Wie würden Sie das derzeitige Verhältnis zwischen Theorie und Praxis in der Designdisziplin beschreiben?
Ich finde die Behauptung spannend, dass Designtheorie die Theorie der Praxis ist und das Verhältnis von Theorie und Praxis im Design untrennbar ist. Das kann, je nach der persönlichen Ausübung einer Tätigkeit, Verschiebungen in die eine oder andere Dimension haben – aber es gibt nicht das eine ohne das andere. Oft wird gesagt, dass Theorie und Praxis zwei Seiten einer Medaille sind. Das ist insofern ein etwas irreführendes Bild, als dass man eine Medaille auf die eine oder andere Seite legen kann und denken könnte, dass deshalb die andere Seite nicht mehr da ist. Es gibt jedoch bestimmt keine Medaille ohne zwei Seiten. Jede Medaille enthält beides. Das sehe ich im Design genauso. Bei dem Begriff von Theorie und Praxis würde ich nicht sagen, dass da eine Übersetzung zwischen Denken und Handeln oder Gehirn und Händen stattfindet. An dieser Stelle knüpft die Designpraxis tatsächlich an die Kunsttheorie der Renaissance an. Der Begriff Disegno ist ein Begriff, der das zusammenführt. Disegno bedeutet die Zusammenführung und Integration vom intellektuellen, mentalen Ausdenken und händischen Ausführen in einer untrennbaren Rückkopplungsschleife. Dadurch, dass ich etwas mit den Händen machen kann, kann ich mir etwas anderes ausdenken. Und weil ich mir etwas ausdenken kann, kann ich wiederum mit den Händen versuchen, es zu machen. Das ist eine untrennbare Schleife, die im Design immer gilt, auch wenn manche DesignerInnen in ihrer Praxis da unterschiedliche Schwerpunkte setzen. Das Verhältnis ist dennoch unauflöslich.
Wenn man auf diesem Modell aufbaut: Könnte man dann sagen, dass die Auseinandersetzung mit theoretischen Inhalten, speziell mit der Designtheorie und den dazugehörigen Debatten, einen Einfluss auf die Praxis hat?
Absolut. Das kann ich mir nicht anders vorstellen. Es gibt so viele DesignerInnen, die sich in ihren Entwürfen beispielsweise von Manifesten leiten lassen, in denen normative Theorie aufgestellt wird. Wenn jemand sagt, dass ein Entwurf kein Unikat, sondern ein systematischer Prozess sein soll, dann komme ich zu einem Raster, das ist ganz logisch. Wenn ich sage, dass ich auf jeden Fall nachhaltig arbeiten möchte, dann komme ich zu anderen Entwurfsprozessen. Das geht gar nicht anders.
Gerade diese Wechselwirkung scheint die Disziplin ja auch voranzutreiben. Wo sehen Sie derzeit die größten Veränderungen in der Situation der Designdisziplin, in der Praxis wie in der Theorie? Wie bewerten Sie die Situation?
Die Designtheorie ist relativ desolat. Die Designpraxis ist ein vehementes Getriebensein und auch eine sehr schwache Position mit vielen Verzweiflungstaten, nach denen es nicht so sein dürfte, dass sie von der Industrie (vor allem der medialen Industrie), technologischen Entwicklungen, sozialen Bewegungen oder der Idee der Nachhaltigkeit angetrieben werden. Ich erlebe es allerdings durchaus so, dass die Szene überwiegend angetrieben wird anstatt anzutreiben. In dem Sinne ist sie keine Avantgarde, die findet an ganz anderen Stellen statt. Die Designtheorie erlebe ich als relativ desolate Szene. Nach meiner Einschätzung gibt es relativ wenige KollegInnen, die sehr fundiert und seriös arbeiten. Verhältnismäßig gibt es viel mehr, die gerne fundiert und seriös arbeiten würden, denen es aber nicht gelingt. Deren Beiträge sind nach meiner Einschätzung nicht besonders wertvoll (womit ich meine, dass sie uns an einer Stelle irgendwie weiterbringen), weil einfach vieles übersehen und vergessen wurde. Wer heutzutage beispielsweise die Idee beanspruchen würde, dass es für das Design wichtig wäre, dass die Form der Funktion folgt, das ernsthaft in einem Beitrag darlegt oder ein oder zwei Bücher daraus macht und damit den Hinweis ignoriert, dass es diese Idee schon gab und sie nicht neu ist, dann wäre das für mich wenig seriös. Hinzu kommen immer wieder auch Modebegriffe, die dann durch die Szene geistern und worüber dann sehr viel heiße Luft gemacht wird. Ich glaube, dieses Lamentieren ist relativ wohlfeil. Das könnte in vielen anderen theoretischen Wissenschaftsgemeinschaften ähnlich sein. Das kann ich nicht beurteilen, aber das ist meine Einschätzung.
Sehen Sie in diesem Durcheinander gewisse Chancen und Risiken? Lässt sich da etwas verallgemeinern?
Ja. Das Risiko ist ganz klar, komplett zu scheitern und einzusehen, dass das, was hier veranstaltet wird, völlig irrelevant geworden ist. Die Chance wäre für mich zu sagen, den Laden mal dichtzumachen, und das meine ich ganz ernst. Demnach müsste man sich mal klarmachen, dass das Design eine Tätigkeit ist, die immer weniger Bereiche betrifft. Sie wird zwar nicht verschwinden, aber in der Art und Weise, wie ich Design definiert habe, verändert sich einfach die Herstellung von Gerätschaften und Botschaften. Solange es aber diese Art industrieller Herstellung gibt, braucht es klarerweise auch Design. Die Zukunft liegt aber im Kontext der Digitalisierung zu einem großen Teil ganz klar woanders. Da bin ich eben der Ansicht, dass sich solche Themen qualitativ in weiten Bereichen so sehr von dem unterscheiden, was wir bisher als Design bezeichnen, dass alles, was sich mit der Gestaltung dieser Zukunftsfelder beschäftigt, gefälligst einen neuen Begriff haben sollte. Insofern meine ich, dass hier die Chance wäre, etwas komplett Neues zu benennen und einen neuen Diskurs zu eröffnen, so wie das eben vor hundert bis hundertzwanzig Jahren mit dem Werkbund und dem Bauhaus auch geschehen ist. Auch für das damalige Neue brauchte man dann irgendwann einen neuen Namen, was dann eben das Design war. Auf diesem Pferd hat man lang genug geritten, das kann jetzt mal in den Stall. Das wäre für mich eine Chance.
Mittel & Methoden
Das ist natürlich auch ein Stück weit ein Transfer. Die DesignerInnen, die aus der Lehre kommen oder in der Praxis verankert sind, sollten ja auch auf das neue Pferd aufspringen können. Welche Mittel und Methoden könnten generell dabei helfen, diesen Risiken zu begegnen?
Das ist ja das Schöne. Eigentlich sind es genau die Methoden und Techniken, die in der Gestaltung seit spätestens hundertzwanzig Jahren praktiziert werden und etabliert sind, auch in der Moderne. Diese Methoden und Techniken kann man ganz wunderbar dafür nutzen, um seine eigene Situation zu verändern, auch als wissenschaftliche Community und auch als Branche. Es fällt uns sehr leicht, einem Auftraggeber zu sagen: „Pass mal auf, deine Situation hat sich verändert, du brauchst ein neues Logo und wir müssen eigentlich auch mal überlegen, ob dein alter Firmenname eigentlich noch so passend ist. Eigentlich sollte er geändert werden“. So etwas muten wir unseren Auftraggebern permanent zu. Ich bin der Ansicht, dass genau die gleiche Technik auf die Disziplin angewendet werden und zu den gleichen Effekten führen könnte. Man müsste es nur tun. Insofern ist da der Begriff des Transfers auf jeden Fall der passende. Diese Erkenntnisse, Erfahrungen und Methoden sollten deshalb nicht verschüttet gehen, sondern uns dabei helfen, die Zukunft zu gestalten.
Ausgehend davon, dass disziplinübergreifendes Arbeiten und Denken ein immer wichtigeres Thema wird: Inwiefern spielen Inter- und Transdisziplinarität generell eine Rolle für das Design?
Es fällt mir total schwer, davon auszugehen, dass es Design ohne die Integration unterschiedlichster Disziplinen geben könnte. Meiner Wahrnehmung nach ist es immer einer der Kernbestandteile des Phänomens Design gewesen, dass es nicht nur eine einzige Perspektive hat, sondern dass ganz viele Perspektiven zusammengeführt werden. Deshalb ist die Designdisziplin für mich eigentlich eine Disziplin, die ganz viele Disziplinen zusammenführt. Wenn das nicht der Fall ist, wäre das Design nicht besonders gelungen. Insofern kann ich mir das gar nicht anders vorstellen.
Inwiefern sollte das in der Designlehre eine Rolle spielen?
Das ist die ganz große Herausforderung. Da sehe ich die einzige Existenzberechtigung von einer neuen Hochschule, in der das stattfinden müsste. Man müsste Designlehre so aufbauen, dass einzelne Module und Fächer nicht isoliert nebeneinanderstehen und einfach addiert werden, sondern dass sie integriert werden. Ich bin vollkommen davon überzeugt, dass ein Designstudium – wenn es heutzutage irgendeinen Sinn haben sollte – pro Semester prinzipiell ein Projekt bearbeiten und während dieses einen Projektes alle Themen bearbeiten sollte, die bei der Bearbeitung eines solchen Projektes in der Praxis auch anfallen. Angenommen, es geht um einen Stuhl (auch wenn wir keine neuen Stühle mehr brauchen), dann kommen auf einmal unterschiedliche Themen zusammen: Themen des Materials, Themen der Materialverarbeitung, betriebswirtschaftliche Themen, Themen des Marketings, ästhetische Themen, Themen der Anwendung, Themen der Lagerung, Themen des Transportes, Themen der Nachhaltigkeit und so weiter. Alle Themen kommen immer zusammen – das geht gar nicht anders. Wenn ich im nächsten Semester dann eine Website anstatt eines Stuhls mache, gilt genau dasselbe. Auch geht es wieder um Themen des Materials (hier wären das Pixel), ästhetische Themen, betriebswirtschaftliche Themen, rechtliche Themen, Aufmerksamkeitsthemen oder Sinnthemen. Bei jedem Projekt in der Praxis kommen immer alle Themen gleichzeitig zusammen und man muss lernen, damit umzugehen und sich nicht nur zwei Wochen ausschließlich mit beispielsweise Kalkulation beschäftigen. Wozu ich Kalkulation in dem Fall brauchen könnte, weiß ich nicht. In dem Moment, wo ich als DesignerIn das erste Mal eine Rechnung schreibe oder einen Auftrag von meinem Auftraggeber haben möchte, der vielleicht sagt: „Das hier ist ein toller Entwurf, das Werkzeug würde mich aber vier Millionen Euro kosten, im Gesamtbudget waren aber nur zweihunderttausend“, ist das natürlich völlig weltfremd. In der Praxis kommen immer alle Sachen zusammen und aus meiner Sicht müsste ein Designstudium deshalb genauso aufgebaut sein. Alle Themen müssten immer integriert sein.
Was sind die Voraussetzungen und Fähigkeiten, um inter- und transdisziplinäres Lernen anzugehen?
Kollegen und Kolleginnen, die in der Lehre tätig sind, müssten sich im Vorfeld sehr viel mehr Arbeit machen und hätten dann in der Durchführung sehr viel weniger Arbeit. Die Arbeitszeiten, die Zeiten der individuellen Vorbereitung und das Aufsetzen eines Themas kosten dann einfach mehr Energie. Dadurch verschiebt sich der gesamte Ablauf eines Arbeitstages. Ich glaube auch, dass es total wichtig wäre, dass solche Projekte parallel von zwei oder drei Kollegen und Kolleginnen gleichzeitig zu behandeln wären, da das sehr wenig mit Vorlesung zu tun hat. Natürlich braucht es Input, aber dieser Input muss nicht im Sinne eines betreuten Lesens stattfinden. Der Begriff der Vorlesung hat aus meiner Wahrnehmung nichts mit Designpraxis zu tun. Es ist aber total wichtig, Anregungen und Angebote für ein selbstständiges Aneignen von Information und Wissen zu geben. Allerdings wird das erst dann richtig wichtig, wenn es auch relevant wird. Ich weiß nicht, wer sich von Ihnen bereits mit Altersvorsorge beschäftigt hat. Möglicherweise niemand, was ich sehr vernünftig und sehr menschlich finde. Es kommt aber möglicherweise der Moment, beispielsweise wenn Sie ein Kind haben oder sich in einer anderen Situation befinden, in dem Sie feststellen, dass Sie sich mal mit Altersvorsorge beschäftigen müssen. Dann können Sie innerhalb von zehn Tagen alles über Versicherungen und so etwas lernen und eignen sich Zinsrechnungen an, weil Sie die Relevanz davon sehen. Dieses ganz simple Prinzip ist leider an Hochschulen relativ ausgehebelt. Da wird einfach nur vorausgesetzt, dass man sich immer für alles interessiert. Das ist Quatsch. Aber in dem Moment, in dem man sich aus einem guten Grund für etwas interessiert, kann man wahnsinnig viel in wahnsinnig kurzer Zeit lernen. Ich verstehe nicht, warum es uns so schwerfällt, Hochschullehre nach diesem sehr simplen Prinzip der Integration und nach Wiederholungsschleifen auszurichten. Das heißt eben, nicht im ersten Semester alles reinzupacken und zu funktionieren, sondern ein Entwurfs- und Bearbeitungsritual zu entwickeln, wie in der Praxis. Das bedeutet, sich jedes Mal einen anderen Schwerpunkt anzueignen, einfach weil das Projekt einen anderen Schwerpunkt erfordert. Das ist meine Ansicht.
Kompetenzen
Wir hatten gerade schon die Fähigkeit und Kompetenz angesprochen, einen Wissensbereich einzugrenzen, wobei natürlich auch Neugier eine Rolle spielt. Welche Fähigkeiten würden Sie darüber hinaus als zukunftsrelevant für DesignerInnen erachten?
Ich glaube, diese Neugier und hohe intrinsische Motivation, immer wieder etwas Neues lernen zu wollen und sich erneut Situationen anzupassen, ist vom sogenannten Mindset her für mich das Wichtigste. Daraus ergibt sich vieles Weitere. Wem das nicht liegt und wer gerne auf etablierte Routinen zurückgreift, derjenige ist in diesem Beruf aus meiner Sicht tendenziell nicht passend. Demjenigen müsste klar sein, dass er oder sie sich mit einer hohen Wahrscheinlichkeit auf ein Berufsfeld spezialisiert, das nach zehn oder fünfzehn Jahren weg ist. Ich habe es in meiner bisherigen Berufspraxis schon mehrfach erlebt, dass Leute, die Spezialisten für eine bestimmte Tätigkeit waren, in der sie sich wohlgefühlt haben und mit der sie auch ganz gutes Geld verdient haben, nach fünfzehn Jahren vollkommen am Boden zerstört waren, weil es diese Tätigkeit plötzlich nicht mehr gab – eben dieses gewisse Spezialistentum. Buckminster Fuller hat mal gesagt, dass Spezialisten Sklaven sind. Ich glaube, das gilt tatsächlich auch für das, was wir heute als Design bezeichnen. Eine intrinsische Motivation und eine Einstellung und Haltung dahingehend, dass das, was jetzt ist, nur deshalb, weil es momentan gültig ist, morgen und übermorgen nicht mehr gültig sein muss, sind die Grundvoraussetzung dafür, sich permanent an die Veränderung anzupassen und diese auch aktiv mitzugestalten und nicht nur gestaltet zu werden. Dazu gehört auch immer eine kritische Selbstdistanz. Alles andere ergibt sich daraus. Natürlich ist es schön, wenn jemand ein sehr gutes Proportions- und Farbgefühl oder ein gutes Farbgedächtnis hat. Wenn das aber tatsächlich die Voraussetzung wäre, dann hätten wir in Deutschland keine fünfzig staatlichen Hochschulen, sondern eine einzige, da es nicht viel mehr Leute gibt, die das wirklich draufhaben. Das heißt, dass das, was als Talent bezeichnet wird, dann das ist, was möglicherweise den erfolgreichen Teamplayer von einem erfolgreichen Superstar unterscheidet. Ich komme gerade von einer Reise aus Japan zurück. Dort an den Designhochschulen sind technische Fertigkeiten wie beispielsweise das Zeichnen Grundvoraussetzung. Die können zeichnen, das können Sie sich nicht vorstellen, das ist wirklich genial. Nun gibt es bestimmte Arbeitspunkte und Entwicklungsschritte, in denen so etwas sehr hilfreich ist. Dass jemand auf dem Niveau von Leonardo da Vinci zeichnen kann, ist dafür nicht erforderlich. Es gibt natürlich Neigungen und Talente und all das, das ist schön, aber das ist für mich nicht die Voraussetzung, um im Designberuf erfolgreich zu sein und eine Erfüllung zu finden.
Verändert sich demnach das Verhältnis zwischen Generalistentum und Spezialistentum in seiner Relevanz?
Ich bin mir nicht sicher, ob sich das Verhältnis verändert. Ich glaube, dass es immer einen hohen Anteil von Generalistentum und gleichzeitig auch immer eine Form von Spezialisierung braucht. Das ergibt sich quasi natürlicherweise, da Menschen unterschiedlich sind, das sollte man nicht wegnivellieren. Um bei dem Beispiel des Zeichnens zu bleiben: Wer super zeichnen kann, der sollte sich dennoch nicht nur auf das Zeichnen spezialisieren. Der- oder diejenige sollte als GeneralistIn an dieser Stelle bestimmte Akzente setzen können und vielleicht noch eine gewisse Stärke entwickeln, um sich von anderen Designern an der Stelle zu unterscheiden. Wenn man sich jedoch nur auf sein Spezialistentum beschränkt, ist man verloren.
Designlehre
Inwiefern sind geistes- und sozialwissenschaftliche Inhalte und Methoden für die Designlehre relevant und sollten vielleicht mehr integriert werden?
Ich komme aus der Geisteswissenschaft, insofern ist das für mich naheliegend. Tatsächlich ist es aber ein Teil des Forschungsprojektes, dass ich das von ganz vielen DesignerInnen auf der ganzen Welt, die überhaupt nicht geisteswissenschaftlich trainiert sind, immer wieder und überall gehört habe. Das, was in Amerika jetzt als „Deep Reading“ bezeichnet wird, also ein gründliches Textverständnis, eigentlich Niveau der siebten Klasse, ist da ein Studienfach geworden, weil dort gesagt wird, dass es total wichtig ist, dass man Texte verstehen muss und Schlüsselbegriffe und Texte formulieren kann. Wissenschaftliche Grundlagen, Techniken, Methoden und Theorien sind extrem wichtig als Grundlage für eine gelungene Designentwicklung, das habe ich immer wieder überall von Leuten aus der Praxis gehört. Die Akademiker sagen das sowieso.
Wenn man sich manche verstaubten Strukturen von Hochschulen und Universitäten anschaut, an denen Design gelehrt wird, scheint es auf jeden Fall eine große Herausforderung für die Designlehre zu sein, diesem Anspruch nachzukommen. Sehen Sie weitere große Herausforderungen für die Designlehre?
Die Designlehre hat die weitere Herausforderung, dass sie Minderwertigkeitskomplexe gegenüber der Wirtschaft hat (mal ganz scharf und generell formuliert). Aus diesem Minderwertigkeitsgefühl entstehen dann gewisse Reaktionen, oftmals Arroganz, Überheblichkeit oder Ignoranz, wie auch immer. Ich bin überhaupt kein großartiger Bauhaus-Maniac, aber an der Stelle kann ich immer sagen: Auch schon das späte Bauhaus hat es teilweise zur Parole erhoben, dass es nicht darum geht, das andere abzulehnen, sondern mit dem anderen zusammen die Zukunft zu gestalten (das hat es auch schon vorher beim Werkbund und insbesondere in Ulm gegeben). Die große Herausforderung besteht darin, nicht nur auf die Gesellschaft, sondern ganz speziell auch auf die Wirtschaft zuzugehen und diese nicht als Feindbild zu sehen und nur zu sagen, dass die Hochschule ein Schutzraum ist. Natürlich ist sie das und gleichzeitig birgt der Schutzraum ein riesiges Potenzial, um neue Umgangsformen mit der Industrie auszuprobieren und der Industrie und Wirtschaft im Allgemeinen und postindustriellen Sinne auch was zuzumuten. Ich sehe die große Herausforderung da, dass man dazu bereit und offen sein muss und sich demgegenüber auch verhalten muss, was Energie kostet. Ich glaube, dass eine vernünftige Designlehre ohne eine enge Kooperation mit der Wirtschaft nicht besonders hilfreich ist.
Speziell im Hinblick auf eine Kooperation mit den Geistes- und Sozialwissenschaften: Sollten solche Inhalte von DesignerInnen gelehrt werden, oder ist es wichtig, Leute von außen hinzuzuziehen und diese Themen von ihnen auf das Design übertragen zu lassen?
Wenn wir vom Bild der Integration unterschiedlicher Perspektiven ausgehen, gibt es einen bestimmten Anteil, den DesignerInnen im Unterschied zu anderen Berufen und Praktiken draufhaben. Ein Jurist oder Ingenieur bringt etwas mit, was ein Designer nicht mitbringt. Gleichzeitig sind die DesignerInnen aber diejenigen, die die Leute zusammenbringen und mit Blick auf eine Anwendung – sozusagen als Anwalt des Anwenders – immer wieder versuchen, diesen Prozess zu kanalisieren, damit das Wesentliche währenddessen nicht verloren geht. Aus meiner Sicht geht es darum, dass eben dieses Spezialistentum nicht verhindert, dass etwas Gutes entsteht und zur Bereicherung des Ganzen führt. Selbstverständlich würde ich als Designer nicht Materialwissenschaft lehren, wenn ich von Materialwissenschaft keine Ahnung hätte. Wenn ich Ahnung hätte und das irgendwie ein Schwerpunkt meines Spezialistentums wäre, ich aber ansonsten Generalist bin, dann ist das ein schöner Zufall. Ich bin aber nicht der Ansicht, dass Designer diejenigen sein müssen, die zwanzig Spezialexperten gleichzeitig in sich vereinen müssen.
Ethik & Moral
Wir kommen zum letzten Punkt. Uns geht es darum, dass über allem – nicht nur über dem Design – die Frage nach Haltung, Reflexion, Verantwortung, Werten und Zielen schwebt. Wie sollte man demnach in der zukünftigen Designlehre mit dem Thema Ethik und Moral umgehen?
Auch das wäre für mich etwas, was integriert sein muss. Um bei dem Beispiel mit dem Stuhl zu bleiben (obwohl man ohne sehr guten Grund natürlich heutzutage keinen neuen Stuhl mehr braucht): In dem Moment, in dem ein Auftraggeber zu mir als Hochschule käme und als Semesterprojekt einen neuen Stuhl entwickeln wollen lassen würde, könnte es ja gut sein, dass das Thema Ethik und Moral ganz vorne steht. Warum sollten wir das tun? Was ist eigentlich die Aufgabe im Design? Ist es die Aufgabe im Design, einen neuen Stuhl zu entwickeln, oder sehen wir es als unsere Aufgabe, dem Unternehmen klarzumachen, dass es schon ganz viele Stühle gibt und dass das Thema des Sitzens total überarbeitet ist? Vielleicht wurde auch etwas übersehen oder kann man etwas Neues daraus lernen? Aus der Situation heraus kann es gut sein, dass ethisch-moralische Fragen auf einmal ganz oben stehen. Was tun wir, wenn Heckler & Koch sich an uns wenden und eine neue Pistole wollen? Im ersten Fall würden wir Waffen natürlich ablehnen. Wenn die dann aber entgegnen: „Was macht ihr dann, wenn ihr angegriffen werdet?“ und wir antworten: „Dann rufen wir Leute mit Waffen zur Hilfe!“, dann haben wir ganz schnell ein Dilemma. Ich will das nicht lösen. Ich will nur sagen, dass sich das bei solchen Situationen vielleicht viel stärker stellt. Ein anderes Beispiel wäre, wenn sich die katholische Kirche an uns wenden und eine neue Kampagne wollen würde, um etwas dagegen zu unternehmen, dass sie das Thema des Kindesmissbrauchs in ein falsches Licht rückt. In dem Moment, in dem ich mich an den Entwurf begebe, ohne so etwas ethisch und moralisch zu reflektieren, bin ich jemand, der halt Pixel von links nach rechts schiebt. Das gibt es immer wieder und das gibt es reichlich, aber ich bin mir nicht wirklich sicher, ob das etwas ist, was eine Existenzberechtigung in der Praxis gewährleistet.
Das ist ein schönes Schlusswort. Damit sind wir mit unserem Fragenkatalog durch und ich bedanke mich für Ihre Zeit und Ihre Antworten.