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Daniel Hornuff

Dr. Daniel Hornuff

Professor für Theorie und Praxis der Gestaltung, Kunsthochschule Kassel

Heute sind wir an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe zu Gast bei Daniel Hornuff. Nach seinem Grundstudium der Theaterwissenschaft, Germanistik und Komparatistik an der Universität Leipzig studierte er von 2005 bis 2007 Kunstwissenschaft und Philosophie an der HfG Karlsruhe. 2013 habilitierte er sich im Fach Kunstwissenschaft mit der Arbeit „Pränatalismus. Figuren des Ungeborenen und die Kultur der Schwangerschaft“, einer kultur- und designgeschichtlichen Untersuchung der Schwangerschaft.

In der Zwischenzeit war er Vertretungsprofessor für Medientheorie und Kunstwissenschaft an der HfG Karlsruhe und hatte die kommissarische Leitung des Theoriebereichs inne, mit dem er auch das Verbundprojekt „Gegenwartsästhetik“ initiierte. Kürzlich hat er den Ruf an die Kunsthochschule der Universität Kassel angenommen, wo er den Lehrstuhl für Theorie und Praxis der Gestaltung innehat. Nach eigener Aussage haben der interdisziplinäre Ansatz und die enge Verbindung von Theorie und Praxis an der HfG Karlsruhe seine Denkweise geprägt – was sich sicherlich auch auf seine Arbeit in Kassel auswirken wird.

Das Gespräch führte Dominik Volz am 12.10.19 an der HfG Karlsruhe.

Motivation

Ist es das Arbeiten in eben dieser Schnittstelle zwischen Theorie und Praxis, das Sie in Ihrer Forschung zu Gestaltung motiviert? Denn irgendwo muss ja etwas sein, das Sie reizt.

Das ist zunächst einmal aus der Bedingung zu erklären, dass sowohl hier in Karlsruhe, als vor allem auch in Kassel Theorielehrstühle in Praxisstudiengänge integriert sind. In Karlsruhe ist es noch etwas stärker getrennt, hier gibt es die Praxisbereiche Ausstellungsdesign und Szenografie, Medienkunst, Kommunikationsdesign und Produktdesign und daneben einen Theoriebereich, der vor allem aus Kunstwissenschaften und Philosophie besteht. Während meiner Zeit in Karlsruhe war das Bestreben, diese beiden Bereiche zusammen zu bringen – also Studierende aus Kommunikationsdesign oder Produktdesign für Theorielehrveranstaltungen zu begeistern und ihnen ein Theorieangebot zu machen. In Kassel ist das bereits enger verknüpft, da der Lehrstuhl für Theorie und Praxis der Gestaltung in den Studiengang Produktdesign integriert ist. Man arbeitet also unmittelbar mit den Kolleginnen und Kollegen der Praxisfächer zusammen und hat fast ausschließlich mit Studierenden der Praxisfächer zu tun.

Designbegriff

Als Kommunikationsdesigner sind wir bisher vor allem dann mit der Theorie in Berührung gekommen, wenn es um den Designbegriff ging – und haben festgestellt, dass sich dabei ein sehr breites Spektrum auftut. Wäre es Ihnen möglich, Ihren persönlichen Designbegriff in Kürze zu erläutern?

Es ist schön, dass Sie die größte Frage gleich zu Beginn stellen. Eine Frage, die – wie ich finde – auch nicht abschließend zu beantworten ist. Design ist ein Feld, das sich vor allem aus verschiedenen Gestaltungspraktiken zusammensetzt. Wir denken dabei zunächst an industrielle Gestaltungen wie Verpackungsdesign, Produktdesign oder Warendesign. Aber es geht natürlich auch um Designfragen, die beispielsweise uns selbst betreffen. So etwas wie die ästhetisch-plastische Chirurgie, wo es mehr oder minder darum geht, den Körper zu gestalten und zu designen, ist für mich auch unter einer designtheoretischen Perspektive zu verhandeln. In der Auseinandersetzung mit diesen Gestaltungsphänomenen versuche ich den Designbegriff zu schärfen. Ich habe keinen feststehenden Designbegriff und sage dann, was darunterfällt oder sich nicht unter ihm subsumieren lässt. Vielmehr führt die Beschäftigung mit Beispielen und Phänomenen dazu, dass man den Begriff schärft.

Daraus ergibt sich letztendlich auch der Wert der Beschäftigung mit dem Begriff respektive die Relevanz des Diskurses.

Ja. Es ist ein Umgang mit einem Begriff, der nicht in der Weise abstrakt ist, als dass es eine rein logozentristische Auseinandersetzung wäre. Man versucht also nicht den Begriff als Begriff zu definieren, sondern setzt sich mit konkreten Beispielen auseinander und versucht daraus einen Begriff zu entwickeln. Man könnte es als ein Bottom-up-Prinzip beschreiben – zumindest habe ich das in meinen Arbeiten und meinen Büchern immer versucht; also nicht von einem abstrakten Begriff auf die Phänomene zu schließen, sondern von den Phänomenen zu den Begriffen zu kommen.

In Kassel haben Sie nun einen Lehrstuhl im Bereich Produktdesign angetreten. Würden Sie sagen, dass sich unter Ihrem Verständnis von Design auch das Kommunikationsdesign subsumieren lässt?

Es ist ja ein alter Streit, inwiefern das Produktdesign vom Kommunikationsdesign abzugrenzen ist. Einige sagen, dass Kommunikationspraktiken auch immer mit Produkten einhergehen, ich also Produkte in den Umlauf bringen muss, um überhaupt kommunizieren zu können. Andere sagen, dass Produkte herstellen auch immer kommunizieren bedeutet. So könnte das Produktdesign auch eine Form von Kommunikationsdesign sein. Und umgekehrt ist vielleicht das Kommunikationsdesign auch immer auf Produktdesign angewiesen. Ich tue mich etwas schwer in der Abgrenzung dieser beiden Bereiche, weil beide Felder auf Phänomene und Praktiken des jeweils anderen Feldes angewiesen sind.

Theorie & Praxis

In Ihren Publikationen arbeiten Sie bisweilen mit abstrakten Begriffen wie dem „Gedankendesign“. Wie ordnen Sie diesen Begriff in den Kontext des Designdiskurses ein?

Sie spielen auf eines der Bücher an, das sich mit Denken designen und der Inszenierung von Theorie beschäftigt hat. Es ging mir ganz einfach um die Frage, inwiefern Theorien, wenn sie öffentlich dargestellt, sichtbar gemacht und kommuniziert werden, auch immer in Form gebracht werden. Der zugrunde liegende Gedanke ist, dass man einen Inhalt nicht von seiner Form trennen kann. Folglich muss ich mir auch immer Gedanken über die Form der Veröffentlichung machen, wenn ich einen Inhalt herstelle. Entwickeln wir hier im Gespräch einen Gedanken oder eine These, dann tun wir das in Form eines Interviews. Wenn ich das in einer anderen Form machen würde, beispielsweise in einem Vortrag, wäre nicht ausgeschlossen, dass ein ganz anderer Gedanke und eine ganz andere These hervorgingen. Insofern würde ich die Form als ganz entscheidend für den Gedanken sehen, der aus ihr hervorgeht. Im angesprochenen Fall habe ich das auch wieder sehr konkret erforscht: Ich habe Texte von Philosophinnen und Philosophen untersucht und diese nicht hinsichtlich ihrer inhaltlichen Ausrichtung betrachtet, sondern gefragt, welches Design diesen Produkten eigentlich zugrunde liegt und wie sie versuchen, den Gedanken in Form zu bringen und ihm Gestalt zu geben.

Diese Konkretisierung ist für uns natürlich sehr greifbar. Nehmen Sie wahr, dass dieses Konkretisieren im Diskurs immer häufiger stattfindet?

Ich glaube, es finden zwei Dinge statt: Auf der einen Seite findet eine Konkretisierung in der Weise statt, dass tatsächlich stärker von Praxisbeispielen und -phänomenen ausgehend gearbeitet wird. Ich beobachte aber auch – und das ist etwas, das ich durchaus bedenklich finde – eine Tendenz, die sich von den Gegenständen und Objekten löst, und im Grunde genommen versucht, eine autonome oder eigenständige Designtheorie zu konturieren. Dort fällt es mir in vielen Fällen sehr schwer nachzuvollziehen, auf welcher Grundlage eigentlich eine Theorie entwickelt wird, beziehungsweise woraus sich der Anspruch auf eine eigenständige Theorie tatsächlich ableitet. Ich habe bei vielen Designtheorien den Eindruck, dass sie zwar Designtheorien heißen, im Kern aber auf Theoriemodelle zurückgreifen, die gar nicht aus dem Design kommen, sondern beispielsweise aus der Kunstgeschichte, der Stilgeschichte, der ästhetischen Theorie oder aus der Sprachwissenschaft und der Sprachsemiotik. Es werden Modelle und Erklärungsweisen aus anderen Wissenschaftsbereichen auf Designphänomene angewandt und am Ende nicht klargestellt, dass eine Art Transfer gemacht wurde. Vielmehr wird es als eine eigenständige, neue Theorie beschrieben, obwohl diese dann den Anspruch, eine wirklich autonome Theorie zu sein, gar nicht einlösen kann. Mit einer designtheoretischen Diskussion, die in dieser Weise geführt wird, stehe ich durchaus in einem Konflikt. Und als umso wichtiger empfinde ich es, dass man aus den Phänomenen und Beispielen heraus arbeitet, wenn man theoretisch über Design nachdenkt.

Wenn wir in diesem Kontext von Phänomenen und Beispielen sprechen, kann man dann auch von Praxis sprechen? Kann man also formulieren, dass die Theorie sich auf eine Praxis beziehen muss?

Das kann man in einer doppelten Weise. Zum einen genau so, wie Sie es andeuten, nämlich, als dass die Theorie sich auf eine Praxis bezieht. Man könnte sagen, dass es keine Literaturwissenschaft gäbe, wenn es keine Literaturpraxis gäbe. Genauso wenig gäbe es eine wissenschaftliche oder theoretische Beschäftigung mit Design, wenn es keine Designpraxis gäbe. Das heißt, dass die Praxis notwendige Voraussetzung der theoretischen Reflexion ist. Nun ist es aber auch so, dass die Theorie selbst wieder eine Praxis ist; nämlich eine gedankliche, eine theoretische, eine wissenschaftliche und eine sprachliche Praxis. Und das ist etwas, das mich eben auch interessiert. Deswegen ist auch das Buch über Denken designen entstanden, in dem ich versuche die These zu vertreten, dass die Trennungen zwischen Theorie und Praxis oder vice versa gar nicht so stark oder groß sind. Vielmehr argumentiere ich dafür, dass in der Praxis häufig selbst eine Theorie begründet liegt, und dass die Theorie auch wieder eine Praxis darstellt und im buchstäblichen Sinne verkörpert.

Wirkt die Designtheorie auch in einer gewissen Weise auf die Designpraxis zurück?

Einen Einfluss auf die Praxis auszuüben ist sicherlich eine Hoffnung vieler Theoretikerinnen und Theoretiker. Ich bin mir häufig gar nicht so sicher, ob das tatsächlich passiert. Wenn wir uns beispielsweise literaturwissenschaftliche Debatten anschauen, dann hat man selten den Eindruck, dass sich Schriftstellerinnen und Schriftsteller davon beeindruckt zeigen. Gleichwohl reagieren viele natürlich auf die Diskurse, die geführt werden. Im Verhältnis von Kunstwissenschaft und künstlerischer Praxis verhält sich das ganz ähnlich. Auch dort ist die wissenschaftliche Reflexion gegenüber der Praxis ein sehr eigenständiges Feld; man hat nicht das Gefühl, dass Künstlerinnen und Künstler auf das reagieren, was in den Wissenschaften ausformuliert wird. Und entsprechend könnte man vielleicht auch das Verhältnis zwischen Designpraxis und Designtheorie beschreiben. Gegebenenfalls müsste man dort aber noch einmal unterscheiden, schließlich gibt es ja durchaus auch eine Theorie, die ganz stark anwendungsbezogen ist; die in der Weise gelehrt wird, dass Designpraktikerinnen und -praktiker durch Theorie ihre Praxis diversifizieren, und vielleicht sogar effektivieren und verbessern können. Das wäre aber eine andere Form respektive ein anderer Begriff von Theorie. Für mich wäre Theorie erst einmal etwas, das nicht darauf schielt, ob es einen Einfluss auf die Praxis ausüben kann. Das heißt nicht, dass dieser Einfluss ausgeschlossen ist, aber es sollte nicht das vorrangige Interesse der Theorie sein, diesen Transfer in die Praxis hinein zu organisieren.

Mittel & Methoden

Können Sie sich für Ihre Gestaltungsforschung an Mitteln und Methoden aus den Kunstwissenschaften bedienen? Oder sehen Sie dort auch eher eine Transferarbeit, die in einen Übergang mündet?

Das ist eine interessante Frage, über die ich selbst nachdenke. Ich habe in den Kunstwissenschaften studiert, promoviert und in ihnen habilitiert, ohne die harten kunsthistorischen Themen oder Phänomene bearbeitet zu haben. Ich habe eigentlich schon immer versucht, mir angrenzende Bereiche zu erschließen. Kulturgeschichte der Schwangerschaft, politisches Theater, Musikvideos… Ich habe versucht, das Methodeninstrumentarium, das die Kunstgeschichte oder die Kunstwissenschaft bietet, auf andere, neue Felder anzuwenden. Und beim Design scheint mir das ganz ähnlich zu sein. Deswegen bin ich auch so skeptisch gegenüber einer Designtheorie, die ihre eigenen epistemischen Herkünfte vergisst – und sie nicht transparent macht. Denn mir scheint, dass ganz vieles, was in der Kunstwissenschaft ausgeprägt wurde, im Grunde genommen schon eine umfassende Designtheorie begründen könnte. Denken wir beispielsweise an so etwas wie Stilanalyse, also, dass man sich vor allem auf das Formvokabular von Dingen konzentriert, dann ist das etwas, das ich ganz nah an designpraktischen Phänomenen sehe. Oder wenn man historisch an die Anfänge der Kunstgeschichte im 19. Jahrhundert zurückdenkt, als sie institutionalisiert wurde, dann erschließt sich die Kunstgeschichte eigentlich als eine Art breite Designtheorie. Damals hat man nicht nur versucht, Kunstgegenstände zu analysieren, sondern eigentlich alle ästhetischen Phänomene des Alltags. Deswegen ist es mir durchaus wichtig, die Methoden dieses Fachs auf andere Bereiche zu transferieren.

Haben Sie auch über die Kunstwissenschaften hinaus festgestellt, dass man sich Methoden eines anderen geisteswissenschaftlichen Bereichs bedienen oder sich von ihnen inspirieren lassen kann?

Muss man. Wenn ich mich mit einem Designobjekt beschäftige, ich also beispielsweise versuche, eine Warenästhetik zu analysieren, dann muss ich zunächst klären, mit was ich es eigentlich zu tun habe. Ich würde feststellen, dass es kein autonomes Objekt, sondern vielmehr in einen kapitalistischen oder in einen Konsumkontext integriert ist. Ich bin also sofort mit Feldern konfrontiert, zu denen ich andere Wissenschaften hinzuziehen muss, um sie mir überhaupt erschließen zu können; zum Beispiel Erkenntnisse der Soziologie über Bedürfnisse von Menschen, diese und jene Konsumakte durchzuführen. Oder ich interpretiere die Warenästhetik eines käuflichen Produkts als Medium, das mir eine Botschaft übermittelt. Ich verbinde also nicht nur eine Funktion mit diesem Objekt, sondern auch ein bestimmtes Versprechen oder eine Fiktion. So hat es unter anderem der Kulturwissenschaftler Wolfgang Ullrich definiert. Er stellt fest, dass Objekte neben ihrer Funktion auch immer eine Fiktion besitzen. So gesehen muss man diese Objekte dann auch als Medien interpretieren und fast medienwissenschaftlich mit ihnen umgehen.

Designlehre

Auch wenn Sie bereits ausgeführt haben, dass Ihre erste Prämisse beim Betreiben von Theorie nicht unbedingt der Transfer in die Praxis ist: Würden Sie trotzdem sagen, dass die genannten Theoriefelder eine – vielleicht sogar größere – Rolle in der Lehre spielen sollten?

Man kann sich immer schnell darauf einigen, dass sie eine verstärkte Rolle spielen sollen. Es gilt aber zu definieren, welche Rolle sie tatsächlich spielen sollen. Und dabei wäre es mir wichtig klarzustellen, dass die Theorie keine dienende Wissenschaft und auch kein dienendes Angebot ist. Sie soll nicht nur eingesetzt werden, um der Praxis einen besseren Vollzug zu ermöglichen. Man müsste vielmehr etwas finden, das Theorie und Praxis eigenständig agieren lässt und trotzdem produktive Schnittpunkte ergibt. Ich erlebe in meinen Lehrveranstaltungen immer wieder, dass das gut funktioniert. Praktikerinnen und Praktiker zeigen dort ein ganz intuitives Interesse an Theorie – ohne sich zu fragen, welchen Mehrwert das für ihr eigenes praktisches Tun hat, sondern um sich noch einmal auf eine andere, theoretische Weise mit den Gegenständen zu beschäftigen.

Konnten Sie bei Studierenden beobachten, dass diese theoretische Beschäftigung zu einer veränderten Designpraxis geführt hat?

Ich würde nicht so weit gehen zu sagen, dass die Theorie zu einer veränderten Designpraxis führt. Eigentlich will ich ausbrechen aus der Verwertungslogik, dass aus einem theoretischen Angebot ein dezidierter Output entsteht. Für mich ist zunächst die Arbeit als solche wichtig; dass man sich in einer möglichst differenzierten, theoretisch reflektierenden Weise mit Objekten und Phänomenen beschäftigt. Was dabei herauskommt, ergibt sich nicht aus der Arbeit selbst, sondern ist vielleicht eine Frage, die man anschließen kann. Zunächst ist mir wichtig, dass überhaupt eine derartige Arbeit stattfindet – und dass sie erst einmal völlig ergebnisoffen ist. Zwar muss in den meisten Fällen eine Hausarbeit geschrieben oder ein Referat gehalten werden, aber das sind eher formale Fragen. Zunächst soll es darum gehen, überhaupt einen Raum zu schaffen, in dem solch eine Form von Auseinandersetzung möglich ist.

Ist es eine Herausforderung für die Lehre, diese Räume zu schaffen, und sind die Mindsets der Studierenden so, dass sie nicht ergebnisorientiert, sondern vielmehr ergebnisoffen mit vielleicht auch abstrakterer Fragestellung umgehen können?

Sie bringen ja schon selbst den Begriff der Herausforderung – und ich empfinde es auch tatsächlich als Herausforderung, weil dieser Raum nicht gegeben ist. Er besteht nicht einfach so, sondern muss erzeugt oder erschaffen werden. Man muss einer solchen Auseinandersetzung einen Rahmen geben. Ich erlebe bei vielen Studierenden, dass sie ein ganz starkes Bedürfnis haben, etwas zu erfahren, also ihr Wissensreservoir aufzufüllen. Das würde sich dann eher in einer konfrontativen Lehrsituation ausformulieren: Jemand erzählt, viele andere hören zu. Das ist aber nicht meine Vorstellung einer theoretisch produktiven Auseinandersetzung. Es sollte vielmehr darum gehen, dass sich alle gleichberechtigt beteiligen und ihre Sicht der Dinge in das Thema einbringen können. Und dass man auf Grundlage dieses Einbringens der jeweiligen Sichtweisen etwas Neues entwickelt.

In der Vergangenheit haben Sie die Transdisziplinarität als eine Stärke der HfG Karlsruhe hervorgehoben. Sind die Berührungspunkte mit anderen Bereichen zuträglich oder gar ein Muss für eine gute Designtheorielehre? Oder würde sie auch ausschließlich im Kokon des Designs funktionieren?

Ich glaube, es gibt diesen Kokon des Designs nicht. Das Design selbst ist immer schon eine transdisziplinäre Angelegenheit. Insofern kann ich mir eine theoretische Auseinandersetzung mit dem Phänomen gar nicht anders vorstellen als fachbereichsübergreifend. Und man muss sich in diesem Kontext auch fragen, was man eigentlich mit Transdisziplinarität meint. „Trans“ kann man erst identifizieren, wenn man die Disziplinen identifiziert hat. Man muss also sagen können, was der theoretische Anteil ist, was der kunstwissenschaftliche, der philosophische, der medienwissenschaftliche… Erst dann kann es darum gehen, diese Bereiche zusammenzuziehen. Das heißt aber nicht, diese Bereiche unscharf werden zu lassen, sondern sich vielmehr bewusst zu machen, wo man im Denken herkommt. Insofern würde ich sagen, dass man sinnvollerweise gar nicht anders als transdisziplinär an Designphänomene herantreten kann – eben weil sich die Phänomene selbst schon aus vielen unterschiedlichen Praktiken und Wissenskulturen speisen.

Die bisher zur Sprache gekommenen Disziplinen waren durchweg geisteswissenschaftliche. Würden Sie sagen, dass sich die sinnvollen Schnittmengen auf Geisteswissenschaften beschränken, oder spielen die Naturwissenschaften dabei auch eine Rolle?

In dieser Hinsicht würde ich bei mir selbst noch ein Defizit identifizieren. Für die Themen, mit denen ich mich bisher beschäftigt habe, habe ich mich vor allem geistes- oder sozialwissenschaftlicher Felder bedient und in ihnen gedacht. Aber wir können natürlich Ding-Objekte nicht sinnvoll erschließen, wenn wir beispielsweise nicht materialwissenschaftliche Erkenntnisse hinzuziehen. Ich weiß natürlich, dass das in den sogenannten Designwissenschaften schon vielfach und in einer wesentlich avancierteren Weise stattfindet, als ich das bisher in meinen Themen gemacht habe. Aber ich denke, dass es auch innerhalb der Transdisziplinarität unterschiedliche Schwerpunkte und Ausformungen gibt. Die einen konzentrieren sich eher auf die geistesgeschichtlichen oder ideengeschichtlichen Kontexte, die anderen sind viel stärker in der Auseinandersetzung mit den Technologien, den Materialien oder den Produktionsweisen beschäftigt. Das würde ich auch gar nicht hierarchisieren. Ich würde nur sagen, dass man eigentlich nie alles machen kann, sondern immer eine Spezialisierung benötigt – und die gibt es dann ja auch.

Was passiert, wenn in Designstudiengängen – egal welcher Art – keine Theorie gelehrt wird? Ist das möglich, ist das gut?

Ich glaube, man kann nicht ohne Theorie lehren. Genauso wenig, wie man ohne Praxis lehren kann. Wäre ich Produktdesigner und würde mit meinen Studierenden versuchen, ein Thema praktisch zu erarbeiten, dann wäre in der Auseinandersetzung mit dem Thema auch immer ein theoretischer Inhalt inbegriffen. Schließlich muss ich mich ja gedanklich mit dem Thema und dem Vorhaben auseinandersetzen. Ich muss also in eine reflektierende Distanz treten und gehe damit eigentlich schon den ersten theoretischen Schritt in das Thema hinein. Umgekehrt könnte man auch fragen, ob es eine Lehre ohne Praxis geben kann. Das ist in meinen Augen genauso wenig möglich. Denn, wie eingangs bereits ausgeführt, ist die Art und Weise, wie ich theoretische Inhalte vermittle und versuche zu erschließen, auch immer an praktische Überlegungen oder an einen praktischen Vollzug gebunden. In der Praxis selbst ist also eine Theorie eingelagert und in der Theorie eine Praxis.

Müssen wir Studierende die vielfach angesprochenen Reflexionsprozesse stärker üben? Und müssen Lehrende gezielter darauf achten, diese Prozesse anzustoßen?

Ich würde die Frage noch weiter zuspitzen und sagen, dass man die Reflexionsprozesse als Reflexionsprozesse sichtbar machen muss. Häufig vollziehen sich diese Prozesse ganz intuitiv und assoziativ – sie werden einfach durchgeführt. Das ist in vielen Fällen auch gut und erfreulich. Aber es ist mindestens genauso wichtig, seinen eigenen gedanklichen und theoretischen Vollzug zu beobachten. Man müsste also in eine Beobachtung zweiter Ordnung kommen und seine eigene theoretische Praxis als eine solche reflektieren. Das würde ich mir in der Tat viel stärker wünschen. Gleichzeitig ist das aber auch sehr anspruchsvoll. Es lässt sich sehr leicht formulieren, aber in einer Seminarsituation empfinde ich es als sehr schwierig, so eine Form von Metareflexion zu etablieren, oder für sie zu sensibilisieren. Manchmal gelingt es, indem man einfach fragt, wie man eigentlich auf verschiedene Punkte kommt und welche gedanklichen Prozesse unseren Thesen und unserer Theoriebildung zugrunde liegen. Das ist aber ein Schritt, der sehr mühsam gegangen werden muss. Denn an dieser Stelle fragen sich dann tatsächlich viele, warum sie sich darüber Gedanken machen sollen. Ich halte es jedoch für absolut wichtig, sich darüber Gedanken zu machen. Denn erst wenn man sich diese Gedanken macht, kann man die Theorie wirklich als eine Praxis erfassen.

Können wir in dieser Beziehung vielleicht auch von anderen Bereichen oder Studiengängen lernen?

Diese Frage kann ich nicht genau beantworten, dazu habe ich zu wenig Einblick in andere Fachkulturen. Ich halte es generell für eine epistemologisch und methodologisch herausfordernde Situation, sich in solch eine Metareflexion zu begeben. Gleichwohl würde ich sagen, dass sie in allen Fachkulturen notwendig ist. Denn auch die Wissenschaft und die Theorie braucht das Moment der Selbstreflexion. Letztlich könnte man sogar sagen, dass die Wissenschaft auf Momenten der Selbstreflexion basiert. Denn nur wenn ich überlege, was ich eigentlich tue, kann ich mein Tun auch zur Debatte stellen und es nicht als ein Absolutes oder als ein Definitives darstellen. Und es muss ja darum gehen, Wissenschaft kritisierbar zu halten.

Ethik & Moral

Nun formulieren sich Prozesse der Selbstreflexion auch schnell zu ethisch-moralischen Prozessen aus – ein Themenbereich, dem gegenüber wir ein vermehrtes Interesse unter den Studierenden festgestellt haben. Würden Sie sagen, dass es in der Designlehre ein anderes Umgehen mit Ethik und Moral geben sollte?

Interessant, dass Sie das fragen. Im jetzt beginnenden Wintersemester 19/20 biete ich ein Seminar über ethische und moralische Fragestellungen im Design an. Und der Auslöser für dieses Seminar war die Beobachtung, die Sie skizzieren. Gerade im Designbereich – oder auch unter vielen jungen Designerinnen und Designern scheint es ein ganz ausgeprägtes Bedürfnis dafür zu geben, sich mit ethischen Fragestellungen auseinanderzusetzen. In der Form ist mir das im Feld des Designs offen gestanden zum ersten Mal begegnet. Allgemein kenne ich das – soweit ich überhaupt Einblicke in andere Fächer habe – gar nicht so sehr. Juristinnen und Juristen setzen sich im Sinne der Rechtsphilosophie durchaus auch mit ethischen Fragestellungen auseinander, aber es sind nicht die vordringlichen Fragen. Ebenso wenig trifft man das in dieser Form – so zumindest mein Gefühl – in den Wirtschaftswissenschaften, der Germanistik, der Kunstgeschichte oder den Ingenieurwissenschaften. Aber im Design ist das im Moment eine sehr präsente Frage. Man sollte dieses Bedürfnis in jedem Fall ernst nehmen und aufgreifen – vielleicht, indem man zunächst einmal nachvollzieht, was ihm eigentlich als Motivation zugrunde liegt. Denn ich habe noch keine abschließende Antwort auf die Frage, warum es zu diesem Bedürfnis kommt und woraus es sich speist. Deswegen führe ich das Seminar durch.

Haben Sie schon eine konkrete Vorstellung davon, wie sich das Seminar ausformt?

Wir werden uns zunächst mit dem Unterschied zwischen Ethik und Moral befassen und verschiedene Ideentraditionen kennenlernen, um anschließend recht schnell in die Beschäftigung mit Design zu kommen. Es gibt einen wirklich ganz fantastischen Aufsatz von Vilém Flusser, in dem er über das „gute Design“ schreibt. Er koppelt dabei das „gute Design“ von ethischen Fragestellungen ab und argumentiert, dass das „gute Design“ überhaupt nichts mit ethischen und moralischen Erwägungen zu tun hat. Im Gegenteil könne sehr gutes Design auch moralisch absolut verwerflich und trotzdem ein „gutes Design“ sein. Umgekehrt könne die gute Absicht zu einem schrecklichen Design führen. Mit Positionen wie dieser werden wir uns beschäftigen, um das folgend auch an praktischen Beispielen durchzuführen. Wir wollen erproben, was es eigentlich für junge Designerinnen und Designer bedeutet, einen Entwurf zu machen und ethische oder moralische Fragestellungen zu integrieren. Das heißt, wir wollen untersuchen, welchen Einfluss diese Fragen auf die Entwurfspraxis ausüben und ob ein anderer Entwurf dabei herauskommt. Weiterhin gilt es zu klären, woran man seine moralischen Kategorien orientiert. Und man könnte sogar so weit gehen und fragen, ob man als Designerin oder Designer nicht schon anmaßend agiert, wenn man davon ausgeht, ein moralisch einwandfreies und gutes Produkt zu entwerfen.

Durchweg berechtigte Fragen – sehr schade, dass wir in diesem Semester nicht in Kassel studieren. Umso mehr freuen wir uns, dass wir Sie für dieses Interview gewinnen konnten. Vielen Dank dafür!

Ich danke Ihnen.