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Gerhard Schweppenhäuser

Dr. Gerhard Schweppenhäuser

Professor für Design-, Kommunikations- und Medientheorie, Fakultät Gestaltung Würzburg

Wir sind heute an der Fakultät Gestaltung der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Würzburg zu Gast bei Gerhard Schweppenhäuser. Er lehrt hier seit 2002 als Professor für Design-, Kommunikations- und Medientheorie, war bis zum Ende des vergangenen Sommers Studiendekan und ist zudem Mitglied des Prüfungsausschusses. Seine Forschungs- und Publikationsschwerpunkte liegen vor allem in der kritischen Theorie, der Ästhetik, der Ethik, der Kultur- und Gesellschaftstheorie sowie der Moralphilosophie. In diesen Gebieten hatte er bereits zahlreiche Lehraufträge, unter anderem an Universitäten in Hannover und Dresden sowie im Ausland, beispielsweise in North Carolina und São Paulo.

Ursprünglich studierte er Philosophie, Germanistik und Erziehungswissenschaften in Hamburg, wo er auch promovierte. Neben seiner Lehr- und Publikationstätigkeit ist er Mitherausgeber und Redaktionsmitglied der „Zeitschrift für kritische Theorie“. Seit einigen Jahren befasst er sich intensiv mit der Designtheorie und mit den ethischen Fragen des Kommunikationsdesigns.

Das Gespräch führte Yannick Marszalek am 17.10.19 an der FH Würzburg-Schweinfurt.

Motivation

Was motiviert Sie, sich zunehmend mit dem Designkontext auseinanderzusetzen?

Neben dem persönlichen Interesse an dieser Art von angewandter Philosophie ist es auch eine steigende Nachfrage. Als ich im Jahr 2002 hier in Würzburg angefangen habe, war ich bereits seit sieben Jahren in der Ausbildung von Designerinnen und Designern tätig, an der Fakultät Gestaltung der Bauhaus-Universität in Weimar. Dort habe ich mich in erster Linie mit Studierenden und KollegInnen des Studiengangs Freie Kunst ausgetauscht und bin dann so langsam in das stark angewandte Kommunikationsdesign reingewachsen, damals schon in Weimar und dann mit dem Ruf an die Fakultät hier, wo es zum Zeitpunkt meines Beginns tatsächlich auch nur den Studiengang Kommunikationsdesign gab. Da herrschte einfach die steigende Anforderung nach Positionsbestimmungen, Leitlinien für Reflexion, Kategorien der Analyse oder Beschreibungsmodellen, was mich dann auch fasziniert hat. Eine Zeit lang war ich Mitglied in der Deutschen Gesellschaft für Designtheorie und -forschung und habe den Prozess einer interdisziplinären Auseinandersetzung darüber, was Designtheorie eigentlich heute sein soll, am Rande mitbegleitet. Im Wesentlichen ging es in den Diskussionen um die Frage, ob es so etwas wie Forschung durch Design eigentlich gibt. Natürlich gibt es die Forschung über Design, aber die Frage ist, wie Forschung durch Design funktioniert und welche methodischen Geländer, Maximen, Kontrollmechanismen und Fragestellungen es gibt, die durch einen Entwurf essenzieller als durch einen Diskurs beantwortet werden können. Anders gesagt geht es in unserer Disziplin, also den Geistes- und Kulturwissenschaften, hauptsächlich nicht darum, Fragen zu beantworten, sondern darum, Fragen genauer formulieren zu können, damit die Suche nach Antworten optimiert werden kann. Es funktioniert schließlich nicht so, dass man irgendwelche Fragen einfach so klären, ablegen und sich etwas anderem widmen könnte, sondern man versucht ständig, Instrumentarien zu schärfen. Und auch im Bereich der Gestaltung ist ein Netzwerk von institutionalisierten Diskursen entstanden, da Gestaltungsfakultäten im Laufe der Zeit zunehmend an Kultur- und GeisteswissenschaftlerInnen herangetreten sind und gesagt haben: „Das, was ihr hier beitragen könnt, ist so wichtig, dass wir das nicht nur so nebenher als Lehrauftrag laufen lassen, sondern ganz zentral und gleichberechtigt mit den anderen Ausbildungsteilen ins Curriculum integrieren wollen“. In der Folge ist dann ein Netzwerk von Kongressen, Tagungen und Publikationsreihen entstanden, in dem man Fragen gemeinsam weiterverfolgen kann. Und das hat mir in den letzten Jahren zunehmend Freude gemacht.

Designbegriff

Das ist sehr interessant. An dieser aktiven und vitalen Diskurslage lässt sich bereits ablesen, dass der Designbegriff stets im Wandel ist und derzeit eine ziemliche Selbstaufklärung durchläuft. Über den Designbegriff haben Sie bereits intensiv geschrieben – in Ihrem Buch „Designtheorie“ beschreiben Sie Design beispielsweise als „soziokulturelles komplexes Konzept“, das sowohl eng als auch weit gefasst werden kann. Trotzdem möchte ich Ihnen die vielleicht etwas fiese Frage stellen: Können Sie Ihren Designbegriff in wenigen Worten erläutern beziehungsweise zusammenfassen?

Also erst mal würde ich versuchen, das auf verschiedenen Ebenen anzugehen. Auf einer formalen und zugleich auch disziplingeschichtlichen Ebene ist Design zunächst natürlich nichts anderes als der Entwurf. Designen heißt Entwerfen. Mit der Entfaltung der Produktivkräfte und deren Um- und Neuorganisation in wechselnden gesellschaftlichen Produktionsverhältnissen ist natürlich auch darin eine Veränderung eingetreten, was man sich unter der Tätigkeit des Entwerfens eigentlich vorstellt, was sie de facto ist, welche Aufgaben und Aufträge es gibt, was sie vielleicht sein könnte oder auch wie sie sein sollte. Ich halte es da mit dem ehemaligen Ulmer Designtheoretiker Gui Bonsiepe, der lange auch in Südamerika, zuletzt in Brasilien, und dann in Köln an der Fachhochschule gewirkt hat und dort die Designtheorie und den Diskurs in Deutschland auf ein ganz hohes Niveau gebracht hat. Nach ihm ist Design die Entwurfstätigkeit an Schnittstellen. Und diese Schnittstellen und Interfaces, wie er das als international agierender Theoretiker genannt hat, sind zunächst nicht nur technische, sondern immer auch soziale Berührungspunkte von Medien und Personen, die sich im kommunikativen Handeln dieser Medien und Techniken bedienen, um Ergebnisse zu erzielen, Interaktionen zu optimieren, Handlungsziele zu verfolgen oder Konflikte auszutragen. Ganz wichtig ist mir in dem Zusammenhang auch die enge inhaltliche Verknüpfung des Designbegriffs mit dem Kommunikationsbegriff. Nicht nur, weil ich hier in einer Fakultät unterrichte, deren großer Bachelorstudiengang Kommunikationsdesign heißt, sondern weil sich das vielleicht auch dazu eignet, den engen und weiten Designbegriff zu erläutern. Kommunikation kann zum einen strategisch und zum anderen verständigungsorientiert sein, was beides stets in einem sozialen Kontext stattfindet. Strategische Kommunikation meint hier die Ziele, zu Deutsch die Kriegsziele, die ich verfolge, um meine Zielgruppen zu bearbeiten. Ich persönlich versuche jedoch immer, bei den Studierenden dafür zu werben, dass man diesen Zielgruppenbegriff vielleicht mal nicht benutzt und stattdessen Adressaten oder Publikum sagt. Auf der anderen Seite hat es ja auch was, wenn man sieht, wo diese Begriffe herkommen, beispielsweise die Kampagne oder der Feldzug und so weiter. Die Kampagne oder der Feldzug ist Teil einer Strategie und man wird den Feldzug nur erfolgreich führen können, wenn man eine Strategie hat. Das ist das eine in ganz verschiedenen Medien. Das andere, weshalb man kommuniziert, ist die gemeinsame Suche nach Konsensen, nach Verständigung, gemeinsamen Lösungen und ethischen Annäherungen, also Annäherungen über Normen des sozialen Handelns, aber auch des einzelnen moralischen Handelns. Wenn man jetzt den engen technischen Kommunikations- und Designbegriff mit dem weiteren, sozialen und kulturellen Designbegriff zusammennimmt, dann hat man eigentlich auch einen Rahmen abgesteckt, in dem man im Einzelnen recht gut erklären kann, wo wir heute eigentlich stehen. Zum einen kann man erklären, wo sich der Designbegriff dadurch verändert hat, dass die Techniken und Medien des Designs sich verändern. Zum anderen kann man so auch beobachten, dass sich die soziale und kulturelle Reichweite dessen, was man im engeren Sinne Design nennt, in den letzten hundertfünfzig Jahren so enorm erweitert hat, dass wir sagen können, dass wir die Gesellschaft, in der wir leben, selber täglich entwerfen. Hier stellt sich die Frage, ob es Möglichkeiten gibt, diese Gesellschaft so zu entwerfen, dass wir in ihr leben möchten; sie so einzurichten, dass wir in ihr ein gelingendes Leben führen und mit guten Gründen sagen können, dass sie so ist, wie sie sein sollte. Diese Aussage ist natürlich in der Regel im Präsens Indikativ nicht zu erreichen, aber das ist ein Zielhorizont, wofür man eben den engen und den weiten Designbegriff braucht.

Wenn man den Designbegriff in dieser Hinsicht auch als Reflexion des kulturellen Wandels begreift, der sich immer auch am gesellschaftlichen Wandel orientiert – könnte man dann sagen, dass der Designbegriff fluide und nicht feststehend ist?

Definitiv. Und ich glaube, das ist auch der Grund, weshalb viele Designerinnen und Designer, die an Hochschulen lehren, gesagt haben, dass sie diesen Diskurs ja selber schon führen. Es ist ja nicht so, dass die sagen, dass sie dringend KulturwissenschaftlerInnen oder PhilosophInnen brauchen, die ihnen erklären, was sie tun. Das Bedürfnis ist viel mehr das nach methodischen Leitlinien, Kategorien und Modellen für die Reflexion, die man als PraktikerIn selber natürlich auch schon immer macht.

Lässt sich dieser eng mit der Kommunikation verwobene Designbegriff auch innerhalb dieses Wandels verorten? Gibt es ein Spezifikum, anhand dessen sich beispielsweise das Produktdesign vom Kommunikationsdesign trennen lässt?

In der Praxis allemal. An der Stelle greife ich ein wenig in die philosophische Truhe und beziehe mich auf das Begriffspaar von Praxis, also dem gemeinsamen Handeln, und Poiesis, also dem Herstellen, mit dem Aristoteles die unterschiedlichen Modi menschlichen Tuns beschrieben hat. Nun tun natürlich Produkt- und KommunikationsdesignerInnen beide beides. Aber KommunikationsdesignerInnen stellen eher etwas her, das man benutzt, um damit etwas machen zu können. Ein Wegeleitsystem beispielsweise schaut man sich normalerweise nicht nur an und erfreut sich daran wie an einem ästhetischen Objekt, sondern das benutzt man im Alltag. Und dann darf das eigentlich wie ein Medium unsichtbar werden. Schließlich ist das beste Gebrauchsmedium das, dessen Eigencharakter, Eigenformat und vielleicht auch Eigengeräusch vollkommen zurücktritt und unsichtbar wird. Bei einem Produktdesign könnte es auf den ersten Blick ein bisschen anders sein, weil wir alle das Gefühl oder das Erlebnis kennen, wenn wir Freude an einem Objekt haben. Wenn wir uns, jetzt nehme ich ein problematisches Beispiel, ein Auto kaufen, dient das natürlich dazu, uns von einem Ort zum anderen zu befördern. Es wäre jedoch vollkommen aberwitzig zu verleugnen, dass wir auch Freude an dem Auto haben können, auch wenn wir alle wissen, welche ökologischen Probleme das mit sich bringt. Dennoch kann diese Objekthaftigkeit, die etwas mit uns macht, die uns in unserem Beispiel (wie Marshall McLuhan das mal gesagt hat) zum Servomechanismus des Autos werden lässt, mit hohem ästhetischen Vergnügen verbunden sein. Sonst wären wir ja gar nicht in dieser misslichen Klimawandel-Situation, in der wir heute sind, wenn nicht eine unglaubliche Faszination von solchen Objekten ausgehen würde. Damit will ich sagen, dass die ProduktgestalterInnen scheinbar eher herstellen und die KommunikationsdesignerInnen eher Handlungstools und Handlungsrahmen bereitstellen, wobei dabei natürlich nicht klar abgegrenzt werden kann. Und die Nachfrage von ProduktdesignerInnen an uns GeisteswissenschaftlerInnen ist oft die gleiche, mit der KünstlerInnen an uns herantreten, nämlich die Bitte nach der Interpretation dessen, was man gemacht hat. Und dann kommen wir und schreiben beispielsweise einen Katalogbeitrag, halten eine Rede für eine Ausstellung, lenken die Aufmerksamkeit, zeigen, erklären, deuten, verstehen, was gemacht wurde. Aber im Prinzip wollen wir eigentlich auch vorher gemeinsam darüber sprechen. Interdisziplinäre Zusammenarbeit ist vielleicht im Bereich Kommunikationsdesign von vornherein immer schon eine Tradition gewesen.

Theorie & Praxis

An die geisteswissenschaftliche Interpretation und Verbildlichung würde ich gerne anknüpfen, da Sie ja selbst als eine Art Grenzgänger aus den Geisteswissenschaften in dieses praktische Feld hineinwirken. Gerade wenn man Theorie als Anschauung, Einsicht oder Betrachtung begreift: Wie würden Sie das derzeitige Verhältnis zwischen Theorie und Praxis beschreiben? Welchen Stellenwert hat die Theorie gegenüber der Praxis?

Ich glaube, in den letzten Jahren ist immer deutlicher geworden, dass Theorie selbst eine Praxisform sein kann. Diskurse, Kontroversen, Begründungen, Argumentationen sind immer weniger ein Separatbereich der Gestaltungspraxis, sondern ein Bereich, der zudem in ganz viele Bereiche hineinwächst und der einer komplexeren, in der Regel akademischen Ausbildung bedarf. Von einer anderen Seite erklärt, lässt sich mindestens seit dreißig Jahren der Prozess beobachten, dass sehr viele Bereiche des Könnens verwissenschaftlicht und akademisiert werden. Ausbildungen werden akademisiert. Das ist gerade im Bereich der Gestaltung oft nicht nur begrüßt, sondern auch kritisiert und mit Unbehagen begleitet worden. Teils aus der berechtigten Sorge heraus, dass, wenn man am Tacit Knowledge (also dem stummen und schweigenden Wissen) der KönnerInnen reflexiv zu sehr herumkratzt, dann so etwas eintritt, wie das, was Heinrich von Kleist einmal geschrieben hat, nämlich der Verlust der Grazie durch zu viel Reflexion – Grazie, die bei einer naiven Expression, beim naiven Praxisvollzug viel besser in Erscheinung treten kann. Diese Sorge ist nicht unberechtigt, allerdings kann man so nur in der Rückschau argumentieren. Denn wir befinden uns in einem Prozess, der sich immer weiter in die Richtung der Akademisierung und Reflexion bewegt. Natürlich gibt es da die Unterscheidung zwischen Theorie und Praxis noch. Meine Fächer heißen anders als die Fächer, die meine Kollegen aus der Praxis anbieten. Aber ich erkläre den Studierenden gleich im ersten Semester im Bachelor in der Einführung zur Designtheorie, dass sie in den Fächern der KollegInnen selbstverständlich ebenfalls theoretisieren, dass sie das bei mir allerdings unter stärkerer wissenschaftlicher Anleitung machen. Verwissenschaftlichung ist selbstverständlich nicht identisch mit Theorie. Ein Methodenprimat der Verwissenschaftlichung kann auch dazu führen, dass dieses Kontemplativ-Reflexive des klassischen Theoriebegriffs, den Sie angesprochen haben, zu kurz kommt und dass dann nur noch operationalisiert, gemessen und quantifiziert wird. Man muss also auch darüber diskutieren, was man eigentlich für einen Theoriebegriff hat. Und eine gestalterische Fakultät eignet sich besonders gut dazu, um diesen nicht zu sehr quantifizierenden und methodologisch beschränkten Theoriebegriff am Leben zu erhalten.

Würden Sie sagen, dass diese theoretisch-reflexive Auseinandersetzung, die auch in der Praxis stattfindet, die Praxis selbst beeinflusst und formt? Und ist die Praxis dahingehend etwas, das auch losgelöst von der Theorie betrachtet werden kann?

Letzteres würde ich nicht bestreiten. Man muss sich auch vorsehen, dass man Verbalisierung, Reflexion und Begriffsbildung nicht überall dort einfordert, wo dies vielleicht gar nicht nötig ist und es wunderbar so läuft. Es ist tatsächlich in der Ausbildung viel eher so, da werden Sie mir, glaube ich, auch nicht widersprechen, dass die GestalterInnen irgendwann kommen und sagen: „So, jetzt bin ich an einen Punkt gekommen, an dem es, wenn ich genau hinschaue und ehrlich bin, gerade nicht mehr so gut läuft. Obwohl die Sache auf der manifesten Oberflächenebene stringent und widerspruchsfrei läuft, habe ich das Gefühl, dass da latent Brüche und Punkte sind, an denen ich nicht weiterkomme“. Und dann kommt man in ein Gespräch und sagt: „Was sind das für Punkte und woran liegt das? Welche Gestaltungsziele hast du? Wie sind diese verständigungsorientiert und strategisch orientiert? Welche Mittel setzt du dafür ein? An welchem Punkt bist du jetzt?“ Und dann findet ein Reflexionsgespräch statt, wo man als Kulturwissenschaftler dann natürlich dazu gefordert ist, einen möglichst großen Handwerkskasten mit Handwerkszeug, einen großen Instrumentenkoffer dabei zu haben. Da kann man dann nicht sagen: „Bei mir wird alles mit den Mitteln der visuellen Rhetorik erklärt, analysiert oder beschrieben“, oder: „Bei mir gibt’s nur Hermeneutik oder Systemtheorie“. Das kann nicht sein, das wäre lebensfremd. Wenn Luhmann sagt: „Kultur kann man nur systemtheoretisch beschreiben“ oder Adorno und Habermas sagen: „Kultur kann man nur normativ und kritisch rekonstruieren“, können die es sich erlauben, solche Theoriestreitigkeiten, Ausschließlichkeiten und Gegensätze zu pflegen. Im angewandten Bereich ist es unsere Aufgabe zu sagen, welche Aspekte man mit welcher Methodologie eigentlich besser erklären kann. Dass man immer von der Aufgabenstellung ausgeht, die praktisch bearbeitet wird, ist eigentlich auch die Einführung in die systematische Theoriereflexion.

Wie würden Sie die momentane Situation der Designdisziplin im Kontext dieser gegenseitigen Annäherung aus Sicht eines Theoretikers bewerten?

Wenn ich da mal den Überblick hätte … Ich kann natürlich nur Ausschnitte beobachten. Was ich feststelle, ist, dass der Entwicklungsfortschritt der Produktivkräfte einerseits eine Gefahr für die Profession im Bereich des Kommunikationsdesigns darstellt. Ohne jetzt allzu sehr futuristisch vorzugreifen, aber wenn wir über 3D-Plotter und 3D-Drucker und solche Perspektiven reden, wird das irgendwann auch das Kommunikationsdesign betreffen. Das sehen wir im ganz alltäglichen Bereich, beispielsweise wenn wir auswärts essen gehen oder wenn wir uns eine Einladung vom Sportverein anschauen. Da wissen Sie alle, da brauche ich nichts zu erläutern, welche visuellen Schmerzen das teilweise bereitet und man sieht, dass da kein professioneller Designer konsultiert, sondern dass das selber gemacht wurde. Das ist natürlich einerseits keine schöne Entwicklung und ästhetisch nicht gut, und auch eine Bedrohung für die Profession. Auf der anderen Seite hängt das aber auch tatsächlich mit der Erweiterung des Designbegriffs zusammen. Dass also diese zunehmende Ermächtigung, das Empowerment, den einzelnen, nicht professionellen Menschen zur Verfügung gestellt wird und die sich (vermöge der technischen Möglichkeiten, die es gibt) dessen bemächtigen können, wenn sie wollen, macht sie natürlich auch zu Gesprächspartnern für eine professionelle Auseinandersetzung. Und es ist ja nicht so, dass im Zuge dieser Entwicklung immer weniger BewerberInnen Design studieren wollen. Wir haben das Gefühl, dass es immer mehr werden. Das heißt, die Situation, in der sich Design befindet, ist auf der einen Seite eine ständige Herausforderung (Sie müssen als professionelle DesignerInnen auch wirklich zeigen und begründen können, warum etwas wichtig ist, wie Sie das lernen und ständig weiter optimieren können) und auf der anderen Seite müssen wir uns auch keine Sorgen über eine stetige Nachfrage machen. Es wird nicht so sein, dass diese Disziplin irgendwann mal verschwindet. Es wird vielleicht sein, dass bestimmte Leitmedien verschwinden und sich dann die Marktsituation für Absolvierende in Ihrem Bereich ändern wird, dass es beispielsweise irgendwann keine Zeitung mehr im Printbereich gibt und vieles (da verrate ich ja kein Geheimnis) aus dem analogen in den digitalen Bereich abwandert. Da verändert sich dann nicht nur das Trägermaterial, sondern auch die Sprache, die Praxisform, die Strukturen von Öffentlichkeit, die Diskursform, das Verhältnis von deliberativer, politischer, wissenschaftlicher Öffentlichkeit und kommerzieller Öffentlichkeit. Dass diese Dinge neue Konstellationen eingehen, dem stellt sich eine Designausbildung im besten Fall möglichst früh. Das bearbeitet und bespricht man möglichst nicht erst im Masterstudiengang, sondern wenn es sich, schon möglichst früh, aus den Fragestellungen der Studierenden heraus im Bachelorstudium anbietet.

Sie würden also durchaus sagen, dass sich in dieser Lage nicht nur Risiken, sondern auch Chancen und ganz neue Wege für die Zukunft des Designs entwickeln können, auf die man DesignerInnen jetzt vorbereiten muss?

Ja, das sehen wir seit einigen Jahren. Wir und Sie haben früher als in anderen Branchen mitgekriegt, mit welchem Impact die Digitalisierung unter gleichzeitigen Informalisierungen und der Deregulierung des Marktes auf bestehende Kommunikationskanäle und auch auf menschliche Weltbilder und kulturelle Praktiken zugreift. Und wir haben relativ früh erlebt, dass das nicht etwa eine Absage an eine bisherige Kultur und auch gar keine so radikale Innovation ist, wie das von außen aussehen kann. Wir erleben, dass sich bestehende Medien unterschiedlich neu gewichten und, mit einer gewissen Flexibilität des Darauf-Eingehens, in ihren Anforderungen und Angeboten neu aufstellen, weswegen sich da natürlich unglaubliche Chancen und unglaublich interessante Perspektiven entwickeln.

Mittel & Methoden

Welche Mittel und Methoden, vielleicht auch elementaren Kompetenzen aus Ihrem Bereich würden Sie an das Design herantragen wollen, um diesen Herausforderungen in Zukunft begegnen zu können?

Also ich bin ja erfreulicherweise nicht der einzige Geisteswissenschaftler hier an der Fakultät. Ich hatte mal zwei wissenschaftliche Mitarbeiter, einen Philosophen und einen Soziologen, und zurzeit ist eine Philosophin hier, die bei uns im Bachelor- und im Masterstudiengang unterrichtet. Unser Beitrag besteht im Wesentlichen darin, ein Methodenbewusstsein zu schaffen. Das heißt erst mal, sich selbst darüber aufklären zu können, was ich als DesignerIn tue, wenn ich designe, und auch wie ich das mache, also eine Reflexionsebene zu schaffen und dann die Methoden, mit denen ich arbeite, auf Begriffe bringen und Modelle bilden zu können. Natürlich gibt es da Punkte, an die man schneller herankommt und Punkte, an die man weniger schnell herankommt. Man kann durch eine gute grundlegende, solide Einführung in die Semiotik sehr viel Vokabular bereitstellen und dabei helfen, dass die Betreffenden eine Beschreibungskompetenz entwickeln. Immer dann, wenn es um analytische und formal ohnehin schon sehr abstrahierte Methoden geht, kann das sehr bewusst und sehr rasch auch zu Erfolgen führen. Es gibt dann aber auch Felder, bei denen wir als KulturwissenschaftlerInnen noch gar nicht wissen, wie wir da konzeptionell und kategorial herangehen sollten. Beispielsweise liegt die nach wie vor spannende, nie gelöste Frage allen am Herzen, wie sich gestalterische Kreativität beschreiben lässt und wenn sie sich beschreiben lässt, wie sie dann unter Umständen, wo sie noch nicht da ist, induziert werden kann. Wir haben jetzt im laufenden Semester beispielsweise eine ständige Hospitation durch eine Kulturanthropologin der Universität Würzburg, die eine Studie über Wissensformen im Design schreibt und GestalterInnen beim Entwerfen begleitet und mit ihnen darüber spricht. So versucht sie praxistheoretisch und zugleich kulturanthropologisch ein Instrumentarium zu entwickeln, um Designprozesse ethnographieren, protokollieren und beschreiben zu können und um dann darüber nachzudenken.

Könnte man demnach sagen, dass Transdisziplinarität – gerade hin zu den Geisteswissenschaften – künftig eine verstärkte, wenn nicht sogar konstituierende Rolle für die Designlehre spielen sollte?

Ja (meine kürzeste Antwort in diesem Interview, aber) Ja!

Was sind Ihrer Meinung nach die Voraussetzungen, um transdisziplinär lernen zu können?

In Weimar an der Fakultät war Interdisziplinarität immer ganz wichtig, wir haben aber immer gesagt, dass Interdisziplinarität Disziplinarität voraussetzt. Das heißt, um sich austauschen zu können, muss man sich im eigenen Haus ganz gut auskennen. Das ist bei der Transdisziplinarität jetzt ein bisschen anders. Natürlich kann Transdisziplinarität nicht bedeuten, dass man drüberfliegt und alles ein wenig im Fluge mal ganz kurz angreift und wieder fallen lässt. Da sind wir hier in der glücklichen Lage, mit KollegInnen aus anderen Bereichen darüber einen Konsens zu haben, auch an anderen Fakultäten. Wir schicken ja unsere Masterstudierenden pflichtmäßig während ihres Studiums an andere Institutionen. Da müssen sie dann an anderen, höheren Bildungseinrichtungen oder Forschungsinstitutionen in gewissem Umfang auch Creditpoints sammeln, indem sie sich da einbringen. Darauf versuchen wir sie natürlich vorzubereiten, indem ich (ich spreche jetzt mal für mich) im ersten Semester des Masterstudiengangs in meinem Seminar zur Wissenschaftstheorie einen allgemeinen Überblick über die Entstehung der Wissenschaftstheorie und deren heutige Diskurslandschaft gebe, wobei es aber in erster Linie darum geht, Bezugswissenschaften zu finden. Wenn beispielsweise jemand seine Vorliebe in der Kognitionspsychologie hat, darin gearbeitet hat und bei uns im Masterstudiengang in der Informationstheorie dazu eine gestalterisch-reflexive und gestalterisch-wissenschaftliche Arbeit schreiben will, dann wird er andere Adressen ansteuern als jemand, der sich mit der Kommunikation über die Zukunft der Pflege in der Bundesrepublik beschäftigt. Wir versuchen da also Anknüpfungen herzustellen, Bezugswissenschaften gemeinsam zu ermitteln und dann Einstiege zu finden. Es sind zudem auch immer politische Themen. Da gilt es dann, dass man sich als StudentIn erst mal einen Überblick darüber verschafft, was Politikwissenschaft eigentlich ist, was es da für Teilbereiche gibt, wo ich am ehesten jemanden finde, mit dem ich mich produktiv über mein Projekt austauschen kann, wenn ich beispielsweise eine Informations-App zur politischen Meinungsbildung in Europa entwickle. Ich habe jetzt ein paar Beispiele genannt, die es tatsächlich auch bei uns so gegeben hat. Und das Großartige daran ist, dass wir die Studierenden natürlich auch nicht nur hinausschicken, sondern dass die dann auch zurückkommen, teilweise auch mit KollegInnen von anderen Einrichtungen. Die Studierenden berichten dann nicht nur uns einzelnen Betreuenden über die Ergebnisse, sondern auch in den fakultätsöffentlichen Kolloquien, wodurch dann tatsächlich ein gelebter Alltag der Transdisziplinarität entsteht. Wir vom Wissenschaftsdepartment versuchen dann immer, das Ganze methodisch möglichst transparent zu machen beziehungsweise es so zu begleiten, dass diese Methodenreflexion auch immer explizit gemacht wird, auf Englisch formuliert: „making it explicit“, dass also das, was man da tut, auch verbalisiert werden kann.

Kompetenzen

Wie würden Sie in diesem Meer an Möglichkeiten, das sich durch eine solche Sichtweise auftut, das Spezialistentum auf der einen Seite mit dem Generalistentum, das sich mitentwickelt, versöhnen? Oder sollten sich DesignerInnen Ihrer Meinung nach auf eine Seite schlagen?

Da sehe ich seit Langem eine überraschende Parallele zwischen PhilosophInnen und GestalterInnen. Mein Lehrer Herbert Schnädelbach in Hamburg hat gerne gesagt: „Als Philosophen sind wir eigentlich die Spezialisten fürs Allgemeine“. Wir können die partikularen Spezialfragen der Philosophie nur dann beantworten, wenn wir uns über deren allgemeine Voraussetzungen und Folgen Gedanken gemacht haben, damit auch halbwegs einen Kompass haben und begründet entscheiden können. Im Grunde ist es mit den GestalterInnen genauso. Einen wertvollen Beitrag zur gesellschaftlichen Verständigung oder einen reflektierten, gut begründeten Beitrag zur Strategiebildung im gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, wissenschaftlichen, kulturellen und auch politischen Miteinander wird man als GestalterIn nur dann leisten können, wenn man nicht nur GestalterIn ist.

Designlehre

Daran sieht man auch, dass sich der Lehre viele neue Herausforderungen stellen, wenn sie DesignerInnen für die Praxis bereit machen soll. Was sind aus Ihrer Sicht momentan die größten Herausforderungen für die Designlehre?

Wenn ich es recht breit und vage formulieren sollte, dann wäre die Herausforderung vielleicht, Studierende dazu zu befähigen, dass sie den Spagat gut aushalten zwischen dem angewandten, auftragsorientierten, gut funktionierenden Arbeiten und dem Aufträge-abarbeiten-Können auf der einen Seite, und dem Wissen, was die Welt braucht, was wichtig ist und auch dafür einzutreten, auf der anderen Seite. Und dass sie nicht irgendwann an den Punkt kommen und sagen: „Okay, ich muss mich jetzt dafür entscheiden, ob ich was Gutes machen will oder ob ich gut leben möchte“. Ich bin da kein Fundamentalist, ich würde auch sagen, dass man sich entscheiden kann. Man kann sich auch sagen, dass unsere Welt in absehbarer Zeit Möbelhaus-Kataloge und Werbebeilagen für Tageszeitungen (solange es Tageszeitungen noch gibt) oder für andere Medien braucht, weil Menschen wissen wollen, wo der Schweinebauch diese Woche am günstigsten ist. Das wird es geben, das ist vollkommen unverächtlich und möglicherweise macht das auch noch Spaß. Man kann auch sagen: „Okay, ich entscheide mich dafür und bin aber immer noch dazu in der Lage, so weit über den Tellerrand zu blicken, dass ich weiß, dass das möglichst kostengünstig sein muss und wenig von Erwartungsroutinen abweichen soll. Ich versuche jetzt aber trotzdem, das ästhetisch verantwortlicher zu gestalten und innovativ in einem Bereich vorzugehen, wo Innovation erst mal Alarmsignale auslöst, ohne riskieren zu wollen, nicht in der Weise wahrgenommen zu werden, wie es die Strategie des Auftraggebers vorsieht“. Damit meine ich, dass eine ästhetische Autonomie der Gestalter und ein ästhetisches kritisches Bewusstsein auch in solchen ganz unspektakulären Bereichen ein kulturell wichtiger Beitrag wäre. Auf der anderen Seite wäre es natürlich auch schön, wenn man sagt: „Okay, ich muss jetzt bis zu einem bestimmten Grad Dinge machen, in denen ich als AutorIn eigentlich nicht gefordert bin, ich möchte aber trotzdem noch gewisse Aufgaben übernehmen können, in denen ich als GestalterIn mündig, auktorial und selbstbestimmt agieren kann“. Das beides zu schaffen und nicht dem Irrglauben zu verfallen, dass man sich endgültig für eines der beiden entscheiden muss, ist, glaube ich, aus meiner Sicht die größte Herausforderung.

Was muss die Lehre demnach auch curricular erfüllen, damit dieser Spielraum, dieser Reflexionsraum gegeben ist?

Das ergebnisoffene Arbeiten in Projekten ist ganz wichtig und auch das Angebot, Projektthemen und Entwurfsaufgaben selbst mitzubestimmen. Das ist wichtig, weil man dann als StudentIn am ehesten in die Situation kommt, einerseits große Ziele zu verfolgen, kulturell wichtige Dinge wertzuschätzen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen und sich politisch und ethisch so richtig reinzuhängen, und das andererseits auf eine Weise zu machen, die realisierbar ist und für die sich Menschen auch interessieren. Ich glaube, dass DesignerInnen da in der Ausbildung oft unsicher sind, aber dennoch ein ganz starkes inneres Gespür dafür haben, was sie selber können, was sie selber möchten und wie sie sich zutrauen, das zu realisieren. Da gehen wir dann nicht hin und versuchen, das von vornherein zu überreglementieren, sondern wir halten uns da sehr ergebnisoffen und versuchen im Gespräch mit den Studierenden möglichst früh auf Augenhöhe über den eigenen Entwurf und die Mittel zur Realisierung zu sprechen. Ich weiß nicht, wie gut ich das selber beurteilen kann, ich habe aber eigentlich den Eindruck, dass das oft auch gelingt.

Das impliziert ja auch, dass die Studierenden ein Stück weit zu durchaus philosophischen, grundsätzlichen Fragen gedrängt werden – weshalb, wozu und warum man etwas macht, oder?

Das tun die ja auch. Das sind die Fragen, auf die man selber wahrscheinlich noch am ehesten kommt. Dann geht es darum, diese Fragen bearbeitbar zu machen, zu operationalisieren, sie auf Arbeitsprogramme herunterzubrechen, die man tatsächlich nicht wegarbeiten kann, sondern die man bearbeiten kann, um dann zu Ergebnissen zu kommen, die man dann wieder an die Ausgangsfrage zurückbindet.

Ethik & Moral

Dabei wird man durchaus auch dazu geführt, die eigenen ethischen und moralischen Hintergründe zu hinterfragen und neu zu formieren. Könnte es wichtig sein, Ethik und Moral beständiger und auch obligatorisch in der Designlehre zu verankern?

Ja, das wäre eine Möglichkeit. Das machen nicht nur Gestaltungsfakultäten zunehmend, sondern auch in den Technikwissenschaften, der Medizin, der Betriebswirtschaft und in vielen anderen Bereichen werden in der letzten Zeit tatsächlich Ethik-Lehrstühle geschaffen, die es so vorher noch nicht gab. Wir bieten jetzt ganz konkret im 6. Semester einen obligatorischen, vierstündigen Philosophiekurs an, in dem ethische und auch andere Themen bearbeitet werden können. Es wird Sie vielleicht nicht überraschen, aber wenn man es freistellt, dann ist die Nachfrage nach ethischen Themen von vornherein besonders groß. Wenn man sich im ersten Semester schon denken müsste: „Oh je, im 6. Semester müssen wir uns mit Kants kategorischem Imperativ beschäftigen“, könnte das den Enthusiasmus vielleicht auch ein bisschen dämpfen. Im fünften Semester sind unsere Studierenden im Praxissemester und sind ein halbes Jahr zum Beispiel in einer Werbeagentur. Wenn die dann zurückkommen, wird doch die eine oder andere ethische und gesellschaftspolitisch hochrelevante Fragestellung von den Studierenden ins Gespräch eingebracht. Und dann kommen wir wieder mit unserem Instrumentenkoffer und zeigen verschiedene ethische Begründungszusammenhänge, bestimmte ethische Modelle und Prinzipien, Ethik, deskriptive Ethik, normative Ethik und so weiter. Dann wird das diskutiert, auch in Arbeitsgruppen der Studierenden. Allerdings nicht nur sklavisch die Erlebnisse aus dem Praxissemester, das wird da auf ein Reflexionsniveau gehoben, das vorher noch nicht da war. Und ich muss sagen, das ist eine Veranstaltung, die guten Anklang findet und in der auch immer ziemlich gute Ergebnisse aus Gruppenarbeiten und Referaten entstehen.

Vielleicht noch ganz kurz zu einem Begriff, den Sie vorhin bereits umkreist haben und in Ihrem Buch „Designtheorie“ erwähnen: das stellvertretende Design, angelehnt an Harald Welzers Transformationsdesign – gemeint ist, nicht nur zu produzieren, sondern auch zu transformieren. Was müsste die Lehre künftig leisten, um dieses stellvertretende Design zu gewährleisten?

Da sind wir in der glücklichen Situation, dass wir das in gewisser Weise schon immer machen. Wir agieren, interagieren und diskutieren mit den Studierenden ja so, als ob es bestimmte Sachzwänge, Reglementierungen, Verkürzungen und Einschränkungen gar nicht gäbe. Und in der Lehre gibt es die ja wirklich nicht. Dieses Ergebnisoffene, von dem ich eben gesprochen habe, ist natürlich etwas, was die Studierenden als Profis (ich formuliere das mal lieber vorsichtig) nicht mehr ganz so häufig haben werden. Und das ist bei uns ja erst mal der Normalfall, das heißt, dieses so Entwerfen, als ob ich mich nicht den Zwängen der Kommodifizierung auch noch unserer Kommunikationsakte unterwerfen müsste, das kann man natürlich in der akademischen Lehre üben und praktizieren wie nirgendwo sonst. Die Idee ist einfach, möglichst nicht nur einen Raum, sondern viele Räume zu schaffen, in denen dieses Erleben vermittelt werden kann. Und was ja zunächst mal jedem und jeder StudentIn intuitiv vollkommen selbstverständlich ist – oder sagen wir mal, was man ohne allzu viel Mühe explizit machen und reflexiv einholen kann –, ist, dass die Ästhetik und die soziale Qualität von selbstbestimmter Kommunikation qualitativ etwas vollkommen anderes ist als das Data-Mining, als die Plattformen, die Kommunikationsmedien anbieten und die durch ihre Medialität die Form der Kommunikation selbst warenförmig machen. Das ist ja intuitiv auch jedem und jeder, die kommunizieren, als Problem bewusst. Und da gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder man wird dann möglichst schnell erwachsen und sagt: „Das kann man nicht ändern, das ist der Lauf der Welt, und was nutzt es hier, zu jammern und zu klagen, ich muss da mit heiler Haut und möglichst größtem persönlichen Gewinn durchkommen“. Diese Art von Erwachsenwerden ist in Wirklichkeit eine Regression. Oder man akzeptiert als Heranwachsender bestimmte Deformationen des sozialen, wirtschaftlichen und politischen Lebens, wie es nun mal ist, einfach nicht. Und diesen Prozess möglichst lange lebendig zu halten, ist eine wichtige Aufgabe, weil nur dann auch die kreativen Potenziale Raum zur Entfaltung finden können. Jetzt muss man natürlich in einer Hinsicht sehr stark aufpassen und Frustrationsresistenz schaffen. Man darf selber nicht idealistisch, postulatorisch auftreten und von den Studierenden erwarten, dass sie einem in dieser Hinsicht nachfolgen (was sie auch gar nicht tun würden). Die Zeiten, wo Studierende so wie ihre Professoren sein wollen, sind vorbei. Das ging schon zu meiner Zeit los, dass man nicht mehr unbedingt ein kleiner Soundso sein, sondern etwas Eigenes machen wollte. Das ist inzwischen auch vollkommen selbstverständlich geworden. Kurzum, da müssen wir Angebote für dieses kritisch normative Mentalreservat schaffen, für das stellvertretende Design: so designen, als ob die Gestaltungsaufgabe sich nicht den Kommodifizierungszwängen, den (etwas hemdsärmeliger ausgedrückt) kolonisatorischen Imperativen der Macht und des Geldes unterwerfen müsste, sondern so, als ob für eine herrschaftsbefreite und herrschaftskritische ästhetische Kommunikation eines gelingenden Lebens kommuniziert und gearbeitet werden würde. Dafür müssen die Freiräume immer größer werden. Gleichzeitig muss aber auch reflektiert und gemeinsam darüber nachgedacht werden, warum das auch nur sehr begrenzt möglich ist. Das meine ich mit Frustrationsresistenz: Dass ich weiß, dass etwas nicht so geht, wie es eigentlich gehen sollte. Wenn man diesem Wie-es-eigentlich-gehen-sollte etwas näherkommen möchte, dann muss man einen mentalen Vorgriff auf einen Zustand und auf Handlungsspielräume machen, die man so noch gar nicht hat.

Das ist aus meiner Sicht ein schönes Schlusswort. Ich bedanke mich vielmals für dieses Interview und für die tiefgreifenden Antworten, die wir bekommen haben.

Vielen Dank für die anregenden Fragen.