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Marco Spies & Katja Wenger

Marco Spies & Katja Wenger

Managing & Creative Partner, think moto

Wir sind heute in Berlin zu Besuch bei think moto. Das vor neun Jahren gegründete Unternehmen gestaltet digitale Produkte und Services mit dem Schwerpunkt auf der Interaktion zwischen Marken und Menschen. Als UX- und Visual Designer, Denker und Macher, strategische Berater und agile Coaches helfen sie Unternehmen wie Audi, der Haufe Gruppe und der Lufthansa Group, aber auch staatlichen Einrichtungen wie der HTWG Konstanz, ausgetretene Pfade zu verlassen und innovative, lebendige Markenidentitäten zu entwickeln. Die Bedeutung von Marken, digitalen Produkten und Services wird bei think moto nicht nur daran gemessen, wie nützlich oder unterhaltsam sie sind, sondern auch daran, wie vertrauenswürdig, sinnstiftend und nachhaltig. Aktuelle Tätigkeitsfelder der Agentur sind Transformationsberatung, Markenentwicklung, digitale Produktentwicklung und Emerging Touchpoints.

Wir sprechen mit den beiden Gründern, Katja Wenger und Marco Spies. Marco ist Interaktionsgestalter und Markenberater. Bevor er think moto mitgegründet hat, war er Konzepter bei Pixelpark, Kreativdirektor bei Neue Digitale und Executive Director Interactive bei der Peter Schmidt Group. Seit 2017 ist er zudem Honorarprofessor für Branded Interactions und flexible Identitäten an der HAWK in Hildesheim. Katja ist Interface-Gestalterin und berät Unternehmen in Sachen Marken und Produktinnovation. Zuvor war sie Art Directorin, unter anderem bei GFT Media, Pixelpark, MetaDesign und Saatchi & Saatchi. Zudem ist sie Mitglied im Deutschen Designer Club.

Das Gespräch führten Niklas Münchbach und Dominik Volz am 23.10.19 bei think moto in Berlin.

Motivation

Wenn man liest, was ihr nebenher alles tut – ihr seid Autoren, lehrt und seid als Markenberater über die Grenzen eurer Agentur hinaus tätig –, stellt sich die Frage: Woher nehmt ihr die Motivation für all diese Aufgaben? Was treibt euch an?

Katja: Ich glaube, es sind vielleicht sogar unterschiedliche Dinge, die uns umtreiben. Bei mir ist es schlicht und ergreifend die Leidenschaft für Design, für Innovationen, für Menschen und Produkte. All das zusammen treibt mich jeden Tag an, das zu tun, was mir Spaß macht.

Marco: Ich brauche es, mit verschiedenen Dingen befasst zu sein. Ich habe zwischendurch drei Jahre lang ein Startup mitgegründet, mir ist dieser Perspektivwechsel wichtig und letztlich führt das alles zu einem ähnlichen Kern. Es ist wichtig für eine Agentur, dass man lebendig bleibt und sich immer, gerade wenn man den Anspruch hat, Innovation zu schaffen und vorne dabei zu sein, jede Menge Inspiration und Input von außen holt. Es gab sicher auch Zeiten in unserer Agentur-Geschichte, wo das nicht gegeben war, das waren Phasen, in denen wir gemerkt haben, wir müssen uns von Grund auf erneuern und intern umbauen.

Designbegriff

Wir stellen allen zu Beginn eine sehr gemeine Frage, die bisher noch niemandem leichtgefallen ist: Was ist Design für euch?

Marco: In der Tat eine schwere Frage. Ich würde sagen, Design ist erst einmal die bewusste Gestaltung von Dingen und Prozessen mit dem Zweck, sie gebrauchsfähig zu machen und ihnen eine bestimmte Ästhetik mitzugeben. Gebrauchsfähigkeit impliziert eine ganz bestimmte Anwendung der Dinge, also eine Zweckhaftigkeit und damit verbunden Aspekte wie Nutzen, Benutzerfreundlichkeit oder Joy of Use. Ästhetik impliziert die Form, die Haptik und eine Zielgerichtetheit in der Gestaltung. In unserem Design-Verständnis ist es wichtig, dass es nicht nur Dinge sind, die gestaltet werden, sondern vor allem auch Prozesse und Interaktionen zwischen Menschen oder Menschen und Systemen. Maschinen können Systeme sein, aber auch Unternehmen können als solche gedacht werden. Wir haben also grundsätzlich einen sehr weiten Designbegriff. Das wäre mein schneller Versuch einer Definition. Ich glaube, wir sprechen grundsätzlich selten von Design und eher von Gestaltung. Das trifft es besser.

Warum trifft es das besser?

Katja: Weil „Design“ so ein Begriff wie „modern“ geworden ist. Wir hatten letztens darüber gesprochen, wie wir ein Produkt gestalten möchten, der Kunde meinte, es muss „modern“ sein. Das ist sehr schwierig, modern meint meist trendy, aber innovativ trifft viel besser, was wir erreichen wollten. Genauso halte ich es auch mit Design und Gestaltung. Gestaltung ist viel mehr, viel größer, denkt viel weiter und ist viel nutzerzentrierter. Design ist für mich eher das Anmalen von Dingen.

Marco: Das Problem mit dem Designbegriff ist, dass er so verschwommen ist. Im Amerikanischen impliziert er beispielsweise auch die Konzeption von Software. Der amerikanische Designbegriff wäre bei uns eigentlich eher Konzeption. Zudem ist der Begriff Design in Misskredit geraten durch Bezeichnungen wie Hair Design. Wenn irgendwo Designmöbel draufsteht, dann ist das meistens etwas sehr Hässliches aus der Massenproduktion und alles andere als das, was wir unter guter Produktgestaltung verstehen. Design steht heute absurderweise oft als Label auf Dingen, die nicht gut gestaltet sind. Im Englischen benutzen wir ihn trotzdem weiterhin, beispielsweise beim Branded Interaction Design.

Design ist also ein verbrauchter Begriff, weil sich oft Dinge damit schmücken, die wenig Qualität aufweisen und keine der Kriterien erfüllen, die gutes Design ausmachen. Die Aneignung von Begriffen aus der Kreativbranche scheint gerade sehr en vogue zu sein. Was macht das mit der Rolle von Design heute?

Marco: Was das mit der Rolle von Design zu tun hat, könnte man jetzt ewig ausführen. Design hat heutzutage sicherlich auch eine sehr wichtige Rolle in der Wirtschaft. Das sind Rollen, die vor 20 Jahren noch klassische Business-Rollen oder vielleicht noch ein bisschen früher, die der Ingenieure waren. Einem Unternehmen bestimmte Differenzierungen und eine Qualität mitzugeben, auch im ökonomischen Sinn, fällt heute der Gestaltung zu, das führt zum Missbrauch der Begriffe.

In der Designtheorie arbeitet man sich momentan stark daran ab, einen sehr expliziten, genauen Designbegriff zu formulieren, der beschreibt, was dazugehört und was nicht. Wir haben schon gehört, dass Design für euch eher etwas Fluides ist. Glaubt ihr, dass dieser Begriff überhaupt jemals final formuliert werden kann?

Marco: Nein, ich glaube auch nicht, dass das wünschenswert, sinnvoll oder zielführend wäre. Ich glaube, wenn ein Begriff final formuliert ist, dann ist er tot, dann kann man ihn ins Museum stellen, dann brauchen wir ihn nicht mehr.

Umso schöner, dass der Diskurs um den Designbegriff gerade sehr lebendig ist. Das zeigt, dass in unserer Branche viel passiert. Gehört Kommunikationsdesign für euch dazu, wenn ihr von Gestaltung oder Design sprecht?

Marco: Ja, das ist sicherlich eine der primären Disziplinen, die wir meinen, wenn wir von Design oder Gestaltung sprechen.

Theorie & Praxis

Die Designtheorie haben wir gerade schon angerissen. Wie gestaltet sich aus eurer Sicht im Moment das Verhältnis zwischen Theorie und Praxis? Findet da gerade ein Austausch statt?

Katja: Neue Themen wie Design Thinking und agile Arbeitsweisen kommen jetzt in der Designbranche an und treiben die Agenturen dazu, sich neu zu strukturieren. Das betrifft sowohl die internen Arbeitsprozesse aber auch neue Denkweisen. Wir stehen vor neuen Herausforderungen, es gibt neue Touchpoints, neue Nutzerszenarien, neue Anforderungen, neue technische Möglichkeiten. Es passiert gerade so viel Spannendes und ich finde es großartig, dass auch wir uns als Agentur ständig weiterentwickeln können und müssen. Es geht bei uns also momentan viel um Theorie, um die Aneignung neuer Konzepte und dass man über den Tellerrand hinausschauen kann, um zu erkennen, was da draußen los ist. Wir entwickeln daraus eigene Prozesse, die für uns passend sind. Prozesse, die aus der technischen Entwicklung oder agilen Vorgehensweisen kommen, passen nicht immer hundertprozentig zu uns. Wir analysieren dann, wie bei uns die Rollen verteilt sind und wie diese Methoden uns dabei helfen können, noch besser mit dem Kunden zu arbeiten. Dabei kommen Themen und neue Vorschläge zur Zusammenarbeit auf, beispielsweise ein Slack-Channel mit dem Kunden. Das ist jetzt zwar eine Kleinigkeit, aber die gab es vorher nicht. Wir kommen jetzt viel schneller in den Austausch. Die Nutzung neuer Tools und Rituale wie Sprint-Backlogs in Trello, tägliche Stand-ups, Weekly Reviews mit dem Kunden und die Retrospektive am Ende der Woche sind aus Scrum-Prinzipien abgeleitet.

Marco: Ich glaube, dass wir eine der wenigen Branchen sind, bei der es immer um den Austausch von Theorie und Praxis geht. Wenn man mal in die Vergangenheit schaut, wer Gestaltung theoretisch und wer es praktisch vorangetrieben hat, waren das meistens die gleichen Leute. Bei Otl Aicher, den Ulmern oder auch den Bauhäuslern ist das immer Hand in Hand gegangen. Ich sehe da keine großen Widersprüche zwischen der akademischen und der praktizierenden Welt. Da Gestaltung ja nach wie vor an Fachhochschulen unterrichtet wird, ist es immer sehr praxisorientiert. Ich kenne keine Hochschule, die nicht sehr stark in der Projekt- und Praxisarbeit ist. Auf der anderen Seite findet in den Gestaltungsunternehmen die Theoriebildung doch genauso statt, wie in den akademischen Betrieben.

Katja: Wenn es gut läuft.

Marco: Stimmt, ich sehe aber schon in vielen Unternehmen, dass eine theoretische Auseinandersetzung stattfindet.

Katja: Ich denke, es kommt auf das Agenturumfeld an, in dem man sich bewegt. Insbesondere in Marken- und Design-Agenturen leben wir das natürlich. Es gibt aber sicherlich größere, technikgetriebenere Agenturen, bei denen Theorie keine Rolle spielt.

Marco: Das sind dann aber vielleicht eher Technologieunternehmen als Designunternehmen. Ja, wobei die auch ganz viele Designer haben, also spannende Arbeitgeber für GestalterInnen sind.

Um das noch einmal zu präzisieren: Die Theorie spielt für euch gerade im Bereich Innovation und beim Erschließen neuer Medien und Nutzungspraktiken eine große Rolle. Nähert ihr euch den neuen Feldern mithilfe der Designtheorie an, oder ist es eher Trial and Error?

Marco: Das ist ja fast schon eine dialektische Frage, was treibt was. Also erst mal treibt die technologische Entwicklung bestimmte Dinge voran. Das Bauhaus hätte es beispielsweise nicht gegeben ohne die neuen Fertigungsmöglichkeiten, mit Stahl umzugehen. Insofern treibt das Sein das Bewusstsein. Die Theorie versucht, das Ganze in einem gesellschaftlichen, ökonomischen Kontext in ethische Fragen einzubetten. Hierdurch werden Strukturen geschaffen, in denen Design sich gezielt weiterentwickeln und verbessern kann. Es ist ein dialektisches Verhältnis, was ich nicht auseinanderdividieren würde. Jedes Unternehmen, das einen Qualitätsanspruch hat, ist irgendwo auch design-driven. Das bedeutet, es nutzt sowohl technische Möglichkeiten als auch gestalterische Mittel, um eine möglichst gute Produktqualität herzustellen. Das bezieht sich nicht nur auf Industrieprodukte, sondern genauso auf digitale Services.

Wir gehen nun etwas weg vom Verhältnis zwischen Theorie und Praxis und mehr auf euren Alltag in der Praxis ein. Wie erlebt ihr gerade die Situation eurer Disziplin? Was passiert momentan in eurem Umfeld?

Marco: Es gibt viele verschiedene Aspekte, die Agenturen im Moment umtreiben. Das sind grundlegend erst mal die Entwicklungen am Markt. Die Wettbewerbssituation hat sich in den letzten 10 Jahren stark verändert. Wir stehen heute nicht mehr nur mit anderen Agenturen im Wettbewerb, besonders wenn es um Mitarbeiter geht, sondern mit großen Unternehmen, die Innovation Labs und Designabteilungen ausbauen, die zunehmend Inhouse-Designer beschäftigen und mit Startups, die versuchen, eine Designkultur zu etablieren. Nach wie vor stehen wir natürlich weiterhin im Wettbewerb mit anderen Agenturen, wobei auch das Feld immer fragmentierter und breiter wird. Es gibt immer mehr spezialisierte Felder für Agenturen. Alleine daraus, jetzt mal globale Kontexte beiseite gelassen, ergeben sich schon viele Herausforderungen an Agenturen, die es so vor 10 Jahren noch nicht gab. Die Positionierung muss daher immer wieder hinterfragt und das Leistungsangebot für die permanente Weiterentwicklung der Mitarbeiter vorangetrieben werden.

Katja: Genau, letztendlich ist es auch eine neue Mentalität der Menschen, die uns da begegnet. Sie haben eine ganz andere Einstellung, die ich ihnen überhaupt nicht verübeln kann, sie wollen sich ständig weiterentwickeln und haben die ganze Zeit das Gefühl, etwas zu verpassen. Sogar wenn sie sich hier wohlfühlen, kommt oft nach zwei Jahren der Wunsch auf, in ein anderes Unternehmen, ein Startup oder eine andere Agentur zu wechseln, weil die noch etwas machen, bei dem man dazulernen kann. Dieses Immer-dazulernen, sich immer weiterentwickeln war früher noch nicht so stark ausgeprägt. Damals blieben die Leute, vom Gefühl her, meist vier Jahre. Das ist eine große Herausforderung, wenn wir uns ständig neu aufstellen müssen. Ein anderes Problem sind Stellenausschreibungen. Eine Stellenbeschreibung kann heutzutage dies oder das bedeuten. Manchmal merken wir erst im Nachhinein, wenn die Ausschreibung schon draußen ist, dass sich beispielsweise nur Designer bewerben, obwohl wir eigentlich Konzepter wollten. In unserer Agentur sind UX Designer eher strategische Konzepter als Visual Designer, der Begriff Design steht trotzdem hinten dran. Viele, die sich als UX Designer bewerben, gerade die aus dem Ausland, sind eigentlich UI Designer, also eher visuelle Gestalter.

Marco: Das ist die nächste Ebene, die dazukommt, die interkulturelle, gerade wenn man in Berlin ist. Wir bekommen Bewerbungen, unter denen steht: „I want to live and work in the world capital of Design“. Wir kriegen sehr viele Bewerbungen aus dem Ausland, das liegt zum einen an der Attraktivität deutscher Agenturen aber besonders an der Stadt Berlin. Hierbei bekommt man ganz gut die unterschiedlichen Begriffe von Design und auch die unterschiedlichsten Level an Ausbildungsqualität mit.

Welche Risiken und Chancen seht ihr in den kürzeren Zyklen der MitarbeiterInnen und der Diversifizierung der Agenturlandschaft?

Katja: Wir haben dadurch, dass Menschen gehen, immer wieder die Chance, Neue einzustellen. Das kann gut und schlecht sein, es ist auch sehr anstrengend. Momentan bin ich froh, weil wir gerade drei neue Leute haben, die super sind. Da fängt man dann wieder an, sich zu überlegen, wie man diese Menschen langfristig binden kann.

Marco: Es ist eine Herausforderung, die uns als Unternehmen permanent voranbringt. Auf der einen Seite ist es dadurch schwieriger, sich als Unternehmen konstant zu entwickeln, auf der anderen Seite kommen viele neue Impulse rein und man ist gefordert, sich selbst immer wieder zu hinterfragen und neu zu formulieren. Ich glaube, wir haben in der Vergangenheit auch Fehler gemacht, die dazu geführt haben, dass Leute relativ kurz bei uns geblieben sind. Die intrinsische Motivation, etwas Neues zu erleben, ist bei den Millennials und auch in eurer Generation auf jeden Fall vorhanden. Man muss daher innerhalb des Unternehmens ständig ein neues Angebot machen, das geht aber erst ab einer bestimmten Größe oder Wachstumsdynamik und ist für kleine Unternehmen schwierig. Das ist die Herausforderung und wenn man dieses Growth Mindset bewusst ablehnt, umso schwieriger. Das heißt für kleine Agenturen, die nur authentische gute Arbeit machen wollen, ist es sehr schwierig, innovativ zu bleiben, da Leute, die innovativ denken, nicht 10 Jahre das Gleiche machen möchten.

Wenn man die Sicht der Agenturinhaber verlässt und das Ganze aus der Perspektive der GestalterInnen betrachtet: Wo liegen da im Moment die Risiken und Chancen?

Katja: Die vielen Möglichkeiten und die Entwicklungspotenziale sind eine große Chance für die GestalterInnen. Ich war bei meinem ersten Arbeitgeber 6 Jahre und habe viel zu spät gemerkt, dass es nicht weitergeht, dass ich in dieser Glocke sitze und überhaupt nicht rauskomme. Das war eine andere Zeit, heute würde ich die Möglichkeiten mehr nutzen und gerade nach dem Studium genau schauen, wo ich hinwill. Ich glaube, das geht vielen im Moment so, das Angebot ist riesig und man hat die Möglichkeit, verschiedene Angebote wahrzunehmen, das ist eine große Chance.

Marco: Ich glaube, das ist einerseits eine Chance, es gibt viele Möglichkeiten, sich permanent weiterzuentwickeln, auf der anderen Seite nehmen auch die falschen Verführungen zu. Da gibt es so manchen Irrtum, dem man erliegen kann. Letztlich ist das Tempo, in dem man das macht, eine Typfrage. Momentan beobachten wir richtige Methoden-Junkies. Ich glaube, zur Gestaltung gehört, dass man Praxiserfahrung sammelt, Projekte macht und sich sein methodisches Werkzeug zurechtlegen und entwickeln kann. In unserem Buch Branded Interactions haben wir viele Methoden, die wir anwenden und in der Vergangenheit angewendet haben, thematisiert. Wir haben die nicht aus ninety-nine creative Games zusammengesucht, sondern selbst entwickelt. Es gibt heutzutage jede Menge Bücher über Designmethoden, wir haben hier oft Bewerber sitzen, die zu uns kommen möchten, um unsere zu lernen, aber wir brauchen keine Leute, die nur Methoden lernen wollen, sondern wir brauchen Leute, die tolle Produkte gestalten wollen. Das sollte immer die primäre Motivation sein, da sehe ich heute, gerade durch dieses breite Onlineangebot, dass es eine Sucht nach ständig neuem Input und Methoden gibt und dabei die kontinuierliche Entwicklung der eigenen Fähigkeiten auf der Strecke bleibt.

Mittel & Methoden

Die Leute sehnen sich also nach schnellerem Lernen und permanenter Weiterentwicklung. Wie geht ihr als Unternehmen damit um?

Marco: Wir haben Mitte des Jahres die think moto Academy gegründet, diese hat zwei Zielrichtungen. Die eine ist es, Wissen, das wir über die Jahre erarbeitet haben und momentan erarbeiten, nach außen weiterzugeben. Wir sind davon überzeugt, dass der Kuchen groß genug für alle ist und es uns weiterhilft, wenn wir Dinge teilen. Die andere Stoßrichtung ist die nach innen, wir haben eine Plattform geschaffen für externe Dozenten, unsere MitarbeiterInnen werden alle durch dieses Programm geschleust. Die Akademie ist als Impuls zu verstehen, die Weiterentwicklung passiert dann im Projekt und muss tagtäglich gelebt werden. Unsere Aufgabe ist es, immer wieder zu schauen, dass die Prozessqualität stimmt, dass der Einsatz der Methoden gezielt und kein Selbstzweck ist, sondern immer wieder auf die Projektbedürfnisse angepasst wird. Das gibt unseren Leuten sehr viel, das sehen wir daran, wie schnell sie sich hier entwickeln. Wir haben mehrere MitarbeiterInnen, die als Praktikanten angefangen haben und nach dem Praktikum so gut ausgebildet waren, dass wir sie direkt übernehmen konnten.

Katja: Ich bin der Meinung, letztendlich ist es nicht nur die Theorie, also Methoden, sondern vor allem die Praxis, bei der man lernt. Die Erfahrung, die wir haben, kommt aus jahrelanger Praxis heraus. Wie wir an Design rangehen, Design verkaufen, wie Design sich anfühlen muss, wie man über seine Grenzen hinausgehen oder noch mehr Kreativität entfalten kann, hierfür gibt es nicht die eine, bestimmte Methode. Eine gute Methode heißt noch lange nicht, dass auch ein gutes Ergebnis rauskommt. Es kommt auf einen selbst, auf die Persönlichkeit an, den eigenen Anspruch, wie weit man gehen will. Das gebe ich den Mitarbeitern tagtäglich mit, wenn wir über Projekte sprechen, uns Zwischenstände anschauen oder Kick-Off machen. Das motivierende Element zu vermitteln ist als Geschäftsführer extrem wichtig, nicht nur die Theorie.

Welche Rolle spielen bei den Projektarbeiten Interdisziplinarität und Transdisziplinarität, also die Zusammenarbeit von GestalterInnen mit anderen Disziplinen und mit KundInnen?

Katja: Interdisziplinarität wird bei uns großgeschrieben, das merkt man schon an den Menschen, die hier arbeiten. In den meisten Fällen arbeiten bei uns zwei Disziplinen zusammen. Zum einen sind das KonzepterInnen und StrategInnen, die ein großes Verständnis für Gestaltung an sich haben. Zum anderen sind es GestalterInnen, die ein technisches Verständnis haben, coden oder Bewegtbild können und verschiedene Gestaltungsansätze kombinieren. Wir arbeiten in agilen Prozessen, bei denen meistens auch unsere KundInnen beteiligt sind. In diesen Teams gibt es meist eine Kombination aus KonzepterInnen und GestalterInnen, die sehr eng zusammenarbeiten. Die sitzen dann auch als Team zusammen, damit sich die Ideen gegenseitig befruchten können. Nur so können wir innovative Lösungen schaffen. Es ist nicht mehr so wie früher, dass KonzepterInnen ein Wireframe erarbeiten und dann GestalterInnen kommen und es anmalen. Wir haben so eigentlich nie gearbeitet, aber heute ist es noch fluider geworden, das macht Spaß und fühlt sich gut an. Es ist auch schön für das Team, nicht immer alleine zu sein. Ein Team kann bei uns aus bis zu vier Leuten bestehen, je nachdem, wie groß das Projekt ist. Hier entstehen dann Inseln, die sich permanent austauschen und miteinander an den Aufgaben arbeiten.

Marco: Unsere KundInnen sind heute meist keine Designlaien mehr. Es gibt zwar schon noch weniger designaffine KundInnen, die dann eher Projekt-ManagerInnen sind, aber an den Schlüsselstellen in den Unternehmen sitzen immer mehr Leute, die Agenturerfahrung haben oder aus dem Design kommen. Wir als Agentur sind auch nicht immer diejenigen, die alles besser wissen und dem Kunden sagen, wie es geht. Im Idealfall ist es ein Miteinander auf Augenhöhe. Die Kompetenz auf Kundenseite haben wir meistens nicht, weil die KundInnen ihr Produkt und Unternehmen besser kennen als wir und auch eigene Erfahrungen gemacht haben. Es wäre dumm von uns, das nicht anzuhören, im nächsten Schritt bringen wir dann andere Perspektiven ein und arbeiten so zusammen an dem Projekt.

Katja: Wir machen ziemlich viele Workshops mit den KundInnen, wo wir uns gegenseitig inspirieren. Die KundInnen kommen gern hierher, manche von ihnen sind ab und zu tagelang hier, um bei uns im Team zu arbeiten. Im Moment ist es so, dass eigentlich alle unsere KundInnen eine Abteilung haben, in der es eine Designprägung gibt. Bei Haufe oder Audi arbeiten wir mit den ChefInnen der Designabteilungen zusammen, das sind Menschen, die viel Erfahrung in der Gestaltung mitbringen.

Marco: Viele DesignerInnen gehen heutzutage in Unternehmen und das sind dann unsere KundInnen. Dadurch hat sich die Kommunikation komplett verändert. Es gibt beispielsweise keine KundInnen mehr, mit denen wir nicht auf „Du“ sind. Es ist eine ganz andere Art des Umgangs miteinander.

Katja: Am Anfang, wenn man kleinere KundInnen hat, die keine Designabteilung haben, kann es schon mal vorkommen, dass der Chef, der beispielsweise aus der Finanzbranche kommt, seine Frau fragt, ob das Design jetzt blau oder grün sein soll. So etwas sollte man unbedingt vermeiden. Dabei hilft es dann, die KundInnen beim Prozess mitzunehmen, aufzuklären und an die Hand zu nehmen.

Marco: Dabei hilft es, Verständnis und Empathie gegenüber anderen Gedanken und Mindsets zu entwickeln, zu spiegeln und die KundInnen wirklich mitzunehmen.

Gibt es bei euch öfter disziplinübergreifende Arbeiten, bei denen Leute aus fachfremden Bereichen etwas zum Gestaltungsprozess beisteuern? Und wenn ja, welche Erfahrungen habt ihr damit gemacht?

Katja: Bei jedem neuen Projekt arbeiten wir mit den KundInnen zusammen und lernen dazu. Wir werden Nerds in fachfremden Bereichen, um eine gute Arbeit machen zu können, das ist für uns immer spannend. Wir tauchen in diese Welten ein und setzen uns mit dem Produkt, dem Unternehmen und den Menschen auseinander.

Marco: Als Gestalter muss man vor allem eines mitbringen, nämlich ein grundlegendes Interesse an Menschen und an allem, was draußen in der Welt passiert. An Wirtschaft, an Unternehmen, an den unterschiedlichsten Branchen, wenn man das nicht hat, geht das für mich in die Richtung Hairdesign.

Katja: Es gibt natürlich auch andere Agenturen, ich glaube, zu denen gehören wir nicht, die sich spezialisieren und auf bestimmte Branchen abzielen. Ich kann das nicht ganz nachvollziehen, das ist nicht unser Ansatz, wir lieben die Vielfältigkeit unseres Berufes.

Marco: Als Otl Aicher für bulthaup gearbeitet hat, hat er erst mal ein Buch geschrieben, „Die Küche zum Kochen“, er hat sich sehr tief mit diesem Thema auseinandergesetzt. Das ist es, was gute Gestaltung bis heute tut.

Kompetenzen

Das ist ein schöner Anschluss an unsere letzte Frage. Otl Aicher hat sich mit dem Thema zunächst auf einer ganz anderen als der gestalterischen oder visuellen Ebene auseinandergesetzt. Habt ihr das Gefühl, dass Young Professionals nach dem Studium überhaupt in der Lage sind, einen umfassenden Research zu betreiben, bevor sie mit dem Gestalten loslegen? Oder seht ihr da eine Herausforderung für die Designlehre?

Marco: Ich glaube, ein solches Interesse hat man einfach oder eben nicht. Das merkt man im Studium. Die Leute, die dieses Interesse mitbringen, sorgen dafür, dass sie schon im Studium möglichst breit aufgestellt sind und nicht hoch spezialisiert in eine Richtung gehen. Die haben meistens auch Hobbys. Unsere letzten PraktikantInnen kamen aus der visuellen Kommunikation, dem Industriedesign und dem Produktdesign, auch hier zerfließen die Grenzen gerade. So etwas wie Produktdesign ist eher ein generalistisches Studium, wo viele Skills von Produktion oder Materialkunde bis hin zu ganz klassischen Gestaltungs- und Entwurfsdisziplinen vermittelt werden. Das ist heute sehr hilfreich, da man als Studierender meistens nicht genau weiß, wo man nach der Ausbildung hinwill. Wenn man es weiß, super, dann kann man sich auch spezialisieren und ganz straight seinen Weg gehen, wenn nicht, sollte man aber möglichst breit und offen in die Welt gehen.

Designlehre

Könnt ihr noch genauer erklären, was euch bei BewerberInnen wichtig ist und welche Herausforderungen ihr daraus momentan für die Designlehre ableitet?

Katja: Wir haben einen sehr „picky“ Auswahlprozess bei den Leuten, die hier sind. Es ist wichtig für uns, dass sie klug sind. Wer klug ist, kann Dinge lernen und schnell und gut umsetzen. Ob es sich dabei um Sketch oder ein anderes Tool handelt, ist dabei total nebensächlich.

Marco: Wir hatten vor ein paar Jahren mal einen Praktikanten von einer privaten Hochschule, bei dem der Prof. während des Praktikums vorbeikam und uns von seinem Schützling überzeugen wollte, indem er sagte: „Kann der nicht super Photoshop“. Darum geht es aber gar nicht. Ein ehemaliger Praktikant von uns, der hier mittlerweile fest angestellt ist, hatte ein rein grafisches Portfolio, hat Branding Design gemacht und Grafik studiert, er hatte nichts Digitales vorzuweisen, ist aber Hardcoregamer. Wir bemerkten, dass er eine hohe Affinität dafür besitzt, die er im Studium nicht ausgelebt hat. Heute macht er Conversational Design, baut Chatbots und VR-Prototypen in Unity. Er ist total multidisziplinär, insofern darf man das spezifische Wissen auch nicht überbewerten. Ich glaube, was ein Studium mitgeben sollte, ist diese Offenheit und das Fördern von Interesse und Motivation.

Katja: Letztendlich kommen die Studierenden nach ihrer Ausbildung her, um genau das zu lernen, um mitzubekommen, wie man an größere Projekte rangeht. Je nachdem, wo man studiert, sind die Arbeiten mehr oder weniger praxisbezogen, viele Projekte in den Portfolios sind nicht wirklich aussagekräftig. Bei der Entscheidung, ob ich jemanden einstelle, sind ganz andere Dinge wichtig. Am Anfang muss man die Leute in die Projekte reinholen und ins Machen bringen. Es steht außer Frage, ob sie das technisch können, die Persönlichkeit ist viel wichtiger.

Marco: Als Honorarprofessor betreue ich auch an der Hochschule Arbeiten. Dabei fällt mir auf, dass manche Gestalter eher Theoretiker sind als Gestalter. Die schreiben wissenschaftliche Theorie-Arbeiten und gehen nach ihrem Studium vielleicht tatsächlich in ein Research Lab und machen Design-Ethnografie oder Ähnliches. Diesen Platz sollte es heute auch an einer Gestaltungshochschule geben, das ist dann zwar keine reine Gestaltungspraxislehre mehr, aber ein guter Studiengang sollte beide Seiten abdecken können.

Geht es dabei um Anschlussfähigkeit – also darum, dass man sich als GestalterIn in vielen Bereichen bewegen kann, Interesse an der Welt hat und sich schnell in Dinge hineindenken kann?

Katja: Ja, genau.

Eine Herausforderung für die Hochschulen wäre es also, diese Neugier zu fördern und kritisch denkende GestalterInnen auszubilden?

Marco: Um gute Gestalter auszubilden, müssen Hochschulen Empathie, Intelligenz und Motivation fördern.

Wenn das mal kein Schlusswort ist. Vielen Dank für das spannende Gespräch.

Marco: Sehr gerne.