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Marion Godau

Dr. Marion Godau

Professorin für Design-, Kultur- und Kunstgeschichte, FH Potsdam

Wir sind heute im Fachbereich Design der Fachhochschule Potsdam zu Gast bei Marion Godau. In unserem Kontext interessieren uns besonders ihre Tätigkeit als Designwissenschaftlerin und Professorin, ihr thematischer Schwerpunkt in der Design- und Kunstgeschichte sowie ihre Schnittpunkte zur Pädagogik. Ursprünglich studierte sie Industrial Design an der Hochschule der Künste Berlin und schloss daran ein Soziologiestudium an der Freien Universität Berlin an. Danach war sie an mehreren soziokulturellen Forschungsprojekten beteiligt und übte am Internationalen Design Zentrum Berlin mehrere Tätigkeiten aus. Zudem hat sie die Gründung der Internetplattform Designwissen.net mit in die Wege geleitet und ist Co-Autorin der Plattform Designdidaktik.de.

Gelehrt hat sie an der Hochschule der Künste Berlin im Fachbereich Ästhetische Erziehung und Kunst- und Kulturwissenschaft sowie an der FH Hannover am Lehrstuhl für Designwissenschaft und -theorie. Außerdem hatte sie eine Stelle in Vechta im Fachbereich Designpädagogik und Gestaltendes Werken. Nach ihrer Promotion mit einer designgeschichtlichen Arbeit in Oldenburg wurde sie 2012 als Professorin für Design-, Kultur- und Kunstgeschichte an die FH Potsdam berufen, wo sie derzeit auch Vizepräsidentin für Studium, Lehre und Internationales ist.

Das Gespräch führte Yannick Marszalek am 22.10.19 an der FH Potsdam.

Motivation

Dieses bunte Repertoire an praktischen und öffentlichen, aber auch theoretischen Inhalten führt uns, bevor wir intensiv in das Thema einsteigen, zu einer persönlichen Frage: Was motiviert Sie, in diesem Tätigkeitsfeld zu arbeiten?

Es gibt so viel zu tun, dass ich mit Sicherheit sagen kann, dass mein ganzes Leben nicht reichen wird, um all das zu bearbeiten und zu erforschen, was mich in dem Zusammenhang interessiert. Ich weiß nicht, wie Ihnen das geht, aber ich habe mich wirklich lange mit Design beschäftigt und viele unterschiedliche Sachen gemacht. Und da habe ich dann überlegt, was eigentlich die Klammer ist. Irgendwann ist mir aufgegangen, dass meine persönliche Klammer die Designvermittlung ist, also die Frage, wie ich Designphänomene und Designprobleme vermittle, wie das mit Menschen zusammenhängt und was das eigentlich im Einzelnen heißt. Das ist ein Ozean an Möglichkeiten, den man da erforschen kann und in dem man Design auch anwenden kann. Mich motiviert also auch, dass das alles einfach nicht aufhört.

Designbegriff

Diese Klammer interessiert uns ebenso wie der Ozean, der sich da auftut und immer neue Möglichkeiten mit sich bringt. Obwohl wir natürlich wissen, dass diese Frage einen ganzen Diskurs abdeckt, vorab die fiese Frage: Können Sie Ihren Designbegriff in wenigen Worten erläutern und eingrenzen?

Das ist wirklich eine fiese Frage, weil sie schwierig ist. Immer wenn man denkt, dass man die Antwort hat, fällt einem auf, dass man etwas Bestimmtes nicht bedacht hat. Ich habe mal versucht, das zusammenzubringen und so komprimiert: Design ist eine Kulturtechnik. Das heißt, dass man eine kulturelle und damit gesellschaftliche Relevanz in den jeweiligen Design-Problemstellungen hat. Beim Design geht es um die Kreation von Lösungen in gesellschaftlichen, sozialen und funktionalen Kontexten, auch in Form von Produkten im wirtschaftlichen Kontext. Im Fokus sind hier nutzerzentrierte Lösungen, die in Form materialisierter Objekte kreiert werden oder auch ideelle Konzepte sein können. Gemeint sind also nicht nur materialisierte Dinge, sondern auch Ideen und Lösungsvorschläge zu irgendetwas, die sich dann wahrscheinlich auch wieder materialisieren werden. Darunter verstehe ich zum Beispiel auch eine App, die ja schlussendlich auch materialisiert ist. Meine Design-Definition ist da relativ offen. Davon abgegrenzt gibt es ja auch immer diese Diskussion, ob etwas Kunst, angewandte Kunst, Kunsthandwerk oder Design ist. Für mich hat Design etwas mit Funktion und Serie zu tun. Das heißt nicht unbedingt, dass ein Objekt in Serie hergestellt wird, sondern dass es in Serie gedacht wird. Ich kann auch ein einzelnes Objekt für jemanden entwerfen. Ich denke, beim Design sollte aber im Hintergrund stehen, dass man es vervielfältigt denkt. Ein Plakat für einen Einzelnen ist zwar schön, aber wäre für mich in dem Sinne kein Design. Auch da gibt es natürlich Schnittmengen zwischen Kunst und Design, da auch die Kunst in Serien denkt. Das hat für mich mit Design aber nichts zu tun, weil der Kontext und die Herangehensweise anders sind. Nehmen wir an, ich möchte ein Plakat machen und würde mich in eine Künstlerin und eine Designerin aufteilen, dann kann ich da als Künstlerin ganz anders rangehen und nachdenken, als wenn ich als Designerin denke, weil jeweils andere Dinge im Fokus stehen. Bei der Künstlerin wäre es beispielsweise der individuelle Ausdruck, der dann vielleicht eher im Vordergrund steht, oder dass man auf ein Problem wie beispielsweise den Klimawandel aufmerksam machen will. Als Designerin würde ich eher denken, wie ich beispielsweise auf den Klimawandel nicht nur aufmerksam machen kann, sondern konkrete Lösungsvorschläge machen könnte, da steht also eher die Frage im Vordergrund, wie ich das, was ich sagen will, auf einer funktionalen Ebene vermittle. Insofern kann auch ein und dieselbe Person oder auch ein und dasselbe Objekt mal als Kunst und mal als Design gesehen werden. Es kommt darauf an, was ich damit intendiere. Marcel Duchamp hat mal gesagt: „Kunst ist das, was der Künstler oder die Künstlerin sagt, was Kunst ist“ und insofern könnte man auch sagen: „Design ist das, was ein Designer oder die Designerin sagt, was Design ist“. Das ist alles vielleicht nicht so trennscharf, für mich ist aber eben die Herangehensweise und die Denkweise der Unterschied.

Man kann also festhalten, dass es kein final formulierter Begriff ist. Es gibt ein Grundkonstrukt, wie Sie es gerade angerissen haben, das mit einer Funktion, einem seriellen Gedanken und einer Verbindung zum Materiellen verknüpft ist. Das sind natürlich nicht alle Bestandteile, und sie sind Teil einer offenen Diskussion. Würden Sie dennoch sagen, dass das der Kern ist und sich alles, was sich daran anschmiegt, hin zu diesem Kern verändert?

Design korrespondiert mit gesellschaftlicher Dynamik und verändert sich dadurch selbst. Ich glaube, wir kommen nie an den Punkt, wo wir sagen können: „So, das ist es jetzt“, weil sich eben die Welt auch verändert. Wenn man Design als Teil unserer Kultur und als Kulturtechnik versteht, dann ist eigentlich logisch, dass sich die Prämissen mitunter ändern können. Aber, wie gesagt, als basal würde ich sehen, dass im Unterschied zur Kunst nicht der individuelle künstlerische Ausdruck und die Message, die ich damit verbreiten will, das Thema sind, sondern dass ein Zweck dahintersteht. Ich drücke mich mit Design zwar auch aus, passe es aber auf eine imaginierte Zielgruppe an, wie klein diese auch immer ist. Das ist für mich ein anderer Zugang.

Wir kommen aus der Sparte des Kommunikationsdesigns. Wie verorten Sie das Kommunikationsdesign in diesem universellen Designbegriff? Lässt es sich abgrenzen, oder ist alles so mit den Produkten vernetzt, dass man es gar nicht mehr abtrennen kann?

Ich zeige Ihnen hier ein Bild, das ich in der Berliner S-Bahn gemacht habe und das eigentlich ein ganz schönes Beispiel ist. Zu sehen ist ein Schild, auf dem steht: „Hammer für Notausstieg im Feuerlöschkasten mittlerer Einstieg“. Wenn Sie in Berlin U- oder S-Bahn gefahren sind, dann ist Ihnen dieses Schild vielleicht aufgefallen. Der Waggon, in dem ich das fotografiert habe, hatte vier Türen. Suchen Sie da mal den mittleren Einstieg. Kommunikationsdesign richtet sich immer an einen Empfänger, sagt aber gleichzeitig sehr viel über den Sender aus, was sich an schlechten Beispielen wie hier schön verdeutlichen lässt. Auf der einen Seite ist das eine ganz technokratische Herangehensweise, das merkt man schon an den Worten und dem falschen Duktus. Stellen Sie sich vor, Sie sind beispielsweise ein Tourist aus Serbien und es bricht irgendwie Panik, Feuer, oder sonst irgendwas aus, und Sie suchen den Notausstieg und sehen eben jenen Hinweis: „Hammer für Notausstieg im Feuerlöschkasten mittlerer Einstieg“. So eine Situation möchte ich nicht erleben, nicht mal von Weitem. Das verdeutlicht für mich eine genuine Aufgabe des Kommunikationsdesigns: Information, aber auch Problemlagen übersetzen zu können, sodass derjenige, an den ich mich richte, versteht, was ich von ihm will. Das kann dann eben ein Logo, ein Schild oder was auch immer sein. Dieser Kommunikationsaspekt ist zwar auch im Produktdesign vorhanden, aber vielleicht eher mittelbar als unmittelbar.

Theorie & Praxis

Gerade dort treffen viele Theoriefelder aufeinander, die nicht aus dem Design kommen. Im Curriculum der FH Potsdam sind Theoriefelder wie Semiotik, Kommunikationstheorie oder Medientheorie fest verankert, und Design wird mit Medientheorie, Designgeschichte oder Designmanagement verbunden – das waren zumindest die drei Schwerpunkte, die ich herauslesen konnte. Solche ursprünglich vielleicht fachfremden Felder wandern immer mehr in das Design ein und werden dort zum festen Bestandteil. Können Sie uns einen Einblick geben, wie sich das Verhältnis zwischen Theorie und Praxis derzeit verändert?

Das ist ganz schwierig. Das Feld der Designtheorie sehe ich als immer noch im Entstehen begriffen. Wir haben noch keine umrissene Disziplin, jedenfalls nach meiner Analyse, sondern verschiedene Ansätze. Wenn Sie zum Beispiel die Kunstgeschichte oder auch die Kunsttheorie heranziehen, dann ist relativ klar, was damit gemeint ist. Gerade bei der Kunstgeschichte, um bei dem Beispiel zu bleiben, ist eigentlich jedem klar, dass Kunstgeschichte von beispielsweise Da Vinci bis zu heutigen KünstlerInnen verlaufen kann. Das ist keine große Diskussion. Im Design haben wir aber immer noch oder nach wie vor die Diskussion, ob etwas eigentlich Design, Designtheorie oder einfach nur die Reflexion eines Entwurfs ist. Wenn ich über einen Entwurf nachdenke oder Designtheorie mache, wo ist da der Unterschied zwischen Theorie und Praxis? Ich beobachte, dass es da ziemlich viel Verwirrung gibt, beispielsweise wenn KollegInnen aus dem Bereich des Entwurfs sagen: „Na ja, die Theorie machen wir mit“. Da frage ich mich immer, was die damit meinen. Ist es das Nachdenken über den Entwurf oder sind es tatsächlich Theorien, die da mit einfließen? Wie gesagt, nach meinem Gefühl sind wir immer noch nicht auf dem Weg zu einer Disziplin angekommen und das ist vielleicht auch ein Problem. Wenn man das mit Foucault sehen würde, geht es auch um Machtdiskurse, da wir im Design immer noch Begriffe wie Werk oder Angewandte Kunst haben oder auch Bücher, die irgendwie über Design sprechen, aber eigentlich ein Kunstfeld meinen. Das ist immer noch nicht geklärt und insofern haben wir in den nächsten Jahren und Jahrzehnten noch einiges zu tun. Abgesehen von Themen wie: „Was machen Frauen im Design?“ ist das wirklich unterschiedlich und auch nicht einfach nur eine Herrschaftsfrage.

Daran würde ich gerne spezifischer anknüpfen. Sie sagten gerade, es sei auch ein Problem, dass die designtheoretische Disziplin noch nicht ganz auf eigenen Füßen steht – eben weil sie so jung ist und noch viele Einflüsse aufnehmen muss. Andererseits lässt sich Design historisch auch als ästhetische Praxisform beschreiben, die in der Gesellschaft verankert ist. Würden Sie aus Ihrer Motivation heraus, sich mit Designtheorie zu befassen, sagen, dass die Beschäftigung mit diesen Theorien die Praxis beeinflusst? Oder wird die Praxis beispielsweise nur durch die Wirtschaft und andere Machtstränge beeinflusst?

Nein, das ist ja nicht nur ein Wirtschaftsproblem. Aus der Perspektive der Designgeschichte gesehen kann man sagen, dass jegliche Designgeschichte eine vollendete Zukunft ist. An irgendeinem Punkt haben Menschen, die damals noch nicht Designerin und Designer hießen, auch schon über gestalterische Probleme nachgedacht und auch schon gestalterische Lösungen gefunden. Sie waren dabei in ihrer Zeit, haben aber auch schon nach vorne gedacht. Als DesignerInnen sind wir im Grunde immer dazu aufgefordert, Lösungen für morgen zu finden. Wir können in der Geschichte retrospektiv sehen, was Menschen in ihrer jeweiligen Gegenwart über morgen eigentlich gedacht haben. Das umfasst ja nicht nur die Wirtschaft, nicht nur ein Briefing, das ist auch in eine gesellschaftliche Dynamik eingebettet. Insofern würde ich Design nicht nur als wirtschaftlichen Aspekt benennen. Die Frage ist ja eigentlich, was professionelle DesignerInnen von jemandem unterscheidet, der entwirft. Gestaltung kann jeder und jede machen, was auch in Ordnung ist. Ich glaube aber, dass der Unterschied ist, dass sich DesignerInnen (egal in welchem speziellen Bereich) ein professionelles Sensorium aneignen, beispielsweise im Laufe ihres Studiums, das ihnen hilft, gesellschaftliche, technologische oder wirtschaftliche Themen überhaupt wahrzunehmen und dann auf eine ganz individuelle, aber dem Design zugewandte Art zu interpretieren. Das heißt, sie sehen einfach, dass beispielsweise zwei Gelbtöne nicht zusammenpassen, dass irgendwo eine Information fehlt oder dass die Typografie nicht stimmt, da sie überlegen, was sie eigentlich sagen wollen und so weiter. Das ist etwas, das man jahrelang trainieren muss und was den Profi vom Amateur unterscheidet.

Gerade weil sich in der Disziplin einiges tut und man am Begriffsdiskurs ablesen kann, dass vieles verhandelt wird und viele Bereiche anecken und einbezogen werden, stellt sich die Frage, welchen Herausforderungen sich die Disziplin stellen muss. Was sind aus Ihrer Sicht derzeit die großen Herausforderungen, Chancen und Risiken für die Designdisziplin?

Das ist schwer zu sagen. Vielleicht ist es, eine Art gestalterisches Zentrum zu finden. Sie haben völlig recht damit, dass es uferlos ist, und meine Definition ist auch nicht gerade: „Hands on, das ist es jetzt und das ist es nicht!“. Aber es ist eben alles nicht so klar und die Dynamik ist auch sehr groß. Ich glaube, es geht um mehr als nur Design Thinking und ästhetische Fragestellungen. Vielleicht ist es eher die Frage, mit welcher Haltung ich eigentlich entwerfen will, auch wenn das vielleicht schon ein bisschen abgenudelt klingt. Ich glaube, das ist nach wie vor akut, gerade im Zusammenspiel mit den Herausforderungen, denen wir in Bezug auf den Klimawandel oder die Globalisierung gegenüberstehen. Wie wollen wir uns als Designende dazu stellen? Ich glaube, das ist immer wieder aufs Neue eine Frage, ohne dass ich eine Antwort darauf geben könnte, wohin wir jetzt laufen. Ich denke, dass es Sinn ergibt, darüber nachzudenken, wie man sein Leben als DesignerIn leben will. Da gibt es aber auch andere Bereiche, die ziemlich akut sind. Wenn ich zum Beispiel PraktikantInnen betreue, frage ich mich, ob dieses Agenturleben wirklich der Weisheit letzter Schluss ist. Da soll einerseits kreativ gearbeitet werden, die Kultur ist aber andererseits so, dass die Leute dort eigentlich nur ausgequetscht werden. Ich überspitze das jetzt mit Absicht. Man richtet irgendwelche professionellen Büros ein, wo kreativ und kommunikativ und im Grunde effektiv gearbeitet werden soll, das macht dann oft ein Designbüro und hat dadurch großen Einfluss. Aber was kommt nicht selten heraus? Moderne Anmutung, Arbeitsplätze ohne Rückzugsorte und in Konsequenz ohne ordentliche Pausen oder Work-Life-Balance, mit dem Argument ‚der Kunde will das so‘. Das ist das, was ich mit Haltung meine: Professionelle GestalterInnen sollten hier eigentlich weiter sein und besser argumentieren können. Jenseits der Meta-Diskussion ist es schon auch interessant, wie man die Balance zwischen dem allgemeinen Workload und dem Beitrag, den man eigentlich für die Gesellschaft in Form von Produkten leisten will, herstellt.

Es gibt also auf der einen Seite eine ethische Haltung, die man schärfen muss, und auf der anderen Seite diesen Selbstaufklärungsprozess – und beides geht Hand in Hand?

Ja. Um das noch mal anzufügen: Es ist auch nicht leicht. Wir diskutieren das hier sehr häufig in meinen Seminaren, weil dieses Thema natürlich Ihre Generation unmittelbar angeht. Sie wollen auch meistens irgendwie im Designbereich arbeiten, aber wie gestaltet sich das aus? Wie viele freie Möglichkeitsräume hat man, wenn man anfängt? Was kann man sich erlauben? Muss man wirklich jeden Auftrag annehmen? Das sind Fragen, die wir hier stark diskutieren.

Mittel & Methoden

Welche Mittel und Methoden kann man DesignerInnen schon in der Lehre an die Hand geben, um diesen Herausforderungen begegnen zu können?

Ich glaube, einmal ist es ganz gut, wenn man das im Vorfeld schon mal wenigstens andiskutiert und das Studium auch dazu nutzt, sich die Freiräume zu nehmen, die man vielleicht später nicht mehr haben wird. Das heißt auch, mal etwas Experimentelles zu machen oder ein Projekt, in dem es keinen Auftraggeber gibt und nie geben wird. Und auch mal vorher zu reflektieren, da man im Beruf mehr oder weniger alleine ist, wenn man dann in die Situation geworfen ist. So kann man solche Fragestellungen im Hochschulkontext schon mal durchdenken, und ich glaube, dass da jeder auch seinen Weg finden muss. Man könnte beispielsweise ja auch sagen: „Ich will von Anfang an nur für Greenpeace arbeiten, das ist es“. Andere beschließen: „Ich sammle meine Erfahrung überall, um mich dann vielleicht selbstständig zu machen und dann eben nur bestimmte Aufträge anzunehmen“. Wieder andere sagen: „Das ist mir egal, ich bin DesignerIn und das macht mir Spaß. Ich kann die Welt nicht retten und nicht verändern und diskutiere das jetzt nicht. Das bringt nichts“. Ich glaube, es ist wichtig, dass man da irgendwie eine authentische Lösung für sich selbst findet. Das kann man tatsächlich schon im Studium reflektieren, dann ist man nicht so verloren, wenn man den ersten Job hat oder als Freelancer arbeiten muss.

Sollte man demnach Räume zur Selbstreflexion in die Lehre einbauen?

Auf jeden Fall. Ich finde es richtig und wichtig, das an der Hochschule zu lehren, aber durch die Bachelor- und Masterstruktur müssen wir aufpassen, dass wir die Freiräume nicht mit zu konkretistischen Aufgaben überladen. Wir hatten hier zum Beispiel ein Semesterthema mit dem Titel „Politiken des Designs“, das wir schon mal im Fachbereich Design ausprobiert haben. Gemeint war damit die Frage, ob und wie Design politisch ist und was demnach ein Beitrag sein könnte, um die Gesellschaft zu verändern. Das reichte von der Auseinandersetzung mit Kommunikationsstrategien von linken und rechten Parteien, mehr Partizipation innerhalb des Fachbereichs bis hin zum Versuch, die Wahlmöglichkeiten im Fachbereich Design so zu strukturieren, dass man interessengeleitet die richtigen Veranstaltungen findet, jenseits dessen, was Pflicht ist. Das kann also alles Mögliche sein. Ich denke, man kommt später einfach nicht mehr so schnell zu solchen Freiheiten, deswegen würde ich immer dazu ermutigen, das schon im Studium zumindest mal anzudenken.

Gerade wenn man sich im geisteswissenschaftlichen Kontext mit anderen Theorien auseinandersetzt und sich in Diskussionen zu verorten versucht, die mehr oder weniger an andere Disziplinen anecken und übergreifen: Welche Rolle sollte Transdisziplinarität in der heutigen Lehre spielen?

Ich glaube, dass die heutige Wahrnehmung von Problemen ist, dass man feststellt, dass alles sehr komplex ist und miteinander zusammenhängt. Das war vielleicht in den 60er Jahren noch anders, da hat man irgendwie Möbel entworfen, eine Plakatserie gemacht oder ein Buch gestaltet und Punkt. Heute setzt sich, glaube ich, die Erkenntnis durch, dass da auch immer andere Themen beteiligt sind, Stichwort Schmetterlingseffekt. Gemeint ist damit, dass es eben nicht egal ist, was ich mache und dass ich meistens mit mindestens ein oder zwei anderen Disziplinen zusammenarbeiten muss. Insofern kommen wir meiner Meinung nach gar nicht daran vorbei, transdisziplinär zu denken. Wir haben es hier im Fachbereich Design in Form des Curriculums ermöglicht, dass man auch größere Projekte machen kann, die dann zum Beispiel mit Lehrenden aus anderen Fachbereichen zusammen bearbeitet werden, um die doch recht komplexe Wirklichkeit simulieren zu können. Ich denke, an dem Thema kommen wir gar nicht vorbei.

Sie würden also sagen, dass sie eine verstärkte Rolle in der Designlehre spielen sollte?

Auf jeden Fall, ja. Ich finde dieses T-Modell in diesem Zusammenhang wirklich hilfreich: Das bedeutet, man braucht natürlich ein entsprechendes Fachwissen, was in die Tiefe geht, aber auch eine breite Basis, eine kommunikative Kompetenz, um mit anderen, auch über die Kommunikation, zu gemeinsamen Lösungen zu finden. DesignerInnen sollten sich tatsächlich darum bemühen, solche Übersetzungsleistungen erbringen zu können.

Kompetenzen

Wir wissen aus eigener Erfahrung, dass man sich in den ersten Semestern erst einmal praktisch austoben und finden will. Danach braucht es aber gewisse Voraussetzungen, vielleicht auch Kompetenzen, um sich mit anderen Disziplinen auseinandersetzen zu können. Was sind Ihrer Meinung nach die Voraussetzungen, um sich aus der Lehre heraus zwischen den Sphären bewegen zu können?

Neugier vielleicht. Ich glaube, uns muss immer bewusst sein, dass wir verschiedene Sprachen sprechen, die nicht unbedingt sofort kompatibel sind. Das gilt für Designende, aber auch JuristInnen, IngenieurInnen oder wer auch immer involviert ist. Ich habe das bei interdisziplinären Seminaren festgestellt, die ich schon gemacht habe. Vom Formalen sprechen heißt für JuristInnen oder IngenieurInnen etwas ganz anderes, da schaut man dann im Gespräch irgendwie in verständnislose Gesichter, obwohl man denkt, klar gesagt zu haben, was man meint. Da fragt man sich, warum das so ist. Für einen Lern- beziehungsweise Übersetzungsprozess braucht es zum Ersten das Bewusstsein, dass es da ein Problem gibt und zum Zweiten auch die Fähigkeit, Dinge möglichst auf den Punkt zu bringen, zu erkennen, wo es hakt und das auch so ansprechen zu können, dass es jemand Fachfremdes versteht. Das ist für GeisteswissenschaftlerInnen genauso relevant wie für JuristInnen, ArchitektInnen und natürlich Designende.

Welche Kernkompetenzen würden Sie mit Übersetzungs- und Anschlussfähigkeit verbinden, die für DesignerInnen wichtig sind und die sie erlernen sollten?

Da gibt es ja einen wahnsinnigen Katalog, den ich zum Teil auch für völlig überfrachtet halte. Das können DesignerInnen nicht alles leisten. Auf der ganz basalen Ebene braucht es eine Problemanalyse- und Problemlösungskompetenz, also eine Fähigkeit zur Synthese dessen, was ich als Problemquelle herausgefunden habe und auch die Fähigkeit, das dann auch irgendwie in Lösungen verpacken zu können. Wenn man ein Problem lösen will, muss man es auch erst mal kennen und Lösungen präsentieren können, weshalb auch eine Darstellungskompetenz in irgendeiner Form wichtig ist, genauso wie eine Vermittlungskompetenz. Viele DesignerInnen scheitern meinem Eindruck nach daran, das, was sie sehen, nicht in Lösungen übersetzen oder die Lösung nicht richtig präsentieren zu können und nicht richtig analysiert zu haben, obwohl sie total kreativ sind. Entweder liegt es dann an der Gestaltung, die auf irgendeine Weise nicht klar kommuniziert, was eigentlich ihre Intention war, oder daran, dass verbal nicht überzeugt werden konnte, beispielsweise bei der Präsentation. Das finde ich dahingehend schon wichtig. Abgesehen davon gibt es da natürlich auch ganz viel anderes.

Was wäre für Sie zwischen den Extremen des Spezialistentums und des Universalwissens die optimale Position für DesignerInnen?

Das kann man so nicht sagen, das kommt immer auf den Kontext an. Wenn Sie den Weg gewählt haben und es einfach Ihr Ding ist, bei Volkswagen die Kommunikation zu machen und es darum geht, beim nächsten Geschäftsbericht ein kälteres Blau oder nicht zu verwenden, dann brauchen Sie in der Hinsicht keine breiten Kompetenzen. Das wäre schon super, aber Sie brauchen es nicht in der Weise. Wenn man total konzeptionell unterwegs ist, hat man seine Kompetenzen nicht unbedingt im Feintuning formal-ästhetischer Fragestellungen. Beides hat natürlich seine Berechtigung und man sollte auch im eigenen Bereich richtig gut sein und ich setze einfach mal voraus, dass man das auch sein will. Ich glaube aber, dass es nichts bringt, wenn man sich damit quält, alles hundertprozentig oder am besten noch zu hundertfünfzig Prozent können zu wollen. Ich glaube, umgekehrt ist es der bessere Weg, seine Stärken in dem auszubauen, was einem liegt. Das merkt man ja im Laufe der Zeit. Diese Stärken dann auszubauen und an den Schwächen zu arbeiten reicht völlig, man muss nicht in allem hundertprozentig gut sein.

Designlehre

Wenn wir davon ausgehen, dass die optimale Lehre den Heranwachsenden dieses Entwicklungsfeld gewährleistet: Was sind aus Ihrer Sicht momentan die größten Herausforderungen für die Designlehre?

Wir diskutieren darüber, dass die Studierendenschaft immer heterogener wird. Anders als noch vor einigen Jahrzehnten kann man nicht davon ausgehen, dass Menschen mit Abitur zum Beispiel relativ fehlerfrei schreiben können, wissenschaftlich arbeiten können oder Grundrechenarten beherrschen. Ich will mich darüber überhaupt nicht beschweren, aber es ist sozusagen eine Analyse, dass die unterschiedlichen Profile derjenigen, die hier herkommen und Design studieren, sehr unterschiedlich sind. Das ist eine große Herausforderung, und darauf muss man Antworten finden. Eigentlich bin ich immer ganz gut damit gefahren zu schauen, welche Basis ich vermitteln kann (das kann auch eine Wissensbasis sein) und welche Stärken die Studierenden, die vor mir sitzen, eigentlich haben. Im Seminar kann ich das natürlich besser als in der Vorlesung, da ist die Möglichkeit begrenzt. Aber gerade in Kursen, in denen es zum Beispiel ums Wissenschaftliche geht oder in der Bachelor- oder Masterarbeitsbetreuung kommt man auf eine persönlichere Ebene, als wenn man sich immer nur ab und zu sieht. Ich finde, da ist es immer wichtig zu versuchen herauszufinden, was für denjenigen gut ist, der da vor mir sitzt, wo die Stärken liegen und wo Bedarf besteht. Diese Person sollte man dann ermutigen, da weiterzumachen. Ich versuche, eine Art Partner oder Coach zu sein und den Weg zur jeweiligen Entwicklung, die derjenige dann nimmt, zu ebnen.

Ethik & Moral

Damit wären wir beim letzten Punkt, der das Thema Designlehre noch etwas zuspitzt. Wir hatten vorhin schon angerissen, dass es zu den Herausforderungen der Disziplin gehört, sich ethisch verorten und eine Haltung finden zu können, gerade weil die Disziplin ausufert. Wie sollte man in der Designlehre mit Ethik und Moral umgehen, angepasst an die derzeitigen Herausforderungen?

Ich glaube, wir kommen nicht weiter, wenn wir einen moralisierenden Impetus entwickeln. Die große Herausforderung unserer Zeit sehe ich zum Beispiel tatsächlich im Klimawandel. Das ist ein globales Problem, für das wir alle gemeinsam eine Lösung finden müssen, wir denken aber eher regional und national. Jetzt ist es für DesignerInnen natürlich schwer, alleine die Welt retten zu wollen, das wird nicht funktionieren. Vielleicht sollten wir eher stärker überlegen, was unser Anteil sein könnte, um etwas besser zu machen, ganz simpel gesagt. Ich denke, wir kommen nicht darum herum, darüber zu reden und uns bewusst zu machen, dass das Bearbeiten von komplexen Problemen total schwierig ist. Was ich zum Beispiel wichtig finde, ist, dass wir gerade als Gestaltende multiperspektivisch denken, also verschiedene Perspektiven einnehmen und Dinge von verschiedenen Seiten betrachten, um dann im Kontext und in Konsequenzen denken zu können. Beispielsweise war die Idee der E-Mobilität eigentlich gut, nämlich irgendetwas zu schaffen, was die Umwelt weniger belastet und weniger CO2-Ausstoß generiert. Das ist aber nur ein Punkt. Wenn ich einen E-Wagen habe, dann wurde dieser auch hergestellt, weshalb sich die Frage stellt: Ist es wirklich ökologischer, wenn ich meinen sechs, sieben, acht Jahre alten Wagen verschrotte, weil er den Umweltstandards nicht mehr entspricht, um mir einen neuen zu kaufen, der auch wieder Ressourcen verbraucht und hergestellt wurde und so weiter? So viel Diesel kann ich wahrscheinlich gar nicht in die Luft blasen, um dieses neue Auto sozusagen ökologisch abzuzahlen. Beim E-Auto hat man zudem immer noch die Batterien, die seltenen Erden und so weiter und am Ende ist dann tatsächlich die Frage, ob das unterm Strich, wenn man alle Kosten einbezieht, wirklich günstiger ist. Ja, der Strom kommt aus der Steckdose, aber wo kommt er konkret her, wie ist er entstanden und so weiter? Aufgrund dieser Komplexität ist es, denke ich, wichtig, als DesignerIn tatsächlich zu versuchen, in Konsequenzen zu denken, auch wenn das nicht immer geht und manchmal überfordert. Wenn man beispielsweise einen Flyer macht und sich fragt: „Warum sollte ich über all das nachdenken?“ sollte man sich eher fragen, ob dieser Flyer überhaupt notwendig ist und ob es nicht etwas anderes gibt, das man vorschlagen kann. Auch hier ist es wichtig, zu versuchen, in Konsequenzen zu denken.

Das finde ich in Anbetracht der Fülle an Visuellem, mit der wir täglich überschüttet werden, ein schönes Schlusswort. Ich bedanke mich herzlich für das Gespräch und die sehr interessanten Eindrücke.