Philipp von Essen
Director Product Design, SinnerSchrader
Wir sind heute in der Völckerstraße in Hamburg-Altona zu Gast bei SinnerSchrader, einer der führenden Digitalagenturen Europas. 1996 von Oliver Sinner und Matthias Schrader gegründet, ist SinnerSchrader mittlerweile auch in Berlin, Frankfurt, München und Prag vertreten. Seit 2017 gehört die Agentur zu Accenture, einem der weltweit größten Beratungsunternehmen. Der Fokus von SinnerSchrader liegt auf Strategie, Kreation und Entwicklung digitaler Produkte und Services. Zu den Kunden gehören beispielsweise Volkswagen, Allianz, Audi, Unitymedia und TUI. Zudem ist die Agentur Initiatorin der NEXT Conference, eines Treffens der Digitalbranche, das jedes Jahr unter einem neuen Motto versucht, Ausblicke in die Zukunft zu geben. Die Konferenz betrachtet die Digitalisierung dabei in fünf Dimensionen: global, lokal, technologisch, unternehmerisch und wissenschaftlich.
Wir sprechen heute mit Philipp von Essen, der hier als Director UX ein Team leitet. Bevor er sich in den Bereich Konzept und Visualisierung bewegte, studierte er Geschichte und Anglistik in München, Kiel und Hamburg und arbeitete in der Kommunikation für verschiedene Unternehmen. 2006 folgte ein Studium der Typografie und Grafik an der Hochschule für bildende Künste Hamburg. Während und nach seinem Gestaltungsstudium arbeitete er bei Interone als Konzepter und zuletzt als Creative Director. 2014 wechselte er zu SinnerSchrader.
Motivation
Philipp, bevor wir intensiver auf das Thema eingehen, würde ich gerne mit einer persönlichen Frage beginnen: Was hat dich trotz deiner geisteswissenschaftlichen Herkunft motiviert, dich in das Tätigkeitsfeld des Designs hineinzubewegen?
Das ist mittlerweile so lange her, dass ich die geisteswissenschaftliche Herkunft gar nicht mehr so richtig wahrnehme. Wie ihr schon gesagt habt, habe ich einen Prozess durchlaufen, der sich über mehrere Jahre hingezogen hat. Aus dem hat sich irgendwann der Impuls gespeist, mehr zu schaffen als einfach nur Pressetexte zu schreiben oder etwas in der Richtung zu machen. Das klingt vielleicht banal, aber das hat sich dann sukzessiv einfach so entwickelt. Ich habe plötzlich gemerkt, dass ich in bestimmten Dingen, die das Design tatsächlich ausmachen, größere Befriedigung finde, als in anderen Dingen. Allerdings mache ich mittlerweile ja überhaupt kein Design mehr, wenn man so will. Ich bin eher derjenige, der anderen Leuten kontinuierlich auf die Finger schaut und im Blick behält, dass man die Erwartung der Kunden entsprechend managt, solche Geschichten eben. Das, was man sich tatsächlich als Design vorstellt, ist im Moment der geringste Teil meines Alltags.
Designbegriff
Gerade der Diskurs um den Designbegriff ist im Moment sehr im Fluss, weil sich so viele neue Gebiete auftun. Kannst du deinen Designbegriff in Kürze zusammenfassen? Hast du für dich einen Begriff, den du verwendest?
Bis zu einem bestimmten Punkt folge ich der Ansicht, dass wir diejenigen sind, die irgendwie versuchen, Lösungen auf Probleme zu finden. Allerdings tue ich mir mit dem Begriff des Problems an der Stelle immer ein bisschen schwer, da ich finde, dass er oft zu kurz greift. Welches Problem hat ein iPhone im Jahr 2007 letztendlich gelöst? Das hatte nicht so sehr mit einem Problem zu tun, das wirklich irgendwo in der Welt gewesen ist. Trotzdem handelt es sich hier letztendlich um eine der erfolgreichsten Designgeschichten. Deshalb tue ich mir mit dieser Design-löst-Probleme-Vorstellung schwer. Trotzdem geht es aber irgendwo immer darum, dass wir etwas in die Welt bringen, das etwas verändert, in bestimmten Kontexten beheimatet ist und ganz stark mit dem Alltag und dem Leben der Menschen zu tun hat.
Würdest du sagen, dass der Begriff jemals final formuliert werden kann, oder handelt es sich eher um eine fluide Geschichte?
Man merkt auch ohne ein ausgeprägtes theoretisches Wissen, dass sich der Begriff die ganze Zeit verändert. Das habe ich auch gemerkt, als ich angefangen habe, in dem Bereich zu arbeiten. 2006 haben wir uns noch Konzepter genannt, dann waren wir plötzlich UX Designer (obwohl man sich damals noch gefragt hat, was UX eigentlich ist) und mittlerweile bezeichnen wir uns als Product Designer. Damit fühle ich mich schon eher zu Hause, weil es in unserem Fall letztendlich immer um Wertaustausch geht, was für mich die zentrale Kategorie von Produkten mit digitalem Hintergrund ist.
Als Kommunikationsdesigner interessiert uns in diesem Kontext auch immer der Begriff des Kommunikationsdesigns. Wir fragen uns allerdings, ob sich diese begriffliche Grenze überhaupt noch ziehen lässt, da man gerade mit Blick auf die Vermittlung und den Austausch mit Produkten immer auch über Kommunikation spricht. Wie verortest du den Begriff Kommunikationsdesign?
Für mich ist Kommunikation das, was man irgendwann mal als Reklame bezeichnet hat, da bin ich vielleicht ein bisschen anachronistisch gestrickt. Klar gibt es da immer noch einen Designauftrag, aber der ist dann sehr spezifisch. Wenn es anfangs darum geht, eine Landing Page mitzugestalten, auf der man die Vorteile eines bestimmten Produktes zu kommunizieren versucht, hat das was damit zu tun, was ich klassischerweise als Kommunikationsdesign bezeichnen würde.
Theorie & Praxis
Wir beobachten auch, wie die Designtheorie als Diskurs wächst und sich das Feld der Designforschung ausbreitet. Daher interessiert uns das Verhältnis zwischen Designtheorie und Praxis. Inwiefern wirken die beiden aufeinander? Gibt es eine Wechselwirkung, oder zieht die Theorie eigentlich nur hinter der Praxis her?
Schwer zu sagen. Dazu muss ich ehrlich sagen, dass ich in der Praxis nicht die Zeit habe, mich wirklich tiefer mit diesen ganzen theoretischen Themen zu beschäftigen. Man nimmt das natürlich mal mit, wenn man mit Kollegen beim Mittagessen ist. Wir sitzen auch schon mal öfters abends bei einem Bier zusammen und reden über solche Themen, dennoch ist es schwierig, da eine pointierte Antwort zu geben. Vielleicht hat sich da aber auch mein Blickwinkel verändert. Wenn man in der Universität oder der Akademie ist, wie ich damals an der Kunsthochschule, dann ist man Teil eines Diskurses, der da stattfindet. Andererseits habe ich parallel zu meinem Studium in einer Agentur gearbeitet. Da ist mir wahnsinnig schnell klar geworden, was das für unterschiedliche Welten sind. Klar, wir haben im Studium mehr klassische Typografie und Buchgestaltung und so was gemacht, womit wir bei Interone überhaupt nichts zu tun hatten. Man kann natürlich entgegenhalten, dass die HFBK sich auf die Fahne schreibt, nicht in diesen angewandten Bereich zu gehen, sondern freie Ansätze zu lehren und nach vorne zu bringen. Das ist natürlich in einer Agentur, die sich Kommunikation und Internet auf die Fahne geschrieben hat, ein ganz anderes Feld. Mein Eindruck ist, dass das auch heute noch immer so ist, auch wenn ich mit dem akademischen Bereich nichts mehr zu tun habe. Im akademischen Bereich finden andere Diskurse als bei uns in der Praxis statt. Und die Diskurse der Praxis speisen sich zweifellos ganz stark aus der Praxis selbst.
Würdest du trotzdem sagen, dass Gespräche über Theorie, theoretische Sichtweisen und die Beschäftigung mit Theorie dich in deiner Rolle und deinen Denkweisen als Design Lead und Creative Director beeinflussen?
Ja, irgendwie schon. Gleichzeitig muss man natürlich auch ganz ehrlich sagen, dass die Flughöhe, auf der wir den Designdiskurs mit Menschen aus großen deutschen Unternehmen betreiben, ausgesprochen gering ist. Es ist vielleicht für die eigene Wertschätzung oder etwas in der Richtung gut, diese Flughöhen, auf denen ihr euch da bewegt, immer mal wieder zu erklimmen. Das ist aber nicht zwangsweise ein Teil meines Arbeitsalltags, das muss man ganz deutlich sagen.
Wie schätzt du die derzeitige Situation der Designdisziplin ein? Wo ergeben sich neue Herausforderungen, Chancen und Risiken, wo tut sich gerade viel?
Ich finde, dass sich gerade in den letzten drei Jahren wahnsinnig viel getan hat, weil man gemerkt hat, dass man mit den althergebrachten Arten und Weisen, wie man früher digitale Produkte gebaut hat, nicht mehr weiterkommt. Wir arbeiten viel mit Kunden aus dem Automotive-Bereich zusammen und da merkt man, dass Themen wie beispielsweise Nutzerzentrierung zu einer Zeit wichtiger wurden, als das in Amerika beispielsweise schon längst im Fokus gewesen ist. Das wurde in deutschen Unternehmen zwar immer propagiert, aber das ganze Handwerkszeug und die ganze Methodik waren null nutzerzentriert. Das hat sich geändert. Bei unseren Kunden haben wir auch immer darauf gedrungen, dass man Dinge stärker aus der Nutzerperspektive sehen soll. Da haben wir mittlerweile nicht mehr das Problem, verständlich zu machen, dass wir das stärker in den Mittelpunkt stellen wollen. Da wenden sich die Dinge zum Besseren und wir bekommen mittlerweile eher den Auftrag, wirkliche Designarbeit zu machen. Früher war das oft so, dass wir diejenigen waren, die die Gestaltungsarbeit bekommen haben, die in den Firmen intern nicht gemacht werden konnte. Da gab es dann einen Product Owner, der gesagt hat: „Da muss ein Button hin und da muss etwas draufstehen und malt das mal so an“. Das erleben wir immer weniger, auch weil wir den Kunden immer wieder gesagt haben, dass gutes Design erst entsteht, wenn man sich mit einem „Problem“ beschäftigt, wofür man eine Lösung finden muss. Und auch, dass es eben die Aufgabe von DesignerInnen ist, eine Lösung zu finden. Es ist nicht damit getan, dass jemand, der in einem Unternehmen arbeitet, aus dessen Perspektive sagt, was er für richtig hält. Im Gegenteil sind wir es, die ihm etwas vorschlagen sollten. Das hat sich aus meiner Sicht stark verändert, wobei das aber immer noch kein Selbstgänger ist. Es gibt auch Kontexte mit Firmenkunden, in denen wir erst mal ein Verständnis für all das entwickeln müssen. Was sich auch stark verändert hat, ist, wie stark wir annahmenbasiert unterwegs sind. Mittlerweile müssen wir nicht mehr lange um Verständnis bitten oder verständlich machen, warum wir Research machen müssen und verstehen möchten, wie die Sachlage ist, bevor wir ins Design gehen. Diese Sachverhalte sind aus meiner Sicht total wichtig, da sie unsere Arbeit revolutionieren, was ich ziemlich gut finde.
Mittel & Methoden
Einerseits kann man das als Chance begreifen, diesen verflochtenen Lösungsprozess umfassender anzugehen, andererseits ist es aber auch eine Herausforderung für Leute, die direkt aus den Bildungsinstitutionen kommen. Mit welchen Mitteln und Methoden und mit welchem Mindset kann man dem begegnen?
Witzigerweise sind die Leute, die wir in den letzten zwei Jahren frisch aus der Uni rekrutiert haben, mit dem Mindset ziemlich gut ausgestattet gewesen. Die haben tatsächlich eher Schwierigkeiten im sogenannten Maintenance-Modus, wie wir das nennen. Wenn man eine etwas ältere Anwendung hat, die vom Kunden auch sukzessive weiterentwickelt werden soll, fallen natürlich auch Designtasks an, innerhalb derer man eher kleinteilig unterwegs ist und man nicht wegen jeder Kleinigkeit in den Research gehen kann. Mit solchen Kontexten tun die sich dann schwer. Dass so etwas zum Daily Doing gehört, ist, glaube ich, etwas, was den Leuten zumindest im Fachhochschulbereich mit auf den Weg gegeben werden muss. Eine andere große und krasse Herausforderung ist, dass die ganz großen Industrie-Giganten Maßstäbe setzen, die für die deutlich kleineren Player, mit denen wir es hier so zu tun haben, sehr schwer zu erreichen sind. In den Köpfen der Manager oder derjenigen, die die Gelder verteilen und die Entscheidungen treffen, ist natürlich immer diese Best-in-Class-UX wichtig, was auch die Großen machen. Diese UX an den Start zu bringen, ist aber mit hohem Aufwand verbunden. Das können die weder mit der Aufstellung ihres Budgets, noch mit ihren Organisationsstrukturen vereinbaren. Und deshalb hinkt auch das Design hinterher. Da sind uns die Hände gebunden. Im Prinzip wissen wir, wie es geht (das ist nicht das Problem), aber der ganze systematische Kontext ist nicht in der Lage, das zu liefern. Das ist eine grundsätzliche Herausforderung, die jetzt natürlich wenig mit dem akademischen Umfeld zu tun hat, aus dem DesignerInnen herauskommen, muss aber trotzdem mit eingerechnet werden, wenn man heutzutage digitales Design in Deutschland machen will.
Wie würdest du die Trennung zwischen Research und Maintenance bewerten?
Ich glaube, man muss sich darüber bewusst werden, dass Design nicht immer die Rettung der Welt oder „the next big thing“ bedeutet, sondern auch viel mit einer handwerklichen Akkuratesse und einer Liebe zum Detail zu tun hat. Was man einem Handwerker früher vielleicht als Berufsethos vermittelt hat, war eine gewisse Liebe zum Gegenstand, ein Gestaltungswille, und dass Gestaltungsliebhaberei nicht nur mit dem großen Ganzen zu tun hat, einen riesigen Impuls erzeugt, sondern gerade auch im Kleinen wichtig ist. Das ist auch im Design so.
Man kann heute gut beobachten, dass sich dem Design auch viele, besonders geisteswissenschaftliche Disziplinen öffnen, die es wiederum als Phänomen betrachten. Da fragen wir uns, wie es um eine gewisse Anschlussfähigkeit bestellt ist. Welche Rolle spielt Transdisziplinarität deiner Meinung nach in diesem Kontext? Sollte sie eine größere Rolle spielen?
Mit meinem Hintergrund fällt es mir schwer, mir irgendwas anderes als das Transdisziplinäre vorzustellen, das mir immer unheimlich viel gebracht hat. Ich glaube, dass ein breiter Horizont und eine Aufmerksamkeit für gesellschaftliche Phänomene für DesignerInnen eine Grundvoraussetzung sind und Transdisziplinarität dabei eine wichtige Rolle spielt.
Was sind die Voraussetzungen, um sich in den Zwischenfeldern erfolgreich zu bewegen?
Für mich hat das ganz viel mit dem Interesse an Gesellschaft, Menschen, Verhaltensweisen, Psychologie, Wahrnehmung und so weiter zu tun, weil das Design dort praktisch angesiedelt ist. Einen Blick hierfür und das Interesse an solchen Dingen braucht man als guter Designer und als gute Designerin aus meiner Sicht unbedingt.
Kompetenzen
Da stellt sich im Lehrkontext die Frage, welche Kernkompetenzen sich daraus ableiten lassen und eine größere Rolle in der Lehre spielen sollten – beispielsweise Kritikfähigkeit, Empathie oder auch Neugier. Was ist für dich die Speerspitze?
Auf jeden Fall schon mal die, die Du genannt hast. Ich finde es immer wahnsinnig wichtig, dass man ein kritischer Geist ist und sich nicht zu schnell mit Dingen zufriedengibt. Irgendwann ist man immer mit seinem Projekt alleine und unsicher dabei, ob es wirklich gut ist. Die Problematik liegt dann darin, wie viel Engagement man an den Tag legt, um wirklich zu einer guten Lösung und zu einem guten Ergebnis zu kommen. Eben dieser Wille, zu einem Punkt zu kommen, an dem man nicht mehr weiterweiß, ist wichtig. Denn erst dann kann man sich sinnvolles Feedback einholen. Wenn alles nur halbgar ist, kann man sich immer wieder darauf verständigen, dass man dieses und jenes zwar schon gedacht, aber noch nicht gemacht hat. Das ist schlussendlich eine sinnlose Feedbacksituation.
Sollte man sich dahingehend eher in Richtung Spezialistentum oder Universalistentum bewegen?
Das finde ich ganz schwierig und würde ich letztendlich immer jedem Einzelnen zugestehen. Ich bin eindeutig ein Generalist. In dem von Dir angesprochenen Zusammenhang sollte man sich immer wieder vor Augen führen, dass man die Designpraxis immer im Team macht. Für mich ist das Entscheidende, dass wir Teams finden, die aufgrund der Unterschiedlichkeit der darin befindlichen Menschen gut funktionieren. Dann kann man auch einen Generalisten mit einem Spezialisten zusammensetzen. Das bedeutet aber, dass Teamfähigkeit und die Bereitschaft, mit Leuten in Interaktion zu treten, die nicht zur eigenen Peergroup gehören und sich mit ganz anderen Dingen beschäftigen wollen als DesignerInnen, eine wahnsinnig wichtige Sache ist. Das ist mit Bezug auf die Anschlussfähigkeit eine große Herausforderung für alle, die aus der Universität kommen. Dort ist man immer in seiner Peergroup unterwegs und alle sind DesignerInnen, was auch gut so ist. Der große Unterschied in der Welt da draußen ist aber, dass die plötzlich nur noch ein Teil deiner sozialen Gruppe sind.
Designlehre
Wir fragen uns, wie man dieses Gefühl schon vorab in die Lehre integrieren kann. Ich weiß nicht, inwiefern du Einblick in die Designlehre hast, aber was sind aus deiner Sicht momentan die großen Herausforderungen für Leute, die frisch aus der Lehre kommen?
Ich habe im Moment nicht wirklich einen Einblick in die Lehre, aber wir reden seit Jahren über cross-funktionale Teams, Prototyping und schnelle, iterative Learn-Build-Test-Iterationen und so weiter. Das sind Dinge, die man meiner Meinung nach super in einem universitären Kontext umsetzen kann, indem man einfach mal DeveloperInnen und DesignerInnen an einen Tisch setzt.
Man sollte also Transdisziplinarität in die Lehre integrieren. Dem stehen allerdings oft eine bestehende Didaktik und Hochschulpolitik im Weg, die anders strukturiert sind. Davon abgesehen: In welchen eigentlich fachfremden Fächern und Disziplinen sollten DesignerInnen deiner Meinung nach gut bewandert sein?
Das ganze Thema rund um Sprache und Ausdrucksfähigkeit finde ich auf so einer Ebene total wichtig. Ebenso hat es sich in der Vergangenheit durchaus als anschlussfähig für Design Teams erwiesen, ein gewisses Bezugswissen über Menschen und Gesellschaft zu haben, also in der Psychologie und Pädagogik, und auch Soziologie. Und sei es, dass diese Leute dann eben mit einem stärkeren Schwerpunkt in Richtung Research unterwegs waren.
Es sind also besonders geisteswissenschaftliche Kompetenzen, die da mitkommen sollten?
Ich finde ja, aber es kann auch wieder mein Bias sein, dass ich aus der Ecke komme. Wenn ich jetzt einen Tech-Hintergrund hätte, würde ich Euch vielleicht sagen, wie wichtig es ist, dass dieser Tech-Hintergrund vorhanden ist. Da gibt’s Kollegen bei uns, die das total propagieren. Mir ist es auch nie schwergefallen, den Bezug in Richtung Technik zu finden. Schwieriger finde ich es dann immer, einen wirklich ernsthaften Bezug zu den Leuten zu finden, für die wir das machen, was wir machen.
Ethik & Moral
Wir hatten vorhin das kritische Denken als Voraussetzung guter GestalterInnen angesprochen. Bei vielen jüngeren GestalterInnen beobachten wir, dass sie sich zunehmend mit ethischen Debatten auseinandersetzen, eben weil man durch den ganzen Diskurs merkt, wo sich Design öffnet, in andere Bereiche eingreift und sich ethische Debatten vollziehen. Welche Rolle sollten Ethik und Moral demnach in der Lehre spielen?
Das muss unbedingt eine Rolle spielen. In Amerika ist die aktuelle Debatte sicherlich absolut notwendig und richtig, nur dass sie natürlich irgendwie gefühlt hundert Jahre zu spät geführt wird. Ich finde es ausgesprochen merkwürdig, dass die letztes Jahr aus ihrem Dornröschenschlaf aufgewacht sind und festgestellt haben, dass sie die Welt gar nicht besser machen, ganz im Gegenteil. Da muss man aber auch echt sagen, dass wir in Deutschland davon weit entfernt sind. Design hat immer ein manipulatives Potenzial, Dinge eben nicht zum Besseren zu bringen, das muss im universitären Kontext thematisiert werden. Deshalb möchte ich einer an den Erfordernissen der Praxis orientierten Ausbildung nicht das Wort reden. Nur weil die Praxis bestimmte Anforderungen an DesignerInnen hat – die sich ja je nach Kontext auch noch krass unterscheiden können –, heißt das nicht, dass die Ausbildung diesen Anforderungen sklavisch folgen muss. Das gilt in besonderem Maße für die akademische Ausbildung. Die Uni sollte Freiräume bieten, zur freien Beschäftigung und Durchdringung des Betätigungsfeldes Design in all seinen Facetten. Es sollte dabei um Handwerkszeug und Herangehensweisen, aber auch um Prinzipien, angrenzende Bereiche und vor allem um Haltungen gehen.
Dennoch begegnet man in der Praxis immer wieder dem Ansatz, die eigene Arbeit als bloße Dienstleistung, als bloßes Abarbeiten von Aufträgen zu betrachten. In solchen Prozessen kann ein kritischer Geist unter Umständen ein Querschläger sein und den Prozess vielleicht lähmen, ihn aber auch in andere Bahnen führen. Wie siehst du das?
Das ist für meine Begriffe wahnsinnig kontextabhängig. Es gibt Unternehmen, in denen so eine Haltung sicherlich fehl am Platz wäre. Ich glaube, dass wir bei SinnerSchrader durchaus in der Lage sind, mit solchen Positionen einen Umgang zu finden und Kritik zuzulassen und andere Kontexte zu finden. Wir haben hier aber ehrlich gesagt mit solchen Kunden nichts zu tun. Man muss sich schon fragen, was passieren würde, wenn man für ein Waffenunternehmen arbeiten würde und ob man auf offene Ohren stoßen würde, wenn man sagt, dass man das nicht will. Am Ende liegt die Entscheidung bei jedem für sich. Man muss sich halt irgendwie darüber bewusst werden, wo für einen die Grenze ist und auch, dass wir uns irgendwie alle die Hände schmutzig machen. Ich finde es im Sinne der Menschenbildung wichtig, dass eine Universität den Anspruch hat, das zu thematisieren. Wo, wenn nicht an der Uni, kann man sich tiefgründig mit diesen Fragen auseinandersetzen – im beruflichen Kontext fällt das oft schwer. Es ist egal, was in der Praxis am Ende davon tatsächlich gefordert ist, denn nur so lassen sich mündige und verantwortungsvolle Menschen bilden, die diesen Beruf, der für die Gesellschaft so wichtig sein kann, ausüben und sich im Zweifel anderem verpflichtet fühlen, als nur dem Arbeit- oder Auftraggeber.
Kann man also zusammenfassen, dass der erste Fuß im Handwerk und der zweite in der Theorie und Reflexion des Handwerks stehen sollte, beides aber wichtig ist?
Das sehe ich so, ja.
Damit sind wir am Ende unseres Fragenkatalogs. Danke für deine Zeit und deine interessanten Antworten.