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Eberhard Schlag

Eberhard Schlag

Professor für Design im Raum, HTWG Konstanz;
Projektdirektor, Atelier Brückner

Heute führen wir ein Skype-Gespräch Prof. Eberhard Schlag. Er studierte Architektur an der Universität Stuttgart und im Masterprogramm des Institute of Technology in Chicago. Eberhard ist Partner und Mitglied der Geschäftsleitung im Atelier Brückner. Seine Projekte, darunter der Cyclebowl auf der Expo 2000 in Hannover und das BMW Museum in München, wurden mit nationalen und internationalen Awards ausgezeichnet.

Seit 2010 betreut er an der HTWG Konstanz mit dem Fach „Design und Raum“ das interdisziplinäre Lehrgebiet an der Schnittstelle der Studiengänge Architektur und Kommunikationsdesign. In diesem Fach wird in realen Projekten eine umsetzungsorientierte Verknüpfung von Forschung und Lehre in interdisziplinärer Zusammenarbeit an der Hochschule etabliert.

Das Gespräch führte Niklas Münchbach am 11.12.19 per Skype.

Motivation

Du bewegst dich stark im Spannungsfeld zwischen Design und Architektur, sowohl im Job als auch in deiner Lehre. Was motiviert dich, in diesem Spannungsfeld zu arbeiten?

Das ist eine gute Frage. Ich habe keine klassische Karriere hinter mir, bei der ich schon immer genau das machen wollte, was ich heute mache. Ich hatte eigentlich ursprünglich geplant, „klassischer“ Architekt zu werden, Hochhäuser und andere Gebäude auf der ganzen Welt zu bauen, und bin dann durch Zufall in diese Nische gerutscht, die sich zwischen Architektur und Design befindet. Eigentlich bin ich erst durch das Machen und die Arbeit zur Liebe und Leidenschaft für meinen aktuellen Beruf gekommen. Nach einem Kaltstart, bei dem ich da quasi reingestolpert bin, hat mich das nicht mehr losgelassen. Direkt nach dem Studium habe ich zunächst etwas ganz anderes gemacht als das, was ich im Studium gelernt hatte, aber es hat mich sofort total begeistert und fasziniert. Ich habe mich reingedacht, reingearbeitet und am Anfang von vielen Dingen zunächst überhaupt nichts verstanden. Mit der Zeit fand ich immer mehr Gefallen daran, heute will ich nicht mehr darauf verzichten. Ich bereue es nicht, dass ich nicht klassischer Architekt geworden bin, der Hochhäuser baut.

Designbegriff

Das hört sich so an, als wäre es über Zufall der richtige Weg für dich gewesen, auch in Bezug auf deine enge Verbindung zum Design. Hast du einen eigenen, persönlichen Begriff davon, was Design ist?

Es gibt ein paar Punkte, die wesentlich sind aus meiner Sicht: Design unterscheidet sich von Kunst dadurch, dass es angewandt ist. Design darf nie Selbstzweck sein, sonst ist es kein Design mehr. Die Aufgabe von Design ist es, Lösungen für die Herausforderungen unseres Lebens zu entwickeln, dies gilt im weitesten Sinne. Design ist ein weites Feld zwischen Grafikdesign, Produktdesign und Kommunikation im Raum. Design betrifft also alle Lebensbereiche und versucht, für diese Lösungen zu entwickeln und dabei immer Funktion und Ästhetik zu verbinden. Das eine kann nicht ohne das andere funktionieren. Wenn eine Lösung zwar eine Funktion erfüllt, aber ästhetisch keinen Anspruch hat, ist es meiner Meinung nach kein gutes Design. Wenn die Lösung nur schön ist, aber die Funktion nicht erfüllt, auch nicht. Es geht eigentlich immer um beide Aspekte. Design hat immer einen Pflichtteil, zudem sollte es aber immer auch noch die Kür geben. Der Pflichtteil wäre der Lösungsansatz aus Ästhetik und Funktion, den Design leisten muss. Die Kür ist, dass gutes Design noch eins draufsetzt, dass die Arbeit noch einen Überraschungsmoment hat, dass man etwas Neues entdeckt, was man so noch nicht gesehen oder erkannt hat und über das Normale, über den Standard hinausgeht. Das ist für mich, was gutes Design leisten muss.

Das ist ein ziemlich genauer Begriff davon, was für dich zu Design gehört und was nicht. Ist dein Designbegriff feststehend, oder kann er überhaupt final formuliert werden?

Das glaube ich nicht. Das ist die Schwierigkeit gerade im Design. Ich bin ja ausgebildeter Architekt und auch immer noch als solcher tätig. Da ist die Welt ein bisschen einfacher, Architektur ist klar definiert, da gibt es eine Kammer mit bestimmten Regeln und Definitionen, die man erfüllen muss, um den Beruf auszuüben. Im Design ist das nicht so, Design ist ein ungeregelter Berufsstand. Jeder darf sich DesignerIn nennen, jeder darf Design machen und Dinge Design nennen, die im engeren Sinne gar kein Design sind. Daher ist das natürlich mit einer Definition schwierig. Ich glaube nicht, dass es eine allgemeingültige Definition gibt, sondern wahrscheinlich unendlich viele, das ist sicher auch ein Problem von Design.

Gehört der Begriff Kommunikationsdesign für dich implizit zu deinem Designverständnis?

Auf jeden Fall.

Theorie & Praxis

Okay, damit gehen wir weiter in Richtung Theorie und Praxis. Du bist ja in beidem verankert. Wie würdest du das derzeitige Verhältnis zwischen Theorie und Praxis beschreiben?

Mein Eindruck ist, dass sich die beiden Richtungen sehr stark auseinanderentwickeln. Es gibt Designer, die sehr stark im theoretischen Bereich unterwegs sind und da viel arbeiten und forschen. Im Gegensatz dazu gibt es die „Hardcore“-Praktiker. Die machen, wenden Design an und führen oft gar keine intensive theoretische Auseinandersetzung mit Design. Diese Praktiker haben oftmals auch keine eigene Designphilosophie, nach welcher sie arbeiten. Ich erlebe das meistens als zwei voneinander getrennte Welten, zwei Lager in der Disziplin. Natürlich gibt es gelegentlich Leuchttürme, Designer, die sowohl in der Theorie als auch in der Praxis unterwegs sind und in beiden Richtungen arbeiten, das sind allerdings sehr wenige.

Du beobachtest also momentan keinen besonders starken Einfluss der Designtheorie auf die Praxis, sondern eher, dass die beiden Bereiche in entgegengesetzte Richtungen schwimmen?

Es ist die Frage, was man unter Designtheorie versteht. Wenn man ganz weit unten anfängt, besteht die Designtheorie aus verschiedenen Designmethoden, wie das Design Thinking und andere Basismethoden, die jede DesignerIn auch schon im Studium kennenlernt und implizit oder explizit anwendet. Bei einem solchen Verständnis würde ich behaupten, dass die Theorie eine breit verankerte Basis darstellt, auf die Designer zurückgreifen. Nur sehr wenige begreifen Design aber als Disziplin, die eine entscheidende Rolle hat, unsere Gesellschaft mitzuprägen, in der sich so viele Dinge gleichzeitig verändern. Eine Disziplin, die immer wieder hinterfragt, weiterdenkt und dadurch einen theoretischen Ansatz oder Diskurs anstößt, über die angemessenen Mittel und Methoden, auf diese Veränderungen zu reagieren.

Wäre es aus deiner Warte wünschenswert, diese Form der Theorie stärker mit der Praxis zu verschränken?

Auf jeden Fall, ich glaube, dass es beides braucht. Es gibt immer viele Gründe, weshalb man das nicht tut. Weil man es sich beispielsweise gemütlich gemacht hat, der Laden auch so läuft, man viele Aufträge hat oder keine Zeit findet. In Situationen und Krisen, in denen sich dann aber die Konjunktur verändert und die Auftragssituation schlechter wird, fängt man wieder an, über Sachen nachzudenken und Dinge zu hinterfragen. Manchmal kann dieses Hinterfragen von sich selbst und der eigenen Disziplin sehr heilsam sein.

Wie siehst du die Situation deiner Disziplin gerade? Was kannst du in deinem Arbeitsalltag beobachten?

Man merkt, dass die Konkurrenz immer größer wird und es in unserem Bereich in den letzten Jahren immer mehr GestalterInnen gibt, die auch das machen, was wir bisher gemacht haben. Vor 25 Jahren haben wir eine Nische besetzt und waren damit auch erfolgreich. Mittlerweile ist es keine Nische mehr, viele versuchen dieses Feld Kommunikation im Raum zu besetzen. Wir merken, dass sich eine viel größere internationale Konkurrenz entwickelt hat, auf die man natürlich reagieren muss.

Welche Chancen und Risiken ergeben sich aus dieser Lage?

Wir sind trotzdem noch in einer relativ guten Situation, für die klassischen Kommunikationsdesigner sind die Veränderungen noch sehr viel größer. Das kommt daher, dass viele gestalterische Aufgaben, für die man vor ein paar Jahren noch einen Kommunikationsdesigner benötigt hat, heute durch die richtigen Tools auch von Laien in ein paar Minuten selbst gemacht werden können. Auch komplexere Gestaltungsaufgaben werden zunehmend von künstlicher Intelligenz übernommen. Daher müssen wir uns als Designer wieder ganz stark auf unsere Kernkompetenzen wie das Entwickeln von Konzepten besinnen. Wir müssen Problemlösungen erarbeiten, auf die eine KI erst mal nicht kommt. Die künstliche Intelligenz kann zwar Dinge relativ gut wiederholen, aber nicht hinterfragen und weiterdenken. Wenn wir konzeptionell und nicht nur handwerklich an Aufgaben herangehen, werden uns die Aufgaben nicht ausgehen.

Ein Risiko besteht also in der Demokratisierung von Tools, und auch künstliche Intelligenz hast du gerade genannt. Ergeben sich aus dieser Lage auch Chancen für das Design?

Dieser Themenkomplex wird ganze Branchen grundlegend verändern, die Automobilindustrie ist beispielsweise eine Industrie, die sehr stark von diesem Umbruch betroffen ist. Ich glaube, dass wir da als GestalterInnen mit unserer Kompetenz, unseren Design-Thinking-Methoden und unserem konzeptionellen Beratungsansatz durchaus in Felder vorstoßen können, in denen wir vorher noch nicht tätig waren. Mein Bruder zum Beispiel ist klassischer Produktdesigner und macht mittlerweile 90 % Beratung. Produktdesign im herkömmlichen Sinne ist dabei nur noch eine Randerscheinung. Strategische Beratung, Unternehmensentwicklung und strategische Produktentwicklung spielen heutzutage eine viel größere Rolle. Ich glaube, da können wir mit unseren Methoden und unserer Art zu denken in ganz neue Felder vorstoßen. Wir lieben natürlich das Gestalten und das Machen von schönen Dingen, doch das wird tatsächlich nur noch ein Teil der Aufgaben sein, mit denen wir uns in Zukunft auseinandersetzen werden.

Mittel & Methoden

Design Thinking ist also eine der Methoden, durch die wir als DesignerInnen weiterhin Einfluss nehmen können. Mit welchen anderen Methoden können wir den Risiken durch die Demokratisierung von Tools begegnen?

Wo wir erfolgreich sind und woran ich glaube, ist, dass man sich möglichst breit aufstellen sollte. Die vorhin genannte Automobilindustrie hat auch radikale Auswirkungen auf unsere Branche. Die ersten Agenturen haben bereits Konkurs angemeldet und auch unser Bereich, die Gestaltung von Markenräumen ist betroffen. Wenn eine solche Schlüsselindustrie auf einmal einsparen muss, hat das sofort und eins zu eins Auswirkungen auf uns als DesignerInnen. Um dem entgegenzuwirken, hilft es, sich möglichst breit aufzustellen und in unterschiedlichen Feldern interdisziplinär tätig zu sein. Man sollte nicht nur auf ein Pferd setzen und nicht nur eine Richtung verfolgen, sondern international agieren. Wir sind schon seit vielen Jahren in Projekten auf der ganzen Welt tätig, das hat uns schon mehrfach das Leben gerettet. Wenn die Konjunktur in Deutschland runtergeht, heißt das noch lange nicht, dass es im asiatischen oder arabischen Raum genauso ist. Wir müssen daher geistig viel flexibler und offener sein, in solche Märkte offensiv vordringen und Felder erschließen, die auf den ersten Blick schwierig und kompliziert erscheinen. Es ist gerade in solch schwierigen Zeiten extrem wichtig, in neuen Feldern zu agieren, um erfolgreich zu sein.

Du hast gerade gesagt, dass Interdisziplinarität heute eine essenzielle Rolle spielt, um überhaupt wettbewerbsfähig zu bleiben. Sollte Inter- oder Transdisziplinarität dementsprechend eine größere Rolle in der Designlehre einnehmen?

Ja, davon bin ich ein großer Verfechter. Außer Illustrator fällt mir kein Beruf mehr ein, bei dem man als Designer als One-Man-Show mit einer Kompetenz noch erfolgreich sein kann. Jetzt wissen wir allerdings alle, dass der Markt für Illustratoren auf der Welt begrenzt ist. Im digitalen, medialen und räumlichen Bereich oder aber auch bei der Entwicklung neuer Technologien merken wir als Designer relativ schnell, dass wir immer nur einen Teilaspekt abdecken können. Wir brauchen immer Partner, mit denen wir zusammenarbeiten, um eine vollständige Lösung anbieten zu können. Dabei meine ich nicht mal explizit die Umsetzung, sondern auch die Entwicklung des richtigen Lösungsansatzes. Heutzutage braucht man ganz automatisch den Informatiker oder auch mal den Philosophen dazu, je nachdem, mit welcher Aufgabe man es zu tun hat. In meiner Ausbildung als Architekt wurde behauptet, dass wir alles können und wir niemanden brauchen. Uns wurde gesagt, wir wären in der Lage, jedes Problem selbstständig zu lösen. Daran glaube ich nicht. Ich glaube, dass heute Lösungen immer nur im Team entwickelt werden können. Hierfür ist es wichtig, zu verstehen, wie andere Disziplinen ticken und arbeiten, dabei gut zuzuhören und dies in die Lösungsentwicklung mit einfließen zu lassen.

Das sind also die Voraussetzungen, die für transdisziplinäres Lernen erfüllt sein müssen. Konntest du noch andere Dinge beobachten, die gegeben sein sollten, damit eine solche Form der Lehre gut funktioniert?

Das Entscheidende ist dabei, dass man es schafft, sich aufeinander einzulassen und die anderen Disziplinen als wichtig und vollwertig zu erkennen. Als Designer den Programmierer nur als umsetzende Instanz einer App zu betrachten, ist der falsche Ansatz. Es geht darum, zu reflektieren, wie man selbst und im Gegensatz dazu der Arbeitspartner an Aufgabenstellungen rangeht. Diese Methoden dann auch übereinanderzulegen und zu schauen, was für die zu lösende Aufgabe der richtige Ansatz ist. Das Voneinander-Lernen scheint mir extrem wichtig zu sein. Wir müssen zusammenarbeiten. Damit das gelingt, müssen wir verstehen, wie andere Disziplinen denken und funktionieren und dabei eine gemeinsame Arbeitsweise finden. Das ist elementar.

Glaubst du, dass die Voraussetzungen, die du gerade genannt hast, hier an der HTWG erfüllt sind, oder ist da noch Luft nach oben?

Ich glaube, da ist überall noch Luft nach oben. Die Ausbildung ist bei uns sicher an einigen Punkten noch relativ klassisch, die Grundlagenvermittlung besteht beispielsweise aus ziemlich enger Projektarbeit. Ich sage nicht, dass das per se schlecht ist, aber ich glaube, die Lehre sollte sich permanent verändern, hin zu problemorientiertem Lernen und Arbeiten. Projekte sollten keinen klaren Fahrplan und vorher definierten Output haben, sondern sehr offen sein, um auf ganz unterschiedliche Lösungen zu kommen. Das könnte noch viel stärker ausgeprägt sein. Dabei wäre es schön, wenn das interdisziplinäre Arbeiten, welches bereits in Ansätzen funktioniert, selbstverständlicher werden würde. Man sollte sich für das jeweilige Projekt die passenden Kompetenzen zusammensuchen können und nicht nur auf die Hilfe des Professors setzen, welcher ja auch nicht bei jeder Problemstellung behilflich sein kann. Ich glaube, da braucht es noch viel mehr Offenheit.

Kompetenzen

Welche Schlüssel- und Kernkompetenzen brauchen wir heute aus deiner Sicht als DesignerInnen, um auf dem Arbeitsmarkt bestehen zu können?

Da glaube ich an zwei Dinge. Wir müssen uns zum einen als Gestalter und Konzepter verstehen, die genau die passenden Lösungen für das jeweilige Problem entwickeln können. Da sehe ich in erster Linie gar keine technologische Kompetenz, sondern eher die gestalterischen Grundlagen. Man muss Dinge sehen und erkennen, dazu gehört auch das Erkennen von Problemen, man muss denken lernen und Lösungen entwickeln können. Dazu kommt dann noch die klassische Grundausbildung über Proportionen, Farbe, Linie und Raum. Das hat sich seit dem Bauhaus nicht wesentlich verändert. Würde man die Lehre des Bauhauses heute noch anwenden, würde man immer noch gute DesignerInnen ausbilden. Das sind die Grundlagen, die wir brauchen, um als GestalterInnen richtige und gute Gestaltung machen zu können. Zum anderen hilft es einem als BerufseinsteigerIn, wenn man eine Sache besonders gut kann. Man braucht zwar diese fundierte Grundausbildung und sollte ein guter Gestalter sein, aber wenn man etwas besser kann als andere, hilft das enorm. Das ist oft ein Einstieg in ein erfolgreiches Berufsleben. Ich würde nicht sagen, dass man bestimmte Programme oder Techniken kennen muss. Ich unterrichte seit zehn Jahren und all das, was wir im Programmbereich vor zehn Jahren unterrichtet haben, ist heute nahezu irrelevant. Keiner arbeitet mehr mit QuarkXPress, programmiert DVDs oder macht Flash-Animationen. Das ist aber noch nicht so lange her. Heute gibt es einen großen Hype mit VR oder AR, aber keiner weiß, wie sich das weiterentwickeln wird. Daher denke ich nicht, dass das Dinge sind, die man alle können muss. Ich glaube, wir brauchen diese gestalterische und konzeptionelle Grundausbildung, das kann auch ganz ohne Technologie funktionieren. Zudem ist es gut, eine Sache besser zu beherrschen als andere, um erfolgreich einsteigen zu können. Der Rest ergibt sich dann.

Designlehre

Welche Herausforderungen siehst du momentan noch – außer der Ausbildung von Universalisten mit einem Spezialgebiet?

Es gibt viele Herausforderungen. Ich bin kein großer Freund davon, dass man immer jünger und schneller studiert, den Bachelor durchzieht und dann sofort den Master dranhängt, damit man mit 22 Jahren den Abschluss hat. Davon halte ich wenig, dennoch ist der Trend da, dass man immer früher sein Abitur macht. Heute ist es kein Standard mehr, zwei Jahre durch die Welt zu ziehen, bevor man anfängt zu studieren. Ich glaube, das Studium ist eine Schule des Lebens, die Persönlichkeiten entwickeln muss. Dabei darf man Schule nicht wie die Grund- und weiterführenden Schulen verstehen. Das Studium fordert viel mehr Eigenständigkeit und hat das Ziel, am Ende mit dem Master eine Gestalterpersönlichkeit zu entlassen, die eine eigene Position vertritt, eine eigene Haltung hat, im Leben steht und entsprechend auftreten kann. Dabei ist egal, ob sich die AbsolventIn selbstständig macht oder in einem Agenturumfeld arbeitet. Ich glaube nicht, dass das gelingt, wenn man die Schule fertigmacht und dann in einem Zug durchstudiert. Man hat dann zwar den Master in der Tasche, ist aber meiner Meinung nach keine Designerpersönlichkeit. Mit einer solchen Haltung wird man in einer Agentur eher in der ausführenden Rolle bleiben und nicht so schnell nach oben kommen. Deshalb ist es wichtig, sich Zeit zu nehmen, Pausen zu machen, andere Dinge zu tun, zurückzutreten von der eigenen Arbeit und diese von außen zu betrachten, ins Ausland zu gehen, eine andere Hochschule zu besuchen, ein Jahr etwas ganz anderes zu unternehmen oder eine Reise anzutreten. Das sind alles Dinge, die für uns Gestalter extrem wichtig und prägend sind, genauso wichtig, wie das eigentliche Studium und das Erfüllen von Aufgaben.

Ethik & Moral

Unsere letzte Frage kommt aus der Beobachtung, dass das Thema Ethik und Moral bei den Studierenden eine immer wichtigere Rolle einnimmt. Wie sollten wir in der Designlehre mit diesem Thema umgehen?

Ich halte das Thema für extrem wichtig, denn unsere Vorstellungen von Ethik und Moral wurden in den letzten Jahren über den Haufen geworfen. Wenn man beobachtet, was in Amerika mit Trump, in Russland mit Putin oder mit der Manipulation von Information und Daten passiert, wird einem bewusst, dass es sich dabei um ein Riesenthema handelt, welches aus meiner Sicht noch viel zu wenig bearbeitet wird. Wir sind dabei momentan passive Zuschauer und stehen staunend vor Dingen, die sich in einer extremen Geschwindigkeit verändern, ohne Lösungen dafür zu haben. Dabei geht es um Kommunikation, es geht um viele Tools, die wir als Designer prägen und beeinflussen. Wir sollten daher mitdiskutieren und dazu beitragen, dass neue Regeln und Standards entwickelt werden. Wenn das nicht geschieht, glaube ich, dass wir in eine sehr sonderbare Zukunft blicken, in der alles, was wir noch an Moral und Wertvorstellungen mitbekommen haben, irgendwann komplett zur Disposition steht. Solche Situationen gab es ja schon häufiger in der Geschichte und eigentlich wollen wir das alle nicht wieder erleben. Insofern glaube ich, dass dieses Thema extrem wichtig wäre, mit dem man sich gerade an einer Designhochschule auseinandersetzen sollte. Erst mal grundlegend, aber dann auch aktiv gestaltend, um die Gesellschaft in eine positivere Richtung zu verändern.

Super, das war ein schönes Schlusswort. Ich bedanke mich recht herzlich bei dir für das Interview.

Bitte, gerne.